BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind

27-02-2002 © Moskauer
Deutsche Zeitung
"Ein Zentralstaat ist gefährlich"
Exklusivinterview mit dem Präsidenten Tatarstans Mintimer Schajmijew
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Würde man eine Hitparade der Medienpräsenz russischer Regionen
veranstalten, kämen Tatarstan und Tschetschenien sicherlich auf die
Spitzenplätze. Doch während in der Kaukasus-Republik seit vielen
Jahren der Krieg tobt, gilt das Tatarstan als eines der wachstumsstärksten
Gebiete. Geführt wird die Wolga-Republik von Präsident Mintimer
Schajmijew, den russische Journalisten "Babai" getauft haben.
Das tatarische Wort bedeutet frei übersetzt "Opa, weise, sorgsam,
streng". In einem Exklusivinterview für die MDZ spricht der 65-Jährige
über die Probleme des russischen Föderalismus, den Ausgleich
zwischen den Nationalitäten und die Stärke seiner Heimatregion.
Herr Schajmijew, ist Russland jemals ein föderativer Staat gewesen?
Nein. Von der Form und vom Inhalt her könnte man schon eher die
Sowjetunion als die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik
(RSFSR) als eine Föderation bezeichnen. In beiden Fällen kann
man den mächtigen Einfluss Moskaus feststellen. In Russland war dieser
so stark und die Befugnisse der meisten Regionen so schwach, dass ich
es nicht riskieren würde, dieses Land wirklich einen föderativen
Staat zu nennen.
Politologen meinen, dass ein föderativer Aufbau nur per Verfassung,
nicht jedoch per Übereinkunft vereinbart werden kann. Vielleicht
scheiterte gerade deswegen der Versuch der russischen Regionen, eine gleichberechtigte
Beziehung zum Zentrum aufzubauen?
Wären die Prinzipien des Föderalismus ursprünglich im
Grundgesetz fixiert worden, bräuchte man keine Verträge. Das
ist jedoch nicht geschehen. Deswegen war unser Abkommen mit Moskau eine
notwendige und erzwungene Maßnahme. Der Föderative Vertrag,
der uns 1992 angeboten wurde, sollte die Basis einer wirklichen Föderation
werden nach den Prinzipien, an deren Entwicklung ich auch aktiv
mitgewirkt habe. Doch letztendlich haben uns bestimmte politische Kräfte
einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dadurch wurde die Entwicklung
eines gesonderten Vertrages ausgelöst, der das Verhältnis zwischen
Moskau und Tatarstan regelt.
Mir fällt Jelzins berühmte Phrase ein: "Nehmt Euch so viel
Souveränität, wie Ihr könnt!". Erscheinen Ihnen diese Worte
nicht zu sarkastisch, im Sinne von: Verschluckt euch ruhig?
Nein, ich weiß ganz genau, wie und unter welchen Umständen
er das gesagt hatte. Solche Zwischentöne dürfte sich ein direkt
vom Volk gewählter Präsident nicht erlauben. Dazu muss man verstehen,
welche Anstrengung es ihn gekostet hatte, über seinen eigenen Schatten
zu springen. Der ehemalige Parteifunktionär, der Politiker, der unter
dem totalitären Apparat aufgewachsen ist, wurde plötzlich zum
Symbol für Demokratie. Da hätte eine solche Phrase nicht gepasst.
Später fragte er mich einmal während eines Abendessens: "Was
sollten wir tun?". Daraufhin habe ich geantwortet: "Uns verständigen."
Wir haben drei lange Jahre verhandelt und 1994 diesen historischen Vertrag
schließlich unterschrieben. Davon wollen wir auch nicht zurücktreten,
denn er wurde zum Stabilitätsfaktor und zur vereinigenden Idee für
unser multinationales Volk. Er ist zu viel wert, nicht nur für unsere
Republik. Heute besteht die Gefahr, den Weg zum Zentralstaat einzuschlagen.
Dabei wollen wir keinesfalls die Ganzheit und Einheit Russlands antasten.
Es wäre einfach unzulässig, alles zunichte zu machen, was in
den letzten zehn Jahren unternommen wurde, um aus Tatarstan eine souveräne
Verwaltungseinheit der Föderation zu machen.
Wäre es nicht leichter, Russland als Zentralstaat zu führen?
Natürlich. Und es wäre viel einfacher, seine territoriale
Gesamtheit durch eine Diktatur zu verwalten. Aber Russland kann nicht
zugleich ein unitaristischer und demokratischer Staat sein. Entweder
oder. Einen dritten Weg gibt es nicht. Die Doktrin der so genannten "demokratischen
Zentralisierung" ist falsch. Und künftig wohl auch gefährlich.
Anfang der 90er Jahre kam es auch in Tatarstan zu ernsthaften ethnischen
Zwischenfällen. Es wurden sogar Forderungen laut, dass man Kinder
aus Mischehen "beseitigen" solle. Ist die nationale und religiöse
Einheit zwischen den Völkern in Tatarstan wirklich erreicht?
Ja, sie ist erreicht. Und glauben Sie mir, dieses "Ja" aus meinem Mund
hat einen hohen Preis. Ich war Augenzeuge jener Ereignisse. Wir wandelten
auf der Klinge eines Rasiermessers. Von der einen Seite bestürmten
mich Vertreter der tatarischen radikalen Organisationen, von der anderen
Seite blickte mich die russischsprachige Bevölkerung voller Hoffnung
und Sorge an. Bis heute sehe ich ihre Augen, es spiegelte sich jedoch
keine Feindseligkeit darin, vielmehr ein Vertrauenskredit. Während
meiner früheren Reisen in die russischen Bezirke Tatarstans habe
ich eine starke Spannung empfunden, doch heute sind die Leute ruhig.
Seit dieser Zeit versuche ich auf Dienstreisen oder an Feiertagen möglichst
auf die Menschen zuzugehen, mit ihnen zu reden und ihre Stimmungen aufzunehmen.
Gott sei Dank ist die emotionale Anspannung während der Kundgebungen
und Unruhen nicht überschritten worden. Es gab weder Messerstechereien,
noch Schlägereien, die nationale Hintergründe gehabt hätten.
Die Folgen sind gar nicht auszudenken, wenn es uns nicht gelungen wäre,
diesen Prozess unter Kontrolle zu bekommen. Damals war es sehr wichtig,
die Souveränität Tatarstans zu erklären und zu verteidigen,
ohne die Hoffnungen des tatarischen Volkes zu enttäuschen. Dabei
sollten Gleichberechtigung und Frieden geschafft werden, um das Vertrauen
der Russen zu gewinnen. Das ist uns gelungen.
In Tschetschenien ist das nicht gelungen. Warum?
Dort haben die radikalen politischen Kräfte Oberhand gewonnen.
Dschochar Dudajew, so sagen seine Vertrauten, war ein herausragender Offizier
und ohne Zweifel klug und vernünftig. Doch er wurde von Radikalen
beeinflusst und zum symbolischen Vorreiter der nationalen Befreiungsbewegung
für die vollständige Unabhängigkeit. Von da an gab es kein
Zurück mehr. Statt langwierige Verhandlungen in die Wege zu leiten,
schaltete Moskau den typischen "sowjetischen Mechanismus" zur Lösung
der geopolitischen Probleme ein. Noch während des ersten Tschetschenienkrieges
habe ich in Haag mein eigenes Programm zur Regelung des Konflikts verkündet.
Es entsprach dem mehrstufigen Aufbau der Vertragsbeziehungen.
Was könnte man heute tun, um diese Tragödie zu stoppen?
Genau dasselbe sich an den Verhandlungstisch setzen. Dabei muss
jedoch klar sein, dass die Beratungen lange dauern werden. Dieser Dialog
müsste mit den wirklichen tschetschenischen Oberhäuptern geführt
werden, die nicht nur ernannt wurden, sondern tatsächlich über
die legitime Macht verfügen. Es reicht nicht, einfach Herrn Kadyrow
zum Chef der Region zu bestellen. Vielmehr müssen alle Kräfte
aktiviert werden, damit er zu einer starken politischen Figur wird. Es
lohnt sich nicht, die tschetschenische Verfassung so schnell wie möglich
voranzutreiben, um sie dann in volle Übereinstimmung zum russischen
Grundgesetz bringen zu wollen.
Immer häufiger wird das Wort "Terrorismus" heute mit dem Adjektiv
"islamistisch" in Verbindung gebracht. Einige Medien halten den Islam
für eine weltweite Gefahr.
Terrorismus und der Islam haben nichts gemeinsam. Alle Religionen dieser
Erde verbieten den Mord am Menschen. Auch der Islam ist in seinem Kern
eine sehr friedliche und tolerante Religion. Terroristen, die sich mit
dem Mäntelchen der Religion zudecken, begehen eine schwere Sünde
vor den Menschen wie vor Gott. Außerdem schließe ich nicht
aus, dass die Islamophobie künstlich aufgebläht wird. Sie ist
ein Produkt des internationalen Terrorismus, ein Element bei der Strategie
des Zusammenpralls von Ost und West. Darum ist der Dialog zwischen den
Zivilisationen sehr aktuell, ebenso die Solidarität im Kampf gegen
den Terror, vor allem im Bereich der Kultur und der Information.
West und Ost müssen öfter zusammentreffen, um mehr voneinander
zu erfahren, um negative Stereotypen und radikale Einschätzungen
abzuschütteln. Man darf einzelne Tatsachen nicht pauschalisieren
und die Konflikte im Kosovo, in Bosnien, Israel, den USA und Tschetschenien
abstrakt als Kriegssymptome der Zivilisation definieren. Es gibt viele
positive Beispiele auf der Welt: Bei uns in Tatarstan leben Moslems und
Orthodoxe seit Jahrhunderten in Frieden und Eintracht, auf ständiger
Suche nach einer Lösung der gemeinsamen sozialökonomischen Probleme.
Im 19. Jahrhundert ist bei den Tataren der islamische Reformstrom Dschadidismus
entstanden, der für eine Erneuerung dieser Religion und eine Öffnung
gegenüber der russischen und westlichen Kultur eingetreten ist. Deshalb
wurde der Islam in Russland weltlicher und empfänglicher für
demokratische und liberale Werte aus dem Westen. Alle Konflikte werden
von Menschen geschaffen, die Interessen von engen Gruppen verfolgen
meist sind dies wirtschaftliche oder politische Ziele.
Tatarstans Wirtschaft lebt vor allem vom Erdöl. Was passiert,
wenn die Vorkommen versiegen und die erdölverarbeitenden Betriebe
verschwinden?
Was passiert denn heute? Ende des vorigen Jahres sind die Erdölpreise
stark gesunken, im Binnenmarkt um bis zu 150 Prozent. Doch im Januar haben
wir genauso viele Steuern eingetrieben, wie im Vorjahr. Es gibt Hunderte
von Staaten auf der Welt, die über gar keine Ressourcen verfügen,
sondern ihr wissenschaftliches und ihr Produktionskapital optimal einsetzen.
Noch vor meiner dritten Amtszeit als Präsident haben wir mit einem
Programm zur Stärkung des Mittelstandes begonnen. Tatarstan zeichnet
sich vor allem durch sein intellektuelles Potential aus, hier entfalten
sich der Dienstleistungssektor und die Produktion sehr aktiv. Wichtig
ist, dass wir die Richtung bestimmen und Akzente setzen. Tatarstan verfügt
über Maschinenbau, Landwirtschaft, ein aufstrebendes Kleinunternehmertum
und hochentwickelte Technologien. Ich bin fest überzeugt davon, dass
Erdöl für unsere Region künftig nicht die Haupt-, sondern
nur eine zusätzliche Einkommensquelle sein wird. Die Situation hat
sich ohnehin verändert: Die Erdölmonopole arbeiten hauptsächlich
für das föderale Budget. Der regionale Haushalt wird vor allem
durch Einkommens- und Gewinnsteuern bestritten.
Die Leser der MDZ sind die ersten, denen ich meinen Plan vorstelle:
Wir wollen die Arbeitslöhne unserer Einwohner auf ein Niveau bringen,
dass wir mit ihren Einkommenssteuern unsere Staatsbediensteten voll selbst
bezahlen können. Dieses Ziel soll bis Ende des Jahres zu 70 Prozent
erreicht sein. Dabei sollte das monatliche Durchschnittseinkommen in Tatarstan
rund 145 Euro pro Monat betragen.
Herr Präsident, 1995 haben Sie den jetzigen deutschen Bundeskanzler
und damaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens, Gerhard Schröder,
empfangen. Was ist außer Erinnerungen von diesem Besuch übrig
geblieben?
Es
wurden eine Reihe von Abkommen über eine Zusammenarbeit unterzeichnet.
Gemeinsame Projekte wurden umgesetzt, vor allem auf dem Gebiet der Verarbeitung
landwirtschaftlicher Erzeugnisse und der Erdölförderung. Heute
arbeiten hier nicht nur niedersächsische, sondern auch Firmen aus
anderen Bundesländern sehr produktiv. Ich denke, dass von allen ausländischen
Partnern nicht nur in Tatarstan, sondern bezogen auf ganz Russland
gerade die Deutschen am aktivsten und beständigsten arbeiten.
In Zusammenhang mit dem Besuch von Herrn Schröder fällt mir
eine amüsante Geschichte ein. Als er kürzlich in Moskau war,
wurde ich auch zum Mittagessen eingeladen. Kaum hatte er mich gesehen,
fragte er laut: "Nun, wie steht es mit dem Rasen in Kasan?" Niemand hat
es verstanden, aber wir mussten lachen. Wir hatten damals gelernt, Auslandsgäste
nur auf hohem Niveau zu empfangen. Das Treffen sollte in der frisch renovierten
Residenz stattfinden. Eigentlich wollten wir das Gelände in kürzester
Zeit mit Rasen verschönern. Doch so sehr wir uns auch bemühten,
am Ende waren nur Löcher und Grasbüschel zu sehen. So habe ich
mich bei meinem deutschen Kollegen über unsere vergebliche Arbeit
beklagt, den Hof so schnell wie möglich zu schmücken.
Alles braucht Zeit und Können. Überhaupt waren wir sehr naiv
und haben auf jede Weise versucht, Kapital anzulocken. Doch die Erfahrung
hat gezeigt: Hoffe auf Investitionen, aber sei auch selbst stark.
Herr Schajmijew, warum gestehen Könige, Kanzler und Premierminister
nur selten ihre eigenen Fehler ein? Auch Sie hinterlassen den Eindruck
eines Menschen, der unfehlbar ist. Ein Engel also
?
Ich bin nur ein einfacher Mensch, deshalb fällt es mir schwer,
mein Unrecht einzusehen und Selbstkritik zu üben. Wir Politiker unterscheiden
uns von normalsterblichen Leuten darin, dass wir öffentlich wirken.
Doch auch Journalisten sind keine Engel, sie können meine Worte mit
verzerrten Kommentaren verändern. Doch ich meine, dass ich bislang
keinen so großen Fehler begangen habe, den ich öffentlich bereuen
müsste. Echte Politiker sollten ihre eigenen Emotionen und Offenbarungen
zurückhalten.
Machen Sie sich bereits Gedanken um einen würdigen Nachfolger?
Erstens, wenn ich der Meinung gewesen wäre, dass alle lebenswichtigen
Entscheidungen zum Aufbau unserer Republik schon getroffen und alle Kernprogramme
zur Stabilisierung ihrer Entwicklung schon umgesetzt wurden, dann hätte
ich mich nicht für eine dritte Amtszeit entschieden. Und zweitens
werde ich niemals nach dem Prinzip "Nach uns die Sintflut!" handeln.
Herr Präsident, wir danken für dieses Interview.
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