BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind
15/04/2009 - Münchner Merkur
Von außen betrachtet
Die bunten Revolutionen verbleichen
Postsowjetische Gesellschaften sind nicht reif genug
"Euro-Renovierung" – so könnte man das populäre russische
Wort "jewroremónt" übersetzen, das derzeit im ganzen
postsowjetischen Raum verbreitet ist. Dieser komische Begriff, der nach
dem Zusammenbruch der Sowjetunion auftauchte, bezeichnet modernes Design
in Wohnungen und den Gebrauch von europäischen Materialien. Dieses
Wort fällt mir immer dann ein, wenn von den sogenannten "bunten
Revolutionen" die Rede ist.
Das Wort ist komisch, das Phänomen ist traurig. Denn die Wohnungseinrichtung
nach westeuropäischen Katalogen führt die Einwohner nicht an
Europa heran. Innenpolitische Seifenoper in der schwankenden Ukraine,
neue Demos in Georgien und eine faktisch unveränderte Situation in
Kirgisien – das sind die Früchte der "farbigen" Revolutionen,
die von 2003 bis 2005 diese Republiken er schütterten. Naive Euphorie
folgte im Westen, berechtigte Angst in Russland – erstere ist längst
vorbei, letztere treibt die Innen- und Außenpolitik vom Kreml bis
heute um.
Warum verblichen die "bunten Revolutionen"? Alle drei Staaten
sind sehr unterschiedlich. In den letzten fünf Jahren vor der "Orangen
Revolution" galt die Ukraine als einer von den wirtschaftlich stärksten
postsowjetischen Staaten. Georgien und Kirgisien, wo die "Rosen-"
und "Tulpenrevolution" stattfanden, waren relativ arm. Heute
kann sich wohl nur Tiflis loben: Saakaschwili ist es gelungen, gewisse
wirtschaftliche Reformen durchzuführen.
Es gibt aber Gründe, warum diese Revolutionen gerade hier stattfanden.
In allen drei Staaten fehlen Energieressourcen. Alle drei Staaten waren
korrumpiert und autoritär. Die Masse der Ukrainer, Georgier und Kirgisen
fühlten sich entrechtet. Die ehemaligen Präsidenten Kutschma,
Schewardnadse und Akajew wurden gestürzt, weil sie das Vertrauen
des Volkes verloren hatten. Die gesellschaftlichen Proteste wurden immer
stärker. Die Regimes aber zeigten sich unflexibel und träge,
während die oppositionellen Eliten alle modernen Kommunikations und
PR-Mitteln nutzten. Die Opposition war schnell, beweglich und "sexy".
Deshalb reihten sich hier immer mehr Jugendliche und Intellektuelle sowie
der Mittelstand ein. In allen drei Fällen wurden die europäischen
Werte als Leitstern deklariert. Aber abstrakt, ohne klares Programm und
Ziel. Man entschied sich für westliche Demokratiestandards, ohne
zu wissen, was das eigentlich ist.
Die indirekte Hilfe und Medien-Unterstützung vom Westen spornten
die "bunten Revolutionäre" noch stärker an. Aber gleichzeitig
wurden sie enttäuscht, wenn – nach der Euphorie – die Unterstützung
nicht mehr im gewohnten Maße kam.
Was ist inzwischen mit den neuen Mächten passiert? In Kirgisien
wechselte nur eine Gruppe von Funktionären die andere an der Spitze
ab. In Georgien kam ein junger, westlich gebildeter Politiker an die Macht,
der sich in den Besonderheiten des postsowjetischen Raums nicht auskennt
und auch keine politische Strategie hat. Die ukrainische Realität
sieht so aus, dass anstelle der alten Oligarchen neue in die Regierung
kamen, und der Staat selbst faktisch in zwei Teile zerfallen ist: einen
proeuropäischen und einen prorussischen.
Die beste Farbe für solche Revolutionen wäre wohl "Grün":
Denn sowohl Opposition als auch Gesellschaft sind in diesen Ländern
noch nicht reif genug, um etwas Neues zu schaffen. Dennoch gibt es eine
positive Bilanz dieser "grünen Revolutionen". Alle drei
"Euro-Renovierungen" weckten – wenngleich sie von Eurostandards
weit entfernt sind – die Gesellschaft und machten deutlich, dass es keine
Macht gibt, die nicht gestürzt werden kann.
Andrey Kobyakov
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