BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind
11-09-2002 © Moskauer Deutsche Zeitung
Onkel Ildars Wundertempel
Ein Mann, ein Gott und viele Religionen teilen sich ein einzigartiges
Haus
"Sind Sie glücklich?" fragte ich Ildar Khanow. Der drahtige Mann
lächelt und antwortet: „Ja, ebenso wie Sie und Tausende von Menschen.
Freilich wissen sie es nur nicht.“ Sein graumeliertes schütteres
Haar, die hohe Stirn und die feinen Fältchen auf dem braungebrannten
Gesicht sprechen Bände. Eine Minute zuvor streckte er mir zur Begrüßung
beide Hände entgegen – so ist es üblich bei den Moslems. Dann
stellte er sich vor: „Ildar, einfach Ildar. Bitte ohne Vatersnamen! So
etwas ist bei den Russen unüblich, also findet sich eine tatarische
Alternative: ‚Ildar-aby‘, was ungefähr ‚Onkel Ildar‘ bedeutet.“
Ildar Khanow ist ein bekannter tatarischer Kunstmaler, Bildhauer, Architekt,
Philosoph, Heilkundiger oder einfach „eine bizarre Person“, wie ihn die
Intelligenzija nennt. Von Ärzten wird er immer wieder kritisiert,
da er einen Mann von seinem Krebsleiden erlöst hat. Geistliche finden
ihn „zu neutral“, da er mit allen Göttern friedlich in einem gemeinsamen
Haus lebt: Vor fast zehn Jahren begann Ildar-aby mit dem Bau des ungewöhnlichen
Gebäudes am malerischen und wilden Ufer der Wolga. Bereits nach zwei,
drei Jahren wurde die Baustelle eine der Hauptsehenswürdigkeiten
– nicht nur der Siedlung „Staroje Araktschino“, sondern ganz Kasans und
Tatarstans. Journalisten wurden zu Dauergästen. Kein Wunder, denn
in nur wenigen Jahren entstanden über den Dächern der Bauernhäuser
zunächst vier, dann fünf und heute bereits 16 Zwiebeltürmchen,
Spitzdächer, Kuppeln und Minarette – eine Symbiose der Weltreligionen.
Khanow ist der Meinung, dass es eben 16 seien.
Die meisten Passagiere, die von einem Wolgadampfer das Gotteshaus zum
ersten Mal erblicken, fragen verblüfft, ob dies eine Kirche, Moschee
oder Synagoge sei. Doch Ildar Khanow erklärt, dass es überhaupt
keine religiöse Einrichtung sei, sondern sein Wohnhaus, seine Heilstätte
und sein Atelier. Zeitweilig ist es auch eine Übernachtungsstätte
für junge Drogenabhängige, die ihn beim Bau unterstützt
haben. An Gott glaube er, erklärt das Multitalent. „Ich achte auch
alle Religionen. Aber Gott ist einzig, er hat nur viele Namen. Gerade
deshalb ist mein Haus keine Gotteslästerung.“ Khanow erzählt
weiter: „Mit drei Jahren habe ich den klinischen Tod erfahren. Ich erinnere
mich nur an eine schöne Melodie, meine verstorbenen älteren
Brüder und meine Großmutter, die während des Krieges verhungert
ist. Sie reichten mir ihre Hände und lächelten“, erinnert sich
der Künstler. „Da kam ein Greis und sagte mir, ich würde zu
früh herkommen und müsse wieder zu den Menschen zurück.
Ich erwachte aus der Ohnmacht, hörte Gebete und sah, dass mich meine
zweite Großmutter mit einem Sterbehemd bekleidete“, erzählt
Khanow.
Die Vision, einen Dom aller Religionen zu errichten, verfolgte den Kasaner
seit seiner Jugend. In der Sowjetunion war dies jedoch nicht möglich.
Khanow wurde von Fidel Castro und Jawaharlal Nehru eingeladen, doch er
wollte das Gotteshaus nur an seinem Geburtsort errichten. Eines morgens
erwachte „Ildar-aby“ und fing neben seinem alten Haus an zu graben, zehn
Stunden lang, ohne Unterbrechung. „Es war eine Vorsehung. Mein Nachbar
fragte mich, was ich baue, und ich antwortete ihm – den Tempel aller Religionen“,
sagt der Kasaner. Sofort packte der Nachbar mit an und rief sogar seine
Arbeiter. Viele Leute halfen umsonst. „Für die Drogensüchtigen
war es eine Art Arbeitstherapie“, sagt Khanow.
Sein Traum war es, Bilder und Skulpturen zu schaffen, die atmen und sprechen
konnten. Als Khanow noch Student an der Moskauer Surikow-Malereihochschule
war, lernte er den später bekannten russischen Barden Wladimir Wyssozkij
kennen. Der künftige Sänger wurde sein erster Kritiker und beriet
ihn bei seinen ersten Malereierfahrungen. Gitarre und Pinsel lebten glücklich
unter dem Dach des Studentenwohnheims. Während andere Studenten während
des Praktikums schöne Landschaften und lächelnde Jungfrauen
zeichneten, malte Ildar die schrecklichen Trümmer eines Eisenhüttenwerks.
Bald tauchte eine Bilderreihe auf, die in der UdSSR Furore machte. "Hiroshima"
hieß die Serie mal abstrakter, mal kubischer, mal realistischer
Gemälde, deren Meisterwerk von Khanow "Apokalypse der Geschichte"
genannt wurde. Zu Sowjetzeiten wollte man ihn wegen seiner Bildhauer-Werke
sogar einsperren: „Wegen der rechtswidrigen Installation bourgeoiser Kunstwerke
auf den Straßen einer sowjetischen Stadt“ warf man dem Tataren vor.
Khanow schmolz in einem Werk in der Stadt Nabereschnyje Tschelny nächtelang
tonnenschwere Metallskulpturen, die er heimlich in den Straßen der
Stadt aufstellte.
Seine jüngsten Bilder dem Kampf gegen die Drogensucht gewidmet –
denn Ildar-aby ist auch Heilkundiger. Zunächst erprobte das Multitalent
seine angeborenen Fähigkeiten an sich selbst: Noch zu Studentenzeiten
gelang es ihm, seine Tuberkulose zu bekämpfen. Doch statt Bettruhe
zu halten und sich vernünfig zu ernähren, beschäftigte
er sich mit Joga, hungerte bis zu 40 Tagen und malte nachts gigantische
Bilder, die die Größe einer Zimmerwand hatten. Khanow behauptet,
dass er von Kindesbeinen an mit einem Röntgenblick durch Menschenkörper
hindurchsehen könne. Fürs Heilen benutze er seine innere Energie,
Massage und die von ihm hergestellten Geräte. Zu seinen (manchmal
geheimen) Patienten gehörten Stars, Politiker und sogar ehemalige
Sowjetfunktionäre: Nikita Chruschtschow hatte Probleme mit dem Herzen,
sein Nachfolger Leonid Breschnjew litt an Hämorrhoiden und der Olympiasieger
im Hochsprung, Sergej Bubka, wendete sich mit seinen Sportverletzungen
an Khanow. Ildar-aby ist natürlich kein Zauberer und seine Begabungen
können eines Tages wohl wissenschaftlich erklärt werden. Man
sagt, wenn ein Mensch wirklich begabt ist, ist er in vielen Bereichen
zugleich talentiert.
Doch Khanow hat nicht nur Träume, er hat auch Pläne. Sein Haus
in Staroje Araktschino soll ein großer Tempel der Wahrheit und Kultur
werden, mit Observatorium, Theater, Klinik, Kunstakademie und Sportkomplex.
Auch ein modernes Rehabilitationszentrum für Drogensüchtige
soll in der Nähe entstehen, am liebsten würde Khanow eine Insel
anschwemmen lassen.
Seine Kraft schöpft der Meister aus seiner Arbeit, dem Schwimmen,
Joga treiben und der Meditation. Zwei bis fünf Stunden Schlaf reichen
ihm, er läuft viel barfuß und ernährt sich vegetarisch.
„Nur Brot und Grünzeug, außerdem esse ich nur einmal pro Tag
und Nacht“, verrät Onkel Ildar seine Energiequellen. „Außerdem
habe ich überhaupt keine Zeit, über Krankheiten oder den Tod
nachzudenken“.
zum Original bei MDZ >>>
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