RUSSLAND UND SEINE
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20.03.2003 - Kai
Ehlers.
Modell Kasan:
Islam in Rußland – Front im Kampf der Kulturen oder Ansatz für eine Alternative?
Die russische Stadt Kasan/Wolga, das Zentrum des Islams
in Rußland, steht Modell für eine friedliche Koexistenz von
Orthodoxem Christentum und Islam. Der Jadidismus, dem der Rang einer tatarischen
Staatsideologie zukommt, bietet hierfür eine hervorragende Voraussetzung.
EM – Der andauernde Krieg in Tschetschenien läßt die
Befürchtung aufkommen, daß Rußland zur Front im Kampf der Kulturen aufrücken
könnte. Im schwarzen Loch Tschetschenien konzentrieren sich fundamentalistische
Energien, christlich orthodoxe ebenso wie islamistische, rassistische
und nationalistische.
Tschetschenien ist zudem nur ein Teil des Problems, soweit es die Beziehung
von christlichem und muslimischem Glauben in der Russischen Föderation
betrifft: Ca. 20 Millionen Muslime leben heute in Rußland, das sind 15
Prozent der Bevölkerung des Landes. Gut zehn Millionen dieser Muslime
leben in einer Enklave an der Wolga. Vier von sechs autonomen Republiken
sind dort muslimisch geprägt: Das sind – ihrer Bedeutung nach – Tatarstan,
Baschkortostan, Udmurtien, Mordawien. Dazu kommt El Mari mit einem hohen
Anteil muslimischer Einwohner und die tschuwaschische Republik. Die Tschuwaschen
sind zwar christlich-orthodox orientiert, sofern sie nicht naturreligiösen
Gebräuchen anhängen, ethnisch jedoch mit den Tataren verwandt.
Die Mehrheit der im Wolga-Raum lebenden muslimischen Gläubigen gehört
nicht-slawischen Völkern an, die im Zuge der Völkerwanderungen mit den
Hunnen, später mit den Mongolen als Nomaden aus dem Osten kamen und dann
im Wolga- Don- und Donauraum seßhaft wurden. Doch weder die inneren noch
die äußeren Grenzen Rußlands decken sich mit der religiösen Landkarte.
Und diese wiederum nicht mit der ethnischen.
Ein Dreieck islamischen Einflusses, das seine Basis in Zentralasien
und dem Kaukasus hat, ragt mit seiner Spitze direkt ins Herz des orthodoxen
Rußlands hinein
Die restlichen zehn Millionen Muslime sind über die ganze Russische Föderation
verstreut. Die Enklave an der Wolga, insbesondere Tatarstan mit seiner
Hauptstadt Kasan, ist ihre Orientierung. Zwischen dieser Enklave und den
kaukasischen Muslimen wie auch denen Zentralasiens – insbesondere Usbekistans
– bestehen enge Verbindungen. Die meisten der muslimischen Geistlichen,
die heute in Zentralrußland lehren, kennen sich noch aus der gemeinsamen
Studienzeit an der Islamischen Universität, die sie zu Sowjetzeiten in
Usbekistan besucht haben. Den Tschetschenen, auch wenn man unterschiedlichen
muslimischen Konfessionen angehört, fühlt man sich solidarisch verbunden.
So ragt ein Dreieck islamischen Einflusses, das seine Basis in Zentralasien
und dem Kaukasus hat, mit seiner Spitze direkt ins Herz des orthodoxen
Rußlands hinein. Türkei, Pakistan, Iran und nicht zuletzt Saudi-Arabien
wetteifern um Einfluß auf den wieder entstehenden russischen Islam. Dies
alles zusammen ist eine Gemenge-Lage, die eine Konfrontation zwischen
dem Restaurations-Anspruch des russischen-orthodoxen Zentralismus und
der Ausrufung eines islamischen Gottesstaates, wie man sie gegenwärtig
in Tschetschenien erleben muß, als nahezu zwingend erscheinen läßt. Hinzu
kommt schließlich noch die Tatsache, daß die russisch-orthodox orientierte
Bevölkerung stärker vom Bevölkerungsrückgang Rußlands betroffen ist als
die muslimische.
Kasan: Modell für die Koexistenz von orthodoxer russischer Kirche und
aufgeklärtem Islam
Um so erstaunter muß man sein, in Kasan auf das genaue Gegenteil einer
islamischen Bedrohung zu stoßen, nämlich auf ein exemplarisches Modell
für die Koexistenz von orthodoxer russischer Kirche und aufgeklärtem,
nach europäischem Verständnis modernisiertem Islam auf der Basis eines
gleichberechtigten Zusammenlebens von russisch-slawischer und tatarisch-mongolischer
Bevölkerung.
Kasan, das sich zur Zeit auf seinen tausendjährigen Geburtstag vorbereitet,
ist traditionell das Zentrum des russischen, genauer des euro-asiatischen
Islams. Gegründet 1005, wurde die Stadt nach der Vernichtung des bolgarischen
Wolgareiches 1237 und der anschließenden Niederlage der russischen Fürstentümer
zur nördlichen Residenz der Goldenen Horde.
Seit dieser Zeit ist Kasan nicht nur Hauptstadt des Wolgaraumes, sondern
auch Zentrum des Islams in Eurasien. Nach der Eroberung Kasans durch die
Truppen Iwans IV. – besser bekannt unter dem Namen Iwan der Schreckliche
– im Jahre 1552 wandelte es sich zum Zentrum der islamischen Enklave Rußlands.
Rund vier Millionen Muslime leben heute allein in dieser Republik.
Katharina II. legalisierte den Islam in Rußland
Aber nicht von Anfang an war Kasan ein Modell für Koexistenz zwischen
der russischen Orthodoxie und dem Islam: Iwan IV. und nach ihm die ersten
Romanows, die seine Politik der Ostkolonisation und des Kampfes gegen
die Tataren fortsetzten, versuchten den Islam im Herzen der neuen russischen
Gebiete an der Wolga auszurotten. Erst Katharina II. (Regierungszeit:
1762 – 1796) erkannte, daß eine dauerhafte Unterdrückung des Islams immer
neue Revolten im Lande hervorbringen mußte, in denen sich soziale, ethnische
und religiöse Probleme in explosiver Weise verbanden. So beendete sie
den Aufstand des Jemeljan Pugatschow von 1773 – 1775 nicht nur mit militärischen
Mitteln, sondern sie erließ eine Reihe von Ukasen, die den Islam in Rußland
legalisierten. Sie gestattete der islamischen Geistlichkeit den Aufbau
einer eigenen Verwaltung, förderte den Aufbau von Moscheen und mit den
Moscheen verbundenen Schulen und Institutionen. Kurz, seit dieser Zeit
leben orthodoxe Kirche und Islam in Tatarstan gleichberechtigt nebeneinander
– wohlgemerkt: Nicht in Rußland, sondern in Tatarstan und – in schwächerem
Maße - auch in den an Tatarstan angrenzenden muslimischen Ländern. Unter
diesen Bedingungen bildete sich eine ethnisch-religiöse, eine christlich-orthodox-muslimische,
eine slawisch-tatarische Mischkultur heraus, in der muslimische Tataren
und slawische Christen paritätisch miteinander leben.
Neben Moskau als politischem Zentrum und St. Petersburg als Fenster
zum Westen repräsentiert Kasan das euro-asiatische Rußland
Damit wurde die tatarische Hauptstadt Kasan zum Orientierungspunkt nicht-russischer,
nicht-christlich-orthodoxer Völker des russischen Imperiums. Sowohl in
der Revolution von 1917, als auch bei Einsetzen der Perestroika Ende der
80er des vorigen Jahrhunderts stand Tatarstan an der Spitze der innerrussischen
Bewegungen für Souveränität. Heute ist die Stadt das Zentrum der neu-föderalen
Bestrebungen Rußlands, in dem sich die Hoffnungen religiöser, ethnischer
wie kultureller Minderheiten Rußlands treffen. Das Nebeneinander der Mutter-Gottes-Kirche
und der ganz aus eigenen Mitteln restaurierten neuen Zentral-Moschee im
Kasaner Kreml, direkt gegenüber dem Regierungsgebäude ist das Symbol dieses
Selbstverständnisses der Regierung und Bevölkerung von Kasan/Tatarstan.
Das heutige Kasan ist ein Gegenentwurf zu Moskau – die heimliche dritte
Hauptstadt Rußlands. Neben Moskau als politischem Zentrum und St. Petersburg
als Fenster zum Westen repräsentiert Kasan das euro-asiatische Rußland,
in dem sich Westen und Osten, Christentum und Islam, Slawen und asiatische
Völker miteinander verbinden.
Forscht man nach dem Wesen dieser Koexistenz, trifft man auf den in West-Europa
bislang weithin unbekannten Begriff des Jadidismus. Der Begriff leitet
sich aus dem tatarischen Wort „jadid“ ab, was so viel heißt wie neu. Den
Gegensatz dazu bildet „kad“, althergebracht. Strömungen, die einem traditionellen
Islam das Wort reden, werden dementsprechend unter dem Begriff „Kadismus“
zusammengefaßt. Bei Kasans regierenden Tataren, allen voran dem Präsidenten
Mintimer Schamijew, ebenso wie bei seinem engsten politischen Berater
Dr. Raphael Chakimow genießt der Jadidismus den Rang einer Staatsideologie.
Dr. Chamikow spricht von einem aufgeklärten, einem reformierten, einem
europäisch orientierten Islam. Die persönliche Beziehung zu Allah stehe
vor den kollektiven Ritualen. „Im 18. Jahrhundert“, erklärt Dr. Chakimow,
„gab es hier eine Reformation des Islams“. Dr. Chakimow meint damit die
Reformen der Katharina II., die deswegen in der tatarischen Bevölkerung
bis heute zärtlich Babka, Großmütterchen, Katharina genannt werde. Man
könne den Jadidismus nicht direkt mit dem Lutheranismus vergleichen, aber
eine Reformation sei es zweifellos.
In einer eingehenden Erläuterung dieser Reformation sagt er: „Unsere
Wissenschaftler stellten die Frage, warum der Osten gegenüber dem Westen
zurückgeblieben sei. Die Antwort war, daß er gewissen Traditionen der
Autorität gefolgt sei, auf arabisch „taklid“. Das eben hat den Islam geschwächt.
Der ursprüngliche Islam ist dagegen auf kritisches Denken gerichtet. Jeder
sollte nachdenken, jeder sollte selbst abwägen. Aber dann kam die Tradition
auf, Autoritäten zu folgen, und der Islam wurde zu einer unumstößlichen
Vorschrift.
Unsere Reformatoren sagten dann, man müsse sich an das kritische Denken
wenden. Um den Koran zu lesen, muß der Mensch gebildet sein. Von daher
folgt als Erstes, daß jeder Muslim eine gute Bildung haben muß. Also muß
man neue Schulen bauen, nach europäischem Standart. Das war die erste
Etappe. Das Zweite war, daß im tatarischen Islam, im Jadidismus, die Religion
eine persönliche Angelegenheit ist. Da ist Allah – und da bist du; zwischen
euch ist kein Advokat. Da ist kein Mullah und kein Imam: Du alleine sprichst
mit Allah. Du sagst guten Tag, er antwortet. Hier hat die Obschtschina,
die Gemeinde, nichts zu sagen. Also, der tatarische Islam ist eine persönliche
Angelegenheit. Die Moschee ist natürlich ein Ort, wo man beten kann, aber
vor allem ist sie ein Zentrum der Bildung. Ansonsten gehst du in die Moschee,
wann und wo du willst. Niemand kann mir sagen, wie ich mich zu verhalten
habe – fünf mal zu Boden oder nicht fünf mal? Soll ich meinen Kopf beugen
oder nicht? Das ist meine Sache. Das unterscheidet den Tataren stark von
anderen moslemischen Völkern.
Jadidismus: Die einzige Autorität ist der Koran selbst
Das war schon vor der sowjetischen Zeit so. „Al Jadid“ ist die Bezeichnung
für diese Reform: Andere Beziehung zu Frauen; Frauen sind den Männern
in allem gleich; tolerante Beziehung zu anderen Religionen. Hauptsache,
du bist gläubig und tust gute Dinge. Allah ist für alle gut. In einem
allerdings unterscheidet sich der Jadidismus vom Protestantismus: Durch
den Protestantismus hat sich auch im Glauben selbst viel geändert, der
Jadidismus kehrt nur einfach zum Koran zurück. Er wendet sich von der
Prophetenvermittlung ab, der Autoritätsgläubigkeit. Für den Jadidismus
ist die einzige Autorität der Koran selbst.“
Man könnte argwöhnen, der Jadidismus sei nur eine Erfindung der Politiker,
um die ethnischen und religiösen Probleme der Republik ideologisch in
den Griff zu bekommen. Angesichts der Lücke, die der Zusammenbruch der
atheistischen Staatsideologie in Rußland hinterläßt, wäre das nicht verwunderlich
und nicht einmal zu kritisieren.
Kasans muslimische Geistlichkeit unterstützt jedoch nicht nur den Kurs
des Präsidenten, sie hält nicht nur engste Kontakte zu Dr. Chakímow als
aktivem Vertreter des Jadidismus im Kasaner Kreml, sie sieht sich auch
selbst ganz und gar in dieser Tradition.
Und sie versteht den Jadidismus als ein Modell für das Zusammenleben
von Christen und Moslems: „Kasan ist heute ein Beispiel“, erklärt Valjulla
M. Yaghupow, Assistent des obersten Mufti im Kasaner geistlichen muslimischen
Zentrum, „denn ungeachtet der Tatsache, daß hier 50 Prozent Christen und
50 Prozent Moslems leben, hat es bisher keine blutigen Zusammenstöße in
religiösen Fragen gegeben. Das sagt schon viel aus. Selten sind die Länder
in der Welt, wo es ein solches Verhältnis von Christen und Moslems gibt
und wo kein Blut vergossen wird. Erinnern Sie sich an Bosnien usw., außer
bei uns gelingt es kaum irgendwo, diese Fragen friedlich zu lösen. Deshalb
sind wir ein Modell. Überhaupt haben wir hier eine einzigartige Situation
in bezug auf die Veränderungen, welche die islamische Welt heute in Berührung
mit den Weltproblemen bringen. Für diese Prozesse kann der Islam, der
hier bei uns besteht, der Jadidismus zu einer allgemeinen Plattform werden,
weil wir eine sehr reiche Erfahrung im Zusammenleben mit Christen haben.
Das ist jetzt aktuell.“
Wie die politische Führung spricht auch die muslimische Geistlichkeit
von „Euro-Islam“. „Das ist Alltags-Islam unter den Bedingungen einer christlichen
Zivilisation, der heutigen Zivilisation, die Anpassung des orthodoxen
Islams an die Bedingungen der heutigen Welt, das heißt auch, Alltagsbedingungen
des Islams heute generell“, sagt Valjulla M. Yaghupow. Für dessen Entwicklung
bestünden unter den Bedingungen der nach-sowjetischen Aufarbeitung besonders
günstige Voraussetzungen. Doch, schränkt er ein, sei dies nicht gleichzusetzen
mit einer Modernisierung des Islams.
Die drei Bestandteile des Islams: Koran, Scharia und „urf adak“
Der Islam bestehe aus drei Teilen, von denen aber üblicherweise nur zwei
bekannt seien, erklären Kasaner Religionsforscher wie Rafik Muhammedschin
diesen Widerspruch: Erstens der Koran, das Wort Allahs, als eigentlicher
Kern des Islams und zweitens die Scharia, der Alltag, der sich auf Grundlage
des Islams herausbilde.
Das dritte Element jedoch, welches hinzutrat, als viele verschiedene
Völker zum Islam übertraten, werde in der Regel vergessen: „urf adak“,
die Einrichtung der „abweichenden Rechte“. Diese Rechte ergeben sich aus
der besonderen Lage des jeweiligen konvertierten Volkes.
Wenn sie dem Islam nicht widersprächen, so Rafik Muhammedschin, könne
man sie in Anspruch nehmen. In diesem Sinne existiere auch im Islam schon
lange der Liberalismus, der zwischen Religion, Staat und jeweiliger Gesellschaftsform
differenziere. Wenn der Koran und die Scharia als Kanon zu verstehen seien,
die prinzipiell nicht in Frage zu stellen sind, so unterstreiche „urf
adak“, der Teil der „abweichenden Rechte“ die Besonderheiten der verschiedenen
Regionen – Iran oder Zentralasien, Tatarstan oder Kaukasus – und selbstverständlich
auch der verschiedenen Zeiten.
In diesem Verständnis sind sich Vertreter des Jadidismus mit denen des
Kadismus im Grundsätzlichen einig; die Unterschiede zwischen ihnen liegen
im Detail. Damit steht die große Mehrheit der tatarischen Muslime und
mit ihnen die Mehrheit aller Muslime Rußlands bei aller Solidarität mit
den verfolgten Glaubensbrüdern und –schwestern in prinzipiellem Widerspruch
zu den Fundamentalisten arabischer Herkunft in Tschetschenien, die „urf
adak“ als Verunreinigung des wahren Islams ablehnen und den Koran als
Grundlage eines Gottesstaates begreifen. Die Verbreitung ihrer Vorstellungen
ist jedoch marginal im russischen Islam. Ebenso marginal sind Strömungen
wie die der Sufis auf der anderen Seite des Spektrums, die überhaupt keine
Beziehung zwischen Religion, Staat und Gesellschaft herstellen wollen.
Differenzen unter den Muslimen Rußlands betreffen heute eher die
Frage, in welcher Form sich die islamische Kirche organisiert, als Teil
der russischen Zentrale oder als dezentrale Kraft von unten. Diese Frage
ist bisher nicht entschieden. Zur Zeit gibt es zwei zentrale Vertretungen
des Islams, die eine im alten Stil von einem „Obersten Mufti der Russischen
Föderation“ aus Moskau geleitet, die andere aus den muslimischen
Gemeinden Tatarstans und anderer Republiken Rußlands demokratisch
gewählt. Beide existieren nebeneinander. Angesichts der Tatsache,
daß außerhalb Tatarstans von gleichen Rechten für die
muslimische und die orthodox-christliche Kirche nicht die Rede sein kann,
ist die demokratische Variante, die sich mit einer Orientierung nach Europa
verbindet, das attraktivere Modell.
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