BEITRÄGE AUF DEUTSCH
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29/10/2008 - Münchner Merkur
Von außen betrachtet
Finanzkrise: Naturkatastrophe oder Verbrechen?
Die Suche nach Sündenbock
Natürlich ähnelt die Finanzkrise einer Naturkatastrophe. Alle
Merkmale sind präsent: Epizentrum, wachsende Zerstörungskraft,
kalkulierbare Verbreitungsrichtungen und allmähliches Abklingen.
Wie ein Hurrikan bringt auch die weltweite Krise tausenden Menschen dramatische
Verluste. Einen Unterschied gibt es allerdings: Der Markt ist kein unregulierbares
Element, das sich von selbst entfesseln kann. Der Markt wurde von Menschen
geschaffen und kultiviert. Eine besondere Anerkennung bekam Ihre Majestät
der Markt nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Ohne Bedenken wurde dieses
Ereignis euphorisch als Sieg über den Marxismus gedeutet.
Der große deutsche Philosoph und Ökonom Karl Marx wurde ideologisch
begraben und seine Lehre endgültig abqualifiziert. Heute sieht es
so aus, als ob ein für den politischen Kampf typischer Fehler gemacht
wurde: Man schüttete das Kind mit dem Bade aus. Doch lassen wir Marx
in Frieden ruhen – obwohl sein Buch "Das Kapital" in Deutschland
in der letzten Zeit besser verkauft wird.
Kommen wir zurück zur Krise, die also keine Naturkatastrophe, sondern
von Menschenhand gemacht ist. Hier tauchen zwei Fragen auf: "Wer
ist schuld?" und "Was tun?" Um die erste Frage zu beantworten,
wandte ich mich an "Google.News". Die Ergebnisse überraschen
mit ihrer Vielfalt, nicht aber mit der geografischen Herkunft: Alle Wege
führen nach Amerika.
Im US-Kongress meint man, dass der Hauptsünder der frühere
Notenbank-Chef Alan Greenspan ist. Seine Schuld bestehe darin, dass er
die Idee der stärkeren Staatsregelung des Bankensystems verweigert
habe. Noch eine nicht unbekannte Person auf der schwarzen Liste von Amerikanern
heißt George Walker. Der Halbcousin von US-Präsident George
W. Bush und Leiter des Ressorts für globale Investitionen der Investmentbank
Lehman Brothers habe die Warnungen vor einer heranrückenden Finanzkrise
ignoriert.
Milliardär Warren Buffett beschuldigt alle amerikanischen Banken,
die zu viele hochriskante Kredite ausgegeben hätten. US-Senator Henry
Waksman wirft den namhaften US-Ranking-Agenturen Standard & Poor’s
und Fitch Ratings unsaubere Geschäfte vor. Diese hätten tausende
Aktien grundlos hoch bewertet. Noch tiefer graben die Briten bei der Suche
nach den Schuldigen: Laut "The Guardian" sind es die Analytiker,
die Programme für Börsenrechner entwickeln. Wie die Zeitung
schreibt, tätigen Computer an amerikanischen Börsen bis zu 80
Prozent aller Abschlüsse.
An der russischen RTS-Börse gehören zu den 20 besten Investoren
sogar drei Handelsroboter, die blitzschnell aktuelle Börseninformationen
analysieren und dann die Entscheidungen treffen. Aber alle solchen Programme
sind mit einem Makel behaftet: Sie können die Kreditfähigkeit
von Kunden nicht richtig einschätzen. Absolut berechenbar sind dagegen
die Ansichten russischer Spitzenpolitiker: Zur Krise habe ausschließlich
"der wirtschaftliche Egoismus einiger Länder" geführt,
meint etwa Präsident Dmitrij Medwedew. Ebenso banal klingt die Anklage
der Londoner "The Times": Das Bankensystem sei in Misskredit
gebracht worden, weil es im Blut von einigen Managern zu viel Testosteron
gebe. Also, alle Unglücke gehen von Männern aus, und diese Krise
ist keine Ausnahme. Punkt.
Die Suche nach einem Sündenbock ist so schwierig, weil es gleich
eine ganze Herde davon gibt. Eine Ursache könnte zum Beispiel die
sich öffnende Schere zwischen den Reichen und Armen sein, und zwar
nicht nur zwischen Bürgern innerhalb eines Staates, sondern auch
zwischen den Ländern.
Diese Kluft zu schließen wäre eigentlich die Aufgabe von Politikern,
denn Banker und Unternehmer sind in diesem Sinne per se blind und taub.
Die heutige Situation beweist anschaulich, dass die Marktwirtschaft nicht
allmächtig ist und die Krisen keine marxistische Erfindung sind,
sondern Realität. Es sieht so aus, als tauge in Krisensituationen
allein der Staat als Stabilisierungsinstitution – dementsprechend sollte
seine Rolle verstärkt werden. Nur der Staat kann die Ausbeutung der
Demokratie verhindern. Und: Jeglicher Extremismus ist gefährlich:
sowohl sozialistischplanwirtschaftlicher als auch kapitalistisch-habsüchtiger.
Andrey Kobyakov
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