BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind
25/11/2000 Berlin - © Die Welt
Welche "Prawda" ist wahrer
Sowjetische Zeitungen - und was aus ihnen nach dem Ende der UdSSR wurde
Einst, zu realsozialistischen Zeiten, kam die Wahrheit in jedes Haus:
Die "Prawda" wurde zumindest von allen berufstätigen Sowjetbürgern
abonniert - offizieller Zwang wurde vermieden, aber ganz freiwillig geschah
der Bezug des Blattes auch nicht. Und selten konnte ein Schüler oder Student
auf das Prädikat "ausgezeichnet" des Lehrers rechnen, wenn er
keine Abonnementbescheinigung der jüngeren Schwester der "Prawda", nämlich
der "Komsomolskaja Prawda" vorzuweisen hatte. Das ist lange her: Die Parteizeitung
"Prawda" hat nach dem Untergang der UdSSR nicht nur ihre überragende Rolle
als Sprachrohr des Kreml verloren, sondern ist inzwischen in drei Blätter
aufgesplittert. Und auch andere Blätter haben die alte Bedeutung verloren.
Im Paradies der Werktägigen brachte jedes Ministerium, nahezu jede Behörde
ihre eigene Zeitung heraus. Einige wenige hatten den Status, "Rüstzeug
für die Partei- oder Gewerkschaftskarierre" zu sein. Als Nachweis des
dafür erforderlichen Niveaus und als Wahrzeichen der Treue gegenüber kommunistischen
Ideen galt es, außer Partei- und Komsomolpresseorgane die Zeitungen
"Izwestija" ("Nachrichten") bzw. "Trud" ("Arbeit") zu bestellen. Die erste
stellte unter dem Obersten Sowjet der UdSSR eine angebliche Volksstimme
dar, die andere war das Organ des Zentralen Gewerkschaftskomitees.
Und heute? Die "Izwestija" (damalige Auflage etwa 1,2 Millionen Exemplaren)
wurde zur Aktiengesellschaft unter dem Dach von Rosbank und Lukoil. Inzwischen
genießt sie das Renommee einer seriösen und analytischen Zeitung
mit einer Auflage von mehr als 230 000 Exemplaren und wendet sich an die
gutsituierte Intelligenz und politische Elite. Heute steht sie im russischen,
stark politisierten Medienraum im "rechten Zentrum". Die "linke Mitte"
besetzt mit etwa 1,5 Millionen Exemplaren (1990 waren es 2,5 Millionen)
die "Trud", deren Verlag als "autonome gemeinnützige Organisation" firmiert.
Nach wie vor überwiegen ihren Inhalt soziale Themen. Ihre Finanzierungsquelle
wird sorgfältig verschwiegen, aber offenkundig wird sie vom mächtigen
Energiekonzern Gasprom gesponsert.
Die "Zeitung im Sweatshirt" lautete einst ein Spitzname für das Komsomol-Sprachrohr
"Komsomolskaja Prawda". Diese Boulevardzeitung mit 2,5 Millionen Exemplaren
(1990: 3 Millionen) wird ebenso wie "Izwestija" vom Allianz Lukoil-Rosbank
finanziert. Ein echter Abenteuerfilm künnte über das postsowjetische Schicksal
der "Prawda" gedreht werden. Die größte Zeitung der UdSSR mit einst
14 Millionen Exemplaren täglich wurde in zwei, später in drei Teile zersplittert.
Als 1992 die Finanzierung durch das ZK der KPdSU ausblieb, entschieden
sich Journalisten unter dem heutigen Dumasprecher Selezniow für die Form
einer Aktiengesellschaft. Und ein erster Gesellschafter fand sich ein:
Der zypriotisch-griechische Verlag der Jannikos-Familie übernahm Teile
des Aktienstocks und bekam dafür drei von fünf Sitzen im Direktorium des
neu gebildeten Medienbetriebs.
Der neue Verleger passte aber vielen Journalisten nicht: Binnen zwei
Jahren verließen rund 200 Mitarbeiter die "Prawda". Einige traten
für die Wahrung der kommunistischen Ideologie ein, andere setzten auf
vollständige Unabhängigkeit. Fünf Jahre währende Gerichtsverhandlungen
folgten. Letztlich verließ Jannikos die russische Medienbühne, aber
bis jetzt existieren dort drei unterschiedliche Zeitungen, die den alten
Namen tragen. Die Tageszeitung "Prawda" (65 000 Exemplare) und das Wochenblatt
"Russlands Prawda" (80 000) stehen der Kommunistischen Partei RF zur Seite.
Und seit Januar 1999 gibt es zudem eine unabhängige analytische Internet-Zeitung.
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