BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind
06/2002 -"Moskauer Deutsche Zeitung"
Rückkehr des "verlorenen Sohnes"?
Republik Tatarstan passt ihre Gesetze immer mehr der Föderation an
Die ehemals quasi unabhängige Republik Tatarstan bringt ihre regionalen
Gesetze in volle Übereinstimmung mit der russischen Gesetzgebung. Innerhalb
von zwei Jahren wurden von der tatarischen Staatsanwalt, dem obersten
Gericht und dem Staatsrat über 200 örtliche Gesetze und Verordnungen geändert.
Als weiteren empfindlichen Schlag gegen die Souveränität der Region könnte
man die erneute, vom Parlament verabschiedete Redaktion der Verfassung
bezeichnen.
Auf einer Konferenz, die vor kurzem in Kasan stattgefunden hatte, sprachen
sich die Vertreter mehrerer russischer Regionen sowie Abgeordnete der
Staatsduma einstimmig gegen die Mechanismen aus, die den Umbau der regionalen
Gesetzgebung in Russland behindern. Betont wurde, dass die Prinzipien
der Subsidiarität und der Zuständigkeit der russischen Regionen verletzt
werden könnten.
Das Grundgesetz der Republik Tatarstan wurde vor der Verfassung Russlands
verabschiedet. So konnte es dem föderativen Gesetzestext trotz mehrerer
Korrekturen nicht entsprechen. Die selbe Situation prägt auch einzelne
tatarische Gesetze. Mehrere Paragrafen und einige Punkte der Verfassung
Tatarstans waren nach Ansicht von Experten fortschrittlicher als ihre
russischen Analoge. Diese These betont der Präsident der Republik Tatarstan,
Mintimer Schaimijew, immer wieder. Was jedoch die demokratischen Aspekte
der regionalen Verfassung betrifft, ist diese Auffassung nicht ganz unumstritten.
So schreibt das russische Grundgesetz beispielsweise vor, dass das Oberhaupt
der örtlichen Behörden gewählt wird und erlaubt Verfassungsänderungen
ausschließlich durch Volksabstimmung. Jedoch wird die Führung der Landkreise
(Rayons) und der Städte schon seit langem vom Präsidenten eingesetzt.
Und die zahlreichen Korrekturen der Verfassung wurden während der Parlamentssitzungen
verabschiedet.
Die Staatsanwaltschaft Russlands legte Protest gegen 40 verschiedene
Artikel ein und Hauptzielscheibe war dabei die grundlegende Phrase, dass
die "Republik Tatarstan ein unabhängiger Staat ist, ein Subjekt des Völkerrechts,
das mit der Russischen Föderation durch einen Vertrag assoziiert ist,
der die Zuständigkeit abgrenzt und die gegenseitige Übertragung der Machtbefugnisse
zwischen der Russischen Föderation und der Staatsorgane der Republik Tatarstan
regelt.
Die grundlegenden Änderungen der regionalen Verfassung betrafen
den strukturellen Umbau nicht so sehr wie die geopolitische Anwendung
des Wortes Souveränität. Bereits im ersten Artikel
der Neufassung wiederholt sich die Bezeichnung Russische Föderation
sechs Mal, während sie bislang im ersten Teil des Kodex nicht erwähnt
wurde. Beide Fassungen lassen sich auch im Internet vergleichen: www.tatar.ru/append27.html
und www.tatar.ru/constitution.html.
Bemerkenswert ist, dass Moskaus Kompetenz auf dem Gebiet der Innen- und
Außenpolitik und des Rechtswesens erheblich verstärkt wurde. Dafür erhielten
die Kommunen und Gemeinderäte mehr Befugnis bei der Eigentumsverwaltung.
Das tatarische Bodengesetz ist nach allgemeiner Auffassung fortschrittlicher
als das russische, da es die langfristige Vermietung sowie den An- und
Verkauf zulässt. Dies trifft auch für einige andere Verordnungen und Dokumente
in Tatarstan zu, die nicht nur verabschiedet wurden, sondern auch erfolgreich
angewendet werden.
Von Präsident Wladimir Putin erklärtes Ziel ist es, durch eine schrittweise
verstärkte Senkrechte der Zentralmacht Ordnung in den Staat
zu bringen. Tatarische Politiker behaupten jedoch, dass durch eine übermäßige
vertikale Macht gepaart mit den Bedingungen der alten Mentalität
und der Trägheit des Totalitarismus die Rückkehr zum stark zentralisierten
Unitarstaat beschleunigt wird.
Zur Zeit berät ein spezieller Ausschuß unter Präsident Putin im Kreml
über die Abgrenzung der Befugnisse zwischen den föderalen, regionalen
und kommunalen Machtorganen Russlands. Meist handelt es sich um eine optimale
Parität von ausschließlicher und Rahmengesetzgebung. Es ist schwer zu
sagen, zu welchem Ende diese Tendenz zum Zentralstaat führen wird.
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