BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind
21/01/2009 - Münchner Merkur
Von außen betrachtet
Gas-Workshop für Europäer
Zu russisch-ukrainischen Streitigkeiten
Die Gas-Streitigkeiten zwischen der Ukraine und Russland sind zu einer
bösen Silvestertradition geworden. Seit 2005 wird in den europäischen
Ländern fast jeden Dezember "Gas-Alarm" geschlagen. Nachdem
dann im Januar die Lieferungen wieder aufgenommen werden, vergisst man
die Gefahr bis zum nächsten Jahreswechsel.
Warum verhalten sich europäische Politiker so kurzsichtig? Warum
gibt es diese Konflikte zwischen den früheren sowjetischen Wirtschaftsriesen?
Wie könnte Europa dem vorbeugen? Wer ist an den "Gas-Kriegen"
interessiert? Von außen betrachtet, lassen sich die drei letzten
Fragen leichter beantworten.
Jeder russisch-ukrainische "Gas-Krieg" birgt politische Gründe.
Erinnern wir uns: Früher hat Moskau seine Gaslieferungen nach Westeuropa
niemals eingestellt. Weder im Kalten Krieg noch zu Zeiten seiner wirtschaftlichen
Zerrüttung Anfang der 1990er Jahre. Der erste Konflikt entlud sich
nach der sogenannten Orangenen Revolution in der Ukraine, als klar wurde,
dass sich Kiew für eine Annäherung an Nato und EU entschieden
hatte. Moskau bestrafte die Ukraine für "den Verrat" und
zeigte, dass Unabhängigkeit wirtschaftlich abgesichert sein sollte.
Der jüngste Streit hat ein paar neue Hintergründe. Erstens:
Kurz davor unterzeichneten die Ukraine und die USA ein Abkommen über
strategische Partnerschaft. Am 9. Januar wurde ein ähnliches Dokument
zwischen den USA und Georgien beschlossen. Das heißt, die Europäer
wurden zu Geiseln im Kampf zwischen den USA und Russland um den postsowjetischen
Raum.
Zweitens: Der aktuelle Streit entwickelte sich unter neuen makroökonomischen
Bedingungen. Die weltweite Wirtschaftskrise verschärft alle geschäftlichen
Streitigkeiten, und die gesunkenen Ölpreise zwingen Russland, hart
zu agieren.
Drittens: Ein weiterer Konfliktgrund ist das innenpolitische Durcheinander
in der Ukraine. Der Machtkampf zwischen den früheren Gefährten,
der Premierministerin Julia Timoschenko und dem Präsidenten Wiktor
Juschtschenko, erschwert die Situation nicht nur, sondern wird selbst
instrumentalisiert. So gibt es Gerüchte, dass der jetzige Gas-Streit
nach Absprache mit ukrainischen Oppositionspolitikern initiiert wurde.
Auch das alte Feindbild taucht wie immer auf: Russische Medien streuen
Informationen, wonach die ukrainische Partei von Washington dirigiert
wird.
Viertens: Der Kreml nutzt die Gas-Krise, um sein Projekt "Nordstream"
zu forcieren. Die Entwicklung der Ostsee- Pipeline geht wegen des Widerstandes
einiger EUStaaten nur schleppend voran. Es ist sicher kein Zufall, dass
kurz nach dem Beginn des Konfliktes die entsprechende Pressekonferenz
von "Nordstream"-Chef Gerhard Schröder stattfand.
Das Projekt ist trotz allem eine der pragmatischsten Lösungen. Wie
eine Studie der Beratungsgesellschaft A. T. Kearney zeigt, wird Europas
Abhängigkeit vom russischen Gas in den nächsten Jahren weiter
zunehmen. Der Studie zufolge steigt der Importbedarf bis zum Jahr 2020
um knapp 70 Prozent. Dafür reichen die derzeitigen Pipeline- Kapazitäten
von Russland nach Europa aber nicht aus.
Klarer Sieger der Situation ist übrigens die Europäische Kommission.
Der Gas-Streit gießt Wasser auf ihre Mühlen. Das Bestreben
Brüssels nach einer einheitlichen übernationalen Energiestrategie
gewinnt selbst bei Euro-Skeptikern immer mehr Verständnis. In diesem
Zusammenhang sei daran erinnert, dass in den 70er Jahren das Öl-
Embargo der arabischen Länder den ersten internationalen Anstoß
gab, in der Energiepolitik umzudenken und neue Technologien zu entwickeln.
Andrey Kobyakov
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