BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind
07/2002 - Berlin "WOSTOK"
Eiscreme, um den Winter zu versüßen
Wohl jeder, der im Winter schon einmal in Rußland war,
wird auf der Straße auch ein Eis gegessen haben. Denn um das Alltagsleben
in der Fremde kennenzulernen, folgt man am besten immer wieder mal dem Mainstream
- und dann steht man zwangsläufig auch bei minus dreißig Grad Celsius bibbernd
vor der Eisverkäuferin und fragt nach Eis. Der Eisverkauf in Rußland floriert
im Sommer wie im Winter, und nachdem die Russen eine ganze Zeit importiertes
Eis bevorzugten, haben sie nun wieder zu ihren eigenen sahnehaltigen und
harten Eissorten zurückgefunden.
Die aktuellen Statistiken legen es an den Tag: Jeder Russe verspeist
nur bis zu drei Kilogramm Eis pro Jahr, davon die Hälfte im frostigen
Winter. Die Amerikaner meinen, daß sie den Weltrekord als Eiskonsumenten
halten: zwanzig Kilogramm pro Person und Jahr sollen in den USA geschleckt
werden. Jedoch ist allgemein bekannt, daß die Amerikaner immer und überall
auf dieser Welt die Nummer 1 sein wollen. Wir beschäftigen uns aber hier
mit den Russen, und nur in Rußland ißt man auch im Winter die gefrorene
Süße auf Straßen und Plätzen - und das bei minus dreißig oder vierzig
Grad Celsius.
So alt wie die Welt
Schon vor 3000 Jahren servierten die Chinesen diese kalte Delikatesse.
Aber der Schnee oder das gefrorene Wasser vermischt mit Früchten und Milch
hatten wohl nur sehr entfernte Ähnlichkeit mit dem Sahne- eis, das heute
den Gaumen der Menschen erfreut.
In der weiteren Geschichte des Eises findet der römische Kaiser Nero
Erwähnung. Dieser zwang seine Sklaven, aus Bergen von Schnee Eis herzustellen,
das verfeinert mit Honig, Ingwer und Zimt oder vermischt mit geriebenen
Früchten hohen Eßgenuß versprach. In den Chroniken finden wir viele Angaben
über die Geburt dieses von Jung und Alt geliebten kalten Desserts. Und
wir treffen auf viele bekannte Namen. Es heißt, daß eines der ersten Eisrezepte
der Reisende Marco Polo im Jahre 1298 aus China mitgebracht habe. In alten
Berichten über das Eis tauchen so prominente Persönlichkeiten wie Hippokrates,
Katharina von Medici, Charles I. von England, Peter I. von Rußland, der
Sonnenkönig Ludwig XIV. von Frankreich und der deutsche Dichter und Gelehrte
Johann Wolfgang von Goethe auf.
Die einen behaupten, daß die ersten Eisdielen in Italien eröffnet worden
seien, die anderen orten sie in Frankreich, wieder andere versichern,
daß der Geburtsort des heutigen Speiseeises gerade ihre eigene Heimat
ist. Nur das Eis selbst schweigt dazu: Es hat zu viel zu tun, da es uns
doch immer aufs neue wortlos verwöhnen soll.
In Wirklichkeit entstand das Speiseeis in heutigem Sinne im 15. Jahrhundert,
zu einer Zeit also, als die ersten künstlichen Kühlverfahren aufkamen.
Im Jahre 1823 erfand dann der britische Physiker und Chemiker Michael
Faraday die Ammoniak-Verflüssigung, und der Herzog von Chartres war der
erste, der eine Eistorte kosten durfte. Die amerikanische Hausfrau Nancy
Johnson ließ sich die erste Handeismaschine im Jahre 1846 patentieren.
Auch ist zu lesen, daß die erste Eisfabrik im Jahre 1851 von Jacob Fussell
in Baltimore, Maryland errichtet wurde.
In Rußland lernte man die kalte Schleckerei erst in der Zeit Peters des
Großen richtig kennen und lieben. Allerdings war das Eis überaus teuer,
so daß die Kaltspeise zwar oft an den Zarenhöfen Peter I. und Katharina
II. gereicht wurde, sich aber seltenst auf den Tischen der einfachen Menschen
fand. Die hatten schlechterdings nicht das Geld, um sich die himmlische
Schleckerei zu leisten.
Bis zur Oktoberrevolution wurde Speiseeis in Rußland in “Handarbeit”
hergestellt. Die Technik der Eisproduktion war primitiv. Dabei zeigten
die Menschen aber eine ungeahnte Findigkeit, und zum Glück gab es während
der eiskalten Winter keinen Mangel an “Kältemitteln”. Erst im 19. Jahrhundert
wurde in Rußland die erste Eismaschine bekannt. Die industrielle Produktion
entwikkelte sich ab Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts.
Aber schon in der Kiewer Rus wurde süße gefrorene Milch klein gehobelt
und serviert. In so manchen Dörfern wurde zum russischen Karneval lange
vor der industriellen Produktion eine gefrorene Mischung aus Quark, Sauerrahm
Rosinen und Zucker angeboten.
Typisch russisch
Die echte russische Eiscreme zeichnet sich durch ihren Geschmack und
ihre Konsistenz - sie ist relativ fetthaltig und hart - sowie durch die
Art ihres Verkaufs aus. Was sind nun die Besonderheiten?
Die russischen Eiskonditoren bemühen sich, ihr Eis nach alten nationalen
Rezepten herzustellen. So werden wie früher fast nur Naturprodukte genutzt
- Milch, Sahne, Schokolade. Das Gesundheitsministerium hat festgelegt,
wieviele künstliche und Aromastoffe in russischem Eis sein dürfen, doch
die Produktion weist in der Regel nur ein Zehntel der zugelassenen Werte
auf.
In Rußland gibt es 300 Sorten Speiseeis. Insgesamt werden in den 300
Betrieben, deren Kapazitäten allerdings nur bis zu sechzig Prozent genutzt
werden, 360000 Tonnen Eis pro Jahr produziert. Die Preise steigen schnell,
und durchaus nicht alle Einwohner Rußlands können es sich heute noch leisten,
die kalte Schleckerei zu genießen. Das meiste Eis wird in den zentralen
und westsibirischen Regionen produziert: beinahe die Hälfte der gesamten
Eisproduktion kommt von dort.
Allein in Moskau wird Tag für Tag an 15000 Stellen Eis verkauft. Während
in den ersten Jahren nach dem Zerfall der UdSSR die Importprodukte dominierten
(im Jahre 2000 hatte importiertes Eis in Moskau einen Anteil von zwanzig
Prozent), bevorzugen die Moskauer nun wieder das Eis, das in einheimischer
Produktion in der Nähe der Hauptstadt hergestellt wird. Bemerkenswert
scheint mir, daß die Bewohner der zweiten russischen Hauptstadt St. Petersburg
sehr viel mehr Eiscreme verspeisen als die Moskauer. Zudem ist an der
Newa das Angebot vielfältiger, und der Straßenverkauf entwickelt sich
dynamischer als in jeder anderen Region Rußlands.
Die Besonderheiten beim Verkauf sind also folgende: Erstens kann man
das ganze Jahr über Eis auf der Straße kaufen. Zweitens wird das Gewicht
auf Verpackungen in Gramm bezeichnet, aber nebenbei gesagt, hundert Milliliter
Eis entsprechen nur 65 Gramm. Drittens drucken einige der russischen Eisproduzenten
das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht auf die Eisverpackung, die heute durchaus
üblich ist, sondern auf die Kartons. Aus diesem Grunde ist es schwierig,
den Frischegrad des Produktes zu erfahren. Will man Eis auf Vorrat kaufen,
sollte man aber unbedingt bei der Verkäuferin um Auskunft nachsuchen.
Aufgrund des Fehlens staatlicher Kontrollen blüht in einigen Städten
die illegale Heimproduktion. Eis wird in Wohnungen, Kellern, ja sogar
in privaten Garagen hergestellt. Dabei kopieren die kriminellen Produzenten
die beliebtesten Eissorten der Russen, oft allerdings in deutlich schlechterer
Qualität.
Um die guten Traditionen der russischen Eiserzeugung zu entwickeln und
die Qualität weiter zu verbessern, gründeten die russischen Eiskonditoren
im Jahre 1999 die Assoziation “Eiscreme und gefrorene Lebensmittel Rußlands”.
Nur ein Jahr später entstand der Fachverband “Eisverband Rußlands”. Diese
Verbände unterstützen auch die Versorgungseinrichtungen und die kommunalen
Institutionen bei der Durchführung verschiedenster Veranstaltungen und
Feste. In den letzten Jahren werden in russischen Städten verblüffend
oft “Eiscremefeste” veranstaltet. Vielleicht hat dies auch damit zu tun,
daß aufgrund der Bierwerbung der Bierkonsum von Jugendlichen gefährliche
Ausmaße annimmt und von daher die Eishersteller die erwünschteren Sponsoren
sind.
Zur Jahrhundertwende wurde in Moskau der wohl größte “Eismann” des 20.
Jahrhunderts produziert. “Ice Fili”, eines der größten Eiskombinate des
Landes, zauberte zusammen mit dem Café “Sundutschok” (“Truhe”) dieses
süße Riesenwunder, das zwei Meter hoch und 150 Kilogramm schwer war. Jeder
Gast durfte ein Stückchen des Eismannes kosten, bevor dann der Wettbewerb
unter Erwachsenen eröffnet wurde. Sieger war, wer mit verbundenen Augen
in kürzester Zeit das meiste Eis ißt. Aber das Eiscrememonster war so
mächtig, daß man kaum den Eindruck hatte, daß es weniger wurde. Und so
schafften die Organisatoren den Eismann schließlich aus dem Café auf die
Straße. Und dann ging es los: Die Bewohner der anliegenden Häuser stürzten
zum Café - einige mit Plastiktüten, andere mit Säkken, wieder andere mit
Kochtöpfen. Die Soldaten aus einer nahegelegenen Kaserne kamen mit einem
riesigen Suppenkessel. Im Umfeld des Rieseneises kam es schnell zu einer
richtigen Rauferei. Passanten, die an diesem letzten Tag des Jahres am
Sucharewsker Platz vorbeikamen, schlossen sich dem Gerangel an. Das Eiswunder
wurde Bissen für Bissen in einer halben Stunde abgetragen und aufgegessen.
Eine komische Nachricht brachte Ende Mai das Fernsehstudio “Kanal 4”
aus Jekaterinburg. Das Eiskombinat Nischni Tagil stellte sein neues Schokoladeneis
“Präsident” vor. Und wie war man zu dem Namen gekommen? Nun, Präsident
Putin hatte sich während seines Besuches der Rüstungsausstellung “UralExpoArms-2000”
in dieser Stadt ein Eis schmecken lassen und die Qualität gelobt. Und
die begeisterten nischnitagilischen Eisproduzenten beschlossen, ihr neuestes
Produkt dem Präsidenten zu widmen. Das “Präsidenten”eis, das nach klassischem
Rezept aus hochwertigen Zutaten zubereitet wird, erhielt im Kombinat den
liebevollen Spitznamen “Süßer Wowotschka”. Im Verkauf wird “Präsident”
etwa fünf Rubel kosten.
Auf Anordnung des Petersburger Gouverneurs Jakowlew wird der “Große Eisfeiertag”
ins Programm des Bierfestes 2003 aufgenommen. Wahrscheinlich denkt der
Gouverneur, daß er damit beide Seiten befriedigen kann. Einer der größten
russischen Bierproduzenten “Baltika” wird zweifellos von der breiten Werbekampagne
profitieren, und der nüchternen Öffentlichkeit wird ein “süßer” Knebel
in den Mund gesteckt.
“Die Russen sind unbesiegbar, weil sie das einzige Volk sind, das auch
auf winterlichen Straßen Eis ißt”, bemerkte der Chef einer US-Firma, die
Eis in Rußland vertreibt. Daran erinnerten sich vor einem Jahr die russischen
Steuerinspektoren, die zugunsten ihrer Landsleute im Spätherbst 2001 die
Mehrwertsteuer auf Milcheis um die Hälfte reduzierten. Aus unbekannten
Gründen gilt dies aber nicht für Fruchteis: Hier werden nach wie vor zwanzig
Prozent Mehrwertsteuer erhoben.
Russische Ratschläge über den Nutzen des Eises
Das Eis ist unersetzbar:
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Zum Abkühlen bei Hitze, denn anders als eine kalte Dusche, erfrischt
das Eis den Körper von innen.
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Zum Warmwerden bei Frost, denn die bekömmlichen Fette und Kohlehydrate
geben viel Energie.
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Zum Abnehmen, denn in beinahe jedem Interview erzählt Madonna von
ihrer zauberhaften Eisdiät.
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Zum Zunehmen, denn aufgrund der Theorie der Trennkost führt das
gleichzeitige Einnehmen von Fetten und Kohlehydraten zur Vergrößerung
der Unterhautfettschicht.
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Wenn Sie Studierender oder Geistesschaffender sind, denn das Gehirn
braucht für eine normale Tätigkeit 150 Gramm Kohlehydraten pro Tag.
Zum Original
in der Zeitschrift "Wostok" >>>
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