BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind
15/02/2002 -
Andrej
Kobiakow
Denken des großen Nachbarvolks zu verstehen
Das exklusive Interview mit dem deutschen Botschafter in
Russland Hans-Friedrich von Ploetz während seines Besuchs in Kasan
(Tatarstan) - Juli 2003
- Herr Botschafter, könnten Sie kurz über sich erzählen?
- Ich bin in einer Familie von Landwirten in Schlesien geboren. 1945
sind wir als Flüchtlinge nach Westdeutschland gekommen. Dort bin
ich aufgewachsen. Wahrscheinlich würde man heute sagen, in ziemlich
großer Armut, aber das habe ich kaum so empfunden, wahrscheinlich
war es für die Eltern schwerer. Und der Schulweg war ganz normal,
dann kam das Jurastudium an der Universität. Danach bin ich in auswärtigen
Dienst gegangen.
- Wie ist Ihre Familie? Womit beschäftigen sich Ihre Nächsten?
- Im Augenblick und war es im letzten Jahr und bleibt so der Mittelpunkt
unseres Lebens ist Moskau. Und wir beschäftigen uns mit Russland
oder mit den deutsch-russischen Beziehungen und Fragen. Den ganzen Tag
sind wir wach.
Meine Frau nimmt an diesem Leben ganz intensiv teil. Natürlich
ist es ihre keine offizielle Aufgabe, eine fast offizielle. Und das nimmt
sie sehr ernst, machte es so gerne.
Wir haben zwei Söhne. Sehr gerne war der jüngere, er heißt
Friedrich, mit hier in Kasan. Der ältere heißt Philip. Der
ist Rechtsanwalt in Frankfurt. Und hat gerade seinen ersten russischen
Sprachkurs intensiv im Urlaub freiwillig gemacht. In der Hoffnung, dass
er schnell genug und gut genug Russisch lernt. Dann möchte er als
Rechtsanwalt in Moskau arbeiten.
- Sie sind Karrierediplomat beziehungsweise erfahrener Politiker.
Wie kamen Sie zu Ihrer Berufsauswahl: Berufung, Zufall, Schicksal oder
Elternwunsch?
- Elternwunsch überhaupt nicht. Unsere Familie war in Landwirtschaft.
Aber als Flüchtlinge hatten wir natürlich kein Land mehr. Und
wie jeder Junge hatte ich verschiedene Berufswünsche, Kapitän
und so weiter. Das Interesse an internationalen Beziehungen war bei mir…
Ich weiß gar nicht mehr, warum sehr früh war.
In meiner Schülerzeit haben wir ein Verein gegründet, weil
wir fanden, dass die europäische Einigung zu langsam ging und wir
mussten Druck machen auf die Politiker. Dieser Verein war jugendlicher
und sehr aktiv. Wir empfanden, dass die Schule eine Unterbrechung unserer
viel richtigeren Tätigkeit war. Vielleicht kann man an der Stelle
einer allgemeinen Benagung machen.
Wenn Sie heute in Deutschland Leute meines Alters fragen, die in der
Politik sind "Was hast du gemacht, als du 17 oder 18 Jahre alt warst?"
Dann werden Sie interessante Ergebnisse gewinnen. Jeder von uns war irgendwo
engagiert außerhalb der Schule: In der Schülermitverwaltung,
hat eine Schulzeitung herausgegeben, hat für die örtliche Zeitung
geschrieben usw. Es gibt auch noch heute.
Ich will da noch folgende sagen. Wir haben alle schon als junge Leute
Zivilgesellschaft geübt. Das ist eine sehr interessante Beobachtung,
weil jetzt in Russland die Zivilgesellschaft wächst. Langsam. Das
habe ich in meiner Jugend als so positiv empfunden, dass man sagte: Macht
nur! Macht nur! Und man gab uns völlige Freiheit. Das war sehr sehr
wichtig.
- Ich finde es auch sehr wichtig, dass man in Russland dieses Wort
"Zivilgesellschaft" schon kennt. Vor einigen Jahren kannte es
niemand.
- Ich kannte es damals auch nicht. Alles war von mir da gar nicht bewußt,
aber wenn ich jetzt zurückschaue, muss ich sagen, dass war eine sehr
kluge großzügige Haltung der älteren Generation.
- Was gefällt Ihnen bestens an Ihrer Arbeit? Und was - nicht?
- Es gibt eine Reihe von Berufen, die muss man wollen. Sonst soll man
etwas anderes machen. Zu diesen Berufen gehört meiner Ansicht nach
die Diplomatie. Wen man der Meinung ist, dass man ein Job ausübt,
um Geld zu verdienen: 8 Stunden am Tag und dann geht man nach Hause. Dann
ist die Diplomatie völlig falscher Beruf.
Es gibt einige Berufe, das sind Journalisten auch so, ich vermute auch
Politiker, vielleicht auch Fahrer. Vielleicht muss man sein Hobby zum
Beruf machen? Man Glück hat, wenn man dabei gut bezahlt wird, wenigstens
genug um keine Sorgen zu haben.
- Bei einem Interview sagten Sie, dass Ihre Hobbys Garten, Golfspiel
und Jagd sind. Auf welche Weise gelingt es Ihnen bei so häufigen
Umzügen aus einem Land ins andere?
- Das ist wirklich schwierig. Garten haben wir in den letzten Jahren
nur aus der Entfernung lieben können. Wir denken gelegentlich an
unseren eigenen Garten in unserem Haus in Bonn, der jetzt vermietet ist.
Golf. Dafür gibt es Gelegenheit, aber Golf erfordert relativ viel
Zeit. Das habe ich in Russland noch nicht gespielt. Und für die Jagd
ist Russland natürlich ein Paradies. Oder sagen wir: Russland könnte
ein Paradies sein. Aber im Augenblick befinden sich meine Gewähre
noch im Gewahrsam des Zolls. Aber ich bin schon einen großen Schritt
weiter gekommen, nach einem Jahr habe ich eine sehr wohlwollende Äußerung
der Zolldirektion erhalten: Sie geben mir meine Gewehre sofort, wenn der
Innenminister zustimmt. Und jetzt bin ich beim Innenminister erwarte,
wie der entscheidet.
- Welche Fremdsprachen können Sie? Was lesen Sie üblich?
Und haben Sie schon die Bücher von russischen Autoren gelesen?
- Englisch, Französisch, Finnisch und ich bemühe mich sehr
mäßig mehr Russisch… Und lese ich enorm viel. Allerdings komme
ich zu den Büchern, die mich privat interessieren, allenfalls im
Urlaub. Und im Augenblick bereiten wir uns vor zum Sommerurlaub und die
Auswahl der Bücher für den Sommerurlaub ist ein Vorgang, der
mehrere Tage dauert. Weil ich durch die Berge von Büchern, die ich
habe, dann durchwühle und dann fange ich an zu lesen.
Zu lesen kommt freilich später. Da muss ich zehn Bücher mitnehmen,
dann gehen wir in unsere Örter, an einen kleinen See in Finnland.
Das ist sehr schön.
In einem Urlaub, wenn es gut geht, lese ich zehn Bücher durch.
Was die russischen Klassiker angeht, es war eines, das mir sehr viel Spaß
gemacht hat: "Krieg und Frieden" von Lew Tolstoj. Ich habe es
übrigens in einem Sommerurlaub gelesen und dazu zwei andere Bücher,
und es war wenn Sie wollen ein Paket.
Das eine Buch… Es war eine Biographie von Talleyrand, die von Duff Cooper
geschrieben ist. Und das zweite, es war ein Werk von Stefan Zweig, eine
Biographie von Joseph Fouché. Das war sehr interessant, alle drei
Bücher über dieselbe historische Periode zu lesen. Das eine
aus der Sicht Russlands, das andere von einem Engländern geschrieben
über den französischen Außenminister, und das dritte von
einem Deutschen geschrieben über den französischen Innen- und
Polizeiminister. Sehr interessante Kombination!
- Welche andere russische Regionen haben Sie besucht? Wie ist Ihr
Eindruck von Tatarstan?
- Meine erste Reise in Russland ging in Oblast Wologda, dorthin hatte
mich ein russischer Wirtschaftsführer eingeladen, der die russische
Industrie in der deutschen strategischen Arbeitsgruppe vertretet. Dann
habe ich ein Unternehmen kennengelernt. Daneben auch die Gebietsverwaltung,
die Universität und so weiter.
Dann war ich in Wolgograd, aber vielleicht besser gesagt - in Stalingrad,
denn der Anlaß war der sechzigste Jahrestag der Schlacht von Stalingrad.
Es war eine sehr große Veranstaltung und das hat natürlich
einen ganz speziellen Bezug zu Deutschland. Es war ein politisch richtiger
Vorgang, dass der deutscher Botschafter dazu offiziell eingeladen war.
Und ich hatte Gelegenheit mit vielen Veteranen zu sprechen, die natürlich
an einem solchen Tag sich an den schreckenden Krieg, an den Kameraden,
die sie verloren hatten, erinnern. Diese Gespräche und Begegnungen
waren von einer überraschenden Freundlichkeit.
Ja, das war schrecklich, sagten sie, aber es ist gut, dass wir jetzt
Freunde sind. Das war wirklich sehr bewegend. Und ich habe dann in Wolgograd
auch die Universität und Schulen besucht und mit vielen jungen Leuten
gesprochen, dort waren die Gefühle ganz ähnlich.
Dann war ich noch in Rostow am Don, in den Ural-Städten: Tscheljabinsk,
Ekaterinburg, und jüngst habe ich eine sehr interessante Reise gemacht,
wiederum auf Einladung eines Wirtschaftsführers, nach Tomsk. Mich
interessierte natürlich sehr mal ein Erdöl- und Erdgasoblast
kennenzulernen. Es kommt dazu, dass in Oblast Tomsk viele Russlanddeutsche
leben.
Außerdem war ich natürlich mehrere Male in Sankt-Petersburg
und drei Tage in Kaliningrad. Was natürlich auch für das Verhältnis
Deutschland zu Russland eine besondere Bedeutung hat. Da war der gute
Empfang, und es gibt immer weniger historische Belastungen.
Es gab auch andere Tagesreise in der Nähe von Moskau, zum Beispiel
in Twer'. Und gibt es eine Stadt, die wahrscheinlich dem Kriege mehr gewidmet
hat, als fast andere Orte. Das ist die Stadt Rzhew. Dort bin ich dreimal
hingegangen, dort ging es unter anderem um die Frage der Einrichtung eines
deutscher Soldaten Friedhofs.
Was in der Stadt und von den dortigen Menschen als selbstverständlich
begrüßt oder akzeptiert wurde, was aber in dem weiteren Umfeld
etliche politische Diskussion auslöst. Da ist eine ziemlich schwierige
Situation entstanden. Aber das ist jetzt auch in gegenseitigen …
überein.
- Wie könnten Sie erklären, dass jedes Jahr in Russland
immer weniger Leute Deutsch lernen? Inzwischen in Deutschland im Jahr
2002 steigerte die Anzahl von Bürger, die Russisch lernen?
- Was das Deutschlernen in Russland angeht, gibt es jetzt einen Trend,
das als global bezeichnet werden kann. Der moderne mobile Mensch muss
heute verschiedene Dinge beherrschen. Er muß ein Führerschein
haben, der muss mit dem Internet umgehen können und er muss die englische
Sprache beherrschen.
Früher bei dem klassischen Lernen der Fremdsprachen war eine Erfahrung,
die nicht nur die technische Fertigkeit vermittelte, sondern auch einen
Zugang zur fremden Kultur. Man lernte fremde Dichtungen, Geistes und Geschichtliches
usw. Dieser Aspekt geht heute beim Englischlernen immer mehr weg, sondern
man lernte schnell - schnell, weil die Komputerprogramme auf englisch
sind usw.
Aber man beschäftigt sich nicht mit irgend einem Land, mit einer
Kultur, in den diese Fremdsprache als Muttersprache steht. Ich würde
mal folgendes sagen: Es ist heute völlig unmöglich jemanden
zu kritisieren, wer sagt "Ich muss Englisch lernen". Das ist
ja ganz normal. Die Frage, die alle Länder, alle Erziehungssysteme
und alle Üben stellen sich müssen, lautet: "Ist das genug?"
Unter mehreren Gesichtspunkten einer ist als Vorbereitung auf eine Arbeits-
oder Berufswelt, in der immer stärker internationale Vernetzung ist.
Und zweite unter der Gesichtspunkten ist, dass man noch nicht die für
das Leben und die Bildung entscheidende Erfahrung gemacht hat, dass man
mit dem Schlüssel zu einer Sprache die große Tür zu einer
anderer Kultur aufgemacht hat, die ein dann etwas vermittelt, was fürs
ganze Leben vom großen Wert ist. Ein Verständnis dafür,
dass andere Menschen anders sind. Wer diese Erfahrung nicht macht und
mit diesem Phänomen nicht umgehen kann, wird in seinem Berufsleben
auch wenn es ich im streng nationalem Bereich abspielt, zu Hause. Denn
nehme im Ausland in Berührung von. Trotzdem Schwierigkeiten haben,
damit umzugehen, dass es dort Menschen gibt, die anders sind.
Also, deshalb z.B. bei der Europäischen Union gibt es ein Beschluß,
dass jeder Abiturient die Schule mit zwei Fremdsprachen beendigt. Das
ist nicht obligatorisch, sondern das ist ein Ziel. Das ist in Kombination
zu sehen, mit einem zweiten von den Staatsregierungen vereinbarten Ziel,
dass jeder Universitätsstudent sollte möglichst wenigstens ein
Semester in seinem Studiums im Ausland studieren.
Das sind beide Bildungsziele, die klassisch europäisch sind. Und
das heißt also, für Russland stellt sich aus meiner Ansicht
die Frage, will Russland auch - Entscheid da liegt in seinem Interesse
- dieser allgemeinen Linie folgen und sagen "Wir haben als ein Bildungsziel,
unseren Abiturienten zwei Fremdsprachen bieten." Wenn man das so
angeht, wird es eine ganz natürliche Entwicklung einstellen, welche
würden die zweiten Sprachen sein. Einige werden auch in Zukunft Deutsch
als die erste Sprache auswählen, vielleicht weniger als früher,
aber andere werden es dann als zweite Sprache nehmen und ich glaube, dass
die zweite Sprache wird eine sehr große Rolle spielen.
Bei uns in Deutschland (es freut mich, wenn Sie Zahlen gehört haben,
dass Russischlernen hoch gehe), aber man darf sich dann Daten der Prozentzahlen
nicht durchlassen, die absoluten Zahlen sind erschreckend niedrig. Und
wenn man was natürlich notwendig ist, berücksichtigt, dass Russland
und Deutschland auf dem europäischen Kontinent die größten
Völker- und Sprachgemeinschaften sind, dann ist es an den beiderseitigen
Interessen, dass in dem jeden Land genug Menschen da sind, die die anderen
Kulturen und Sprachen verstehen.
- Wenn man fragt, warum sollte man als Fremdsprache nämlich
Deutsch lernen, welche Antwort könnten Sie empfehlen?
- Die Antwort auf diese Frage fällt mir deshalb nicht ganz leicht,
weil man sehr die Gefahr ist, utilitaristische Argumente zu gebrauchen,
also etwa "Schau dich einmal in deinem Bekanntenkreis um! Da gibt
es eine ganze Reihe von Leuten, die deshalb heute ein gutes Einkommen
oder einen guten Beruf haben, weil sie die deutsche Sprache lernten.
Diese Argumenten sind ganz richtig. Deutschland ist Russlands Wirtschaftspartner
Nummer 1. Und zunehmend dringt Russland auf den deutschen Markt. Nicht
nur mit Erdöl oder Erdgas, sondern mit Produkten, die industriell
gefertigt sind oder in der Landwirtschaft erzeugt sind, die man verkaufen
laß.
Und es gibt alte Regel: Wer in einem Markt wirklich zu Hause sein will,
muß dessen Sprache sprechen. Und der muss noch die Kultur verstehen,
um sein Produkt richtig verkaufen zu können. Aber mir reichen diese
Argumente so wichtig sie sind nicht ganz aus, sondern ich glaube, dass
große Völker aus vielerlei Gründen Werte drauf legen müssen,
dass sie genug Menschen haben, die Kultur, das Denken des anderen großen
Nachbarvolkes verstehen.
Ich versuche hier eine ganz kurze Formel zu bringen: Jede Beziehungen
zwischen Völkern erleben ihre Bewährungsprobe dann, wenn sich
internationale Krisen einstellen. Krisenbewältigung, Krisenbeherrschung
setzt unter anderem auch voraus, dass man Vertrauen in andere hat. Und
das heißt ein gutes Verhältnis, das ich in den Krisen bewähren
soll, denn wirklich nicht bewähren, wenn es nicht ein Grundvertrauen
zu einem anderen Land gibt. Und dieses kann nur entstehen über eine
geistlich - kulturelle Verbindung. Und deswegen plädiere ich dafür,
dass sehr viel mehrere Deutschen Russisch lernen und die russische Kultur
kennenlernen und umgekehrt, dass weiter viele Russen Deutsch und die deutsche
Kultur lernen.
- Sie kennen gut die USA und NATO. Was meinen Sie: Bleibt bis jetzt
im Massenbewußtsein von Amerikaner die Russlands Gestalt als Symbol
vom Feind? Oder, sagen wir gelinder: vom Gegner?
- Ich glaube, ich kann natürlich am besten für Deutschland
sprechen und würde dort die Frage glatt verneinen. Die Gefühle
gegenüber Russland sind nicht mehr als während des kalten Krieges.
Das beantwortet aber nicht die Frage, entsprechen die Gefühle der
veränderten Realität Russlands heute? Da würde ich nicht
so sehr sicher sein. Wen man einen Test machen will…
Es kommt eine schlechte Nachricht aus Russland, wie reagiert der normale
Bürger auf der Strasse in Berlin, in Paris oder London? Was denken
Sie da?
- Ich glaube, vielleicht traurig?
- Wenn eine schlechte Nachricht kommt, gibt's doch mehrere mögliche
Reaktionen. Man kann zum Beispiel sagen "Na, ob das wohl stimmt!"
oder "Vielleicht ist es so, aber das ist bestimmt ein Einzelfall."
- Oder: Mir ist es egal?
- Ja, "Es ist mir egal" oder man kann sagen "Na so sind
sie eben!" Da haben wir damit ungefähr das Spektrum geschrieben.
Also, vielleicht sollte ich so sagen: Natürlich kommen aus jedem
Land schlechte Nachrichten und vielleicht bei Russland auch heute noch
etwas mehr als aus anderen Ländern. Aber die Bereitschaft das zu
Fall allgemeinen ist in bezug auf Russland scheint mir noch viel zu groß.
So sind sie eben…
Man kann sagen, gegenüber dem kalten Krieg ist das schon ein großer
Fortschritt, aber doch die Bewußtsein verändert sich nur langsam.
- Ich möchte mich jetzt an eine bekannte Aussage von Winston
Churchill erinnern: Bei der Politik kann keine Freundschaft sein, es könnte
nur um die gemeinsamen Interessen gehen. Stimmen Sie dieser Aussage zu?
- Wer würde Churchill widersprechen!.. Aber was hilft andererseits
eine solche interessant klingende etwas zynisch gewürzte Feststellung?
Völker haben Interessen. Mir scheint, daran es überhaupt nicht
legitim ist, aber die Formulierung von Churchill stammt aus einer Zeit,
wo internationale Sicherheit in der Regel als ein Zu-Null-Spiel verstanden
wurde. Unter dem Gesichtspunkt, wenn meine Sicherheit wachsen soll, muss
mein Nachbar unsicherer sein.
Und das ist ein ganz veraltetes, aber natürlich vielfach erprobtes
und in der Regel völlig erfolgloses Konzept von Sicherheit. Wenn
wir also versuchen es mal, in eine neue Denkschablone einzupassen, beweisen
dann die 50 Jahre der Integration in Westeuropa, dass eine Entwicklung,
die einem Land (sagen wir Frankreich) zu Gute kommt, keineswegs zu Lasten
seines östlichen Nachbarn führen muss. Sondern im Gegenteil:
Je besser meinen Nachbarn geht, desto besser geht es mir selbst. Wenn
man an diese Fragen Gerede hier bei vitalen Interessen von Ländern
über Wohlstand und Sicherheit so herangeht, dann sieht man die Feststellung
von Churchill voll der anderen Luft.
- Wie finden Sie Perspektiven für den visafreien Verkehr zwischen
Russland und Schengener Staaten?
- Ich finde es richtig, dass die Staats- und Regierungschefs der EU
und Russlands am 31. Mai in Petersburg diese Perspektive festgeschrieben
haben. Wir werden dieses viel erreichen, wenn wir daran seriös und
zielstrebig arbeiten. Vielleicht sollte ich aber auf eine Aspekte hinweisen.
Einmal: Schengen bedeutet, dass der Reiseverkehr für Teilnehmer der
europäischen Staaten frei ist, ohne Grenzkontrolle.
Schengen haben wir mühsam, sehr hart und kompliziert über
fast 10 Jahre verhandelt. Und erst dann waren wir so weit, denn wir mussten
ein Grundsatz beachten: Die größere Freiheit darf nicht die
Sicherheit beeinträchtigen. Dieser Grundsatz gilt natürlich
auch im Verhältnis der Schengener Staaten zur Europäischen Union.
Was in die Risiken? Einmal das ist im Wohlstand eine große Asymmetrie.
Das heißt, es gibt die asymmetrischen Sorgen. Ich kenne niemanden
Russland, der sich Sorgen macht, dass die Bürger der Schengener Staaten
in einer Welle illegaler Immigration nach Russland kommen. Umgekehrt.
Zweitens, gibt es in Russland selber große Sorgen über viele
Menschen, die sich auf dem Territorium der Russischen Föderation
heute illegal aufhalten. Aus der unterschiedlichsten Gründen…
Das hängt mir der Zuverlässigkeit der anderen Außengrenzen
der RF zusammen, es hängt mit der Auflösung der Sowjetunion
zusammen, dass noch viele Bürger anderer GUS-Staaten hier sind. Usw.
Das heißt wir müssen im gemeinsamen Interesse immer den Aspekt
innerer Sicherheit im Auge halten und das heißt schrittweise vorgehen.
Aber das heißt nicht, dass man stehenbleibt, sondern man kann vorangehen
mit Augenmals, mit Sorgfalt und dann bin ich sicher, dass wir ganz gut
vorankommen. Es gibt sehr große Gruppen in unseren Völkern,
die überhaupt kein Risiko darstellen. Derzeit arbeiten wir daran,
diese Gruppen zu definieren und für sie so schnell wie möglich
erste Erleichterung einzuführen. Wenn wir das bewältigen, können
wir den nächsten Schritt zu tun.
- Was für die Zukunft erwarten Sie im Kaliningrader Gebiet?
- Oblast Kaliningrad wird in Kürze in einer absolut singulären
Lage sein, die dadurch entsteht, dass die Europäische Union im Jahre
2004 Polen und Litauen aufnehmen wird. Das bedeutet, dass dann ein Stück
russischen Territoriums von dem Hauptland geographisch isoliert sein wird
und vom Territorium der EU umgeben ist. Die Fragen lauten: Was macht man
aus dieser Situation? Empfindet man sehr als ein Risiko, eine Bedrohung
oder umgekehrt als eine Chance? An diese Frage scheiden sich im Augenblick
die Geiste. Die erste große Diskussion löste das Transitproblem.
Die haben es mit Augenmaß unter Mitwirkung aller Beteiligten, glaube
ich, gut gelöst. Die heutige Praxis ist genau Norm. Aber wie soll
es weiter gehen?..
Ich stelle mir folgende Fragen: Wie soll längerfristig die Beziehung
zwischen Russland und der EU sein? Wenn man der Meinung ist, die Staats-
und Regierungschefs im Mai in Sankt-Petersburg festgeschrieben haben,
dass wir darauf hinarbeiten wollen, ein gemeinsamer Wirtschaftsraum zu
werden, dann könnte man auf folgende Gedanken kommen. Das Gebiet
Kaliningrad in seinem Verhältnis zu den umgebenden EU-Territorien
könnte verstanden werden in gutem Sinne als ein Pilotprojekt. Man
verständigt sich darauf, dass man schrittweise in bezug auf dieses
Territorium den gemeinsamen Wirtschaftsraum verwirklichen will.
Das bedeutet andere Zollverfahren usw. also sehr praktische Dinge. Und
wenn es dort im Kleinen funktioniert, ist es nicht mehr so schwer, es
auch in bezug auf das ganze Russland anzuwenden. In dem Sinne, so den
ich sage, es liegt in unserem Interesse, dass wir diese Entwicklung um
Kaliningrad als eine Chance ansehen. Natürlich gibt es hier Risiken
und Probleme, aber wenn wir hier die Chancen realisieren, ist es Gewinn
für beide Seiten so unendlich viel großer, dass wir mit den
Risiken leicht fertig werden.
- Herr Botschafter, halten Sie dennoch Russland für Europa oder
für Asien?
- Diese Frage muss Russland selber beantworten. Mir scheint, der russische
Präsident hat sie beantwortet. Niemand kann bestreiten, dass das
Territorium Russlands sowohl in Europa als auch in Asien liegt. Aber ich
muss Ihnen offen sagen, als ich heute in der Universität von Kasan
war, ist mir überhaupt nicht den Gedanke gekommen, dass ich woanders
als in Europa bin. Wenn wir über Bildung, über Universitäten,
Schulen und über geistliches Leben sprechen, also, ich kann gut mit
der Feststellung des russischen Staatspräsidenten nehmen, dass Russland
zu Europa gehört.
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