BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind
15/02/2002 -
Übersetzung von Holger Schmidt.
Warum steckt das russische Internet noch in den Kinderschuhen?
...Weil man das russische Segment des World Wide Web fast
als virtuelle Kopie unseres mächtigen, aber an Paradoxa reichen Landes
bezeichnen künnte. Eines der größten Paradoxa besteht z.B. darin,
dass wir, ungeachtet unseres geringen Informationsangebotes, durchaus
mit einigen westeuropäischen Ländern konkurrieren können.
Nach Angaben des Informationsportals „Jandex“ gab es im September 2001
in Russland 350.000 Server, über die 50 Millionen Dokumentenseiten
mit einem Umfang von insgesamt 746,5 Gigabyte abrufbar waren. Diese Angaben
beziffern allerdings nur den Teil des Runets, der auf russischen Servern
lokalisiert ist (schließlich kann man Webseiten auch kostenlos über
ausländische Server betreiben). Um diese Zahlen können uns z.b.
Finnland, Österreich und die Benelux-Staaten beneiden.
In Russland sind zur Zeit 85.000 Second-Level-Domains registriert (Weltweit
sind es über 36 Mill.). Was die technische Ausstattung oder das Know-how
anbelangt, öbertreffen die Megaportale „Aport“, „Jandex“ und „Rambler“
in punkto Qualität und Schnelligkeit bei der Bearbeitung von Suchanfragen
einige ihrer westeuropäischen Kollegen.
Und trotzdem hält man uns immer noch für „Heranwachsende“.
Warum?
Nicht etwa, weil wir später als andere in die virtuelle Welt eingetreten
sind. Und schon gar nicht, weil von 150 Millionen Russen nur 3 Millionen
Internetnutzer sind (während es in der „kleinen“ BRD 13 Millionen sind).
Nein, unser Hauptübel besteht darin, dass das Runet unzivilisiert
ist, d.h. ohne staatsbürgerlichen Ursprung und demokratisches Konzept
(wie überhaupt unsere ganze Gesellschaft). Hinzu kommt, dass im Runet
deutliche Nivellierungstendenzen erkennbar sind, krass ausgedrückt,
blinde Nachahmung des Westens. Und ohne nationale Idee gehen die regionalen
Charakteristika der virtuellen Welt verloren. Nicht umsonst existiert
die Ansicht, das Internet sei eine groteske Wiederspiegelung der Wirklichkeit.
Um zu das verstehen, genügt es, einige Stunden herumzusurfen und
sich private Webseiten anzusehen, vor allem diejenigen, die über
kostenlose Hosting-Anbieter betrieben werden. Dabei geht es nicht einmal
um technische Fragen - niemand verlangt (bis jetzt?) von den Inhabern
der privaten Homepages den Nachweis graphischer und stilistischer Kenntnisse.
Doch das Elend hat mehrere Gesichter: Pöbeleien und Obszönitäten
gibt es im Überfluss - die Mehrzahl der Schöpfer dieser „Meisterwerke“
hält sich nicht an ethische Prinzipien. Mit Hilfe von völlig
unsystematischen Linksammlungen versuchen die Homepage-Inhaber dann die
Aufmerksamkeit der Internetsurfer zu erregen Viele dieser Inhaber scheinen
darüber hinaus in völliger Unkenntnis zu leben, was Grammatik
und Orthographie der russischen Sprache anbelangt.
Letzteres ist übrigens nicht nur die Geißel des russischen Internets.
Ein befreundeter Journalist aus Deutschland hat eine Firma gegründet,
die mit der Korrektur von Online-Texten großen Erfolg hat. Bei uns dagegen
(noch ein Paradoxon!) gibt es regionale Informationsportale, die sich
sogar stolz „Agentur“ nennen (und damit eigentlich über einen Lektor
verfügen sollten), deren Webseiten aber fehlerhafte Texte enthalten.
Ein weiterer „unmoralischer“ Aspekt dürfte der Diebstahl von Graphiken
und Texten sein. Zitate werden auf privaten Webseiten selten gekennzeichnet
bzw. oft ohne Quellenangabe verwendet, Copyright-Gesetze werden z.T. ignoriert.
Aus Gründen der Fairness muss man anmerken, dass es Hosting-Firmen
gibt, die ihre Kunden kontrollieren und Webseiten mit anstößigem
Inhalt konsequent entfernen. Filter existieren also - das ist ein gutes
Zeichen.
Natürlich, die aufgezählten Mängel könnte man auch
als Kinderkrankheiten des Runets bezeichnen – wenn es nicht doch ein „aber“
gäbe. Denn dieser automatisch registrierte Abschaum der Suchmaschinen
behindert eine effektive Arbeit mit dem Internet und vermindert das Vertrauen
zu seriösen Webseiten - zum Nachteil wichtiger Internetprojekte wie
z.B. E-commerce. Ähnlich wie bei gepanschtem Wein drohen zwei gefährliche
Konsequenzen: Die einen denken nur an schnellen Profit, die anderen gewöhnen
sich an einen schäbigen Ersatz.
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