BEITRÄGE AUF DEUTSCH
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25/06/2008 - Münchner Merkur
Von außen betrachtet
Sibirischer Poker
Über die "Gas-Ehe" der EU und Russland
Chanty-Mansijsk - so heißt die russische Stadt mit dem unaussprechlichen
Namen, die der großen Mehrheit der Deutschen unbekannt ist. In Russland
kennt man diese Stadt sehr gut, und man spricht ihren Namen mit einem
besonderen Gefühl aus. Denn die westsibirische Stadt, in der am Donnerstag,
26. Juni, der EU-Russland- Gipfel beginnt, ist die Hauptstadt einer der
reichsten Regionen der Russischen Föderation. In Jugra, so deren
Kurzname, wird mehr Erdöl gefördert als in allen ölreichen
russischen Regionen zusammengenommen.
Und der Nachbar, der Autonome Kreis der Jamal-Nenzen, ist Weltmeister
in der Gasförderung. Deshalb ist es a priori klar, worum es sich
bei den Verhandlungen in erster Linie drehen wird. Außerdem gibt
es keinen Zweifel, dass das neue Partnerschaftsabkommen zwischen der Europäischen
Union und Russland erfolgreich abgeschlossen werden wird. Nicht, weil
polnische und litauische Vetos gegen diese Verhandlungen zurückgezogen
wurden oder westeuropäische Spitzenpolitiker mit dem russischen Klondyke
geblendet werden. Obwohl das von der russischen Seite als ein Bestandteil
der Verhandlungsstrategie vorgeplant wurde: Es ist eine Kreml-Tradition,
seine Politik mit einer guten Portion Symbolismus zu verbinden.
Das sogenannte Partnerschafts- und Kooperationsabkommen zwischen EU
und Russischer Föderation wird aus ganz einfachen und pragmatischen
Gründen für beide Seiten vorteilhaft ausgearbeitet, abgeschlossen
und in allen EU-Staaten ratifiziert. Und das passiert viel schneller,
als der slowenische Außenminister und EU-Ratspräsident Dimitrij
Rupel vor einem Monat in Brüssel vorhergesagt hat. Zwei Jahre wären
zu lang für beide Seiten: große Politik, große Geschäfte
und lebenswichtiger Bedarf können so lange nicht warten. Das umso
weniger, als die vielseitige wirtschaftliche und politische Kooperation
schon seit einem Halbjahr nach dem abgelaufenen und automatisch verlängerten
veralteten Abkommen von 1997 verläuft.
Auch der neu gewählte Präsident Dmitrij Medwedew will sich
nicht mit zähen Verhandlungen belasten. Das Interesse ist groß,
die Einsätze sind hoch. In diesem Poker werden Deutschland und Frankreich
die Geber sein. Deutschland wird von den Russen immer als eine Art Schiedsrichter
in Auseinandersetzungen mit der EU wahrgenommen, auch nach der Schröder-Ära.
Und Frankreich ist dabei, die EURatpräsidentschaft zu übernehmen.
Der ehrgeizige Hausherr des Élysée-Palastes verpasst keine
Chance, etwas zu erreichen, was Deutschland nicht gelungen ist. Deutschland
ist einer der größten Energieimporteure in Westeuropa: mehr
als 30 Prozent Erdöl und bis zu 45 Prozent Erdgas kommen aus Russland.
Der Verzicht auf die Atomenergie verstärkt die Energieabhängigkeit
noch.
Berlin hatte bereits Stress wegen "zufälliger" Lieferungsausfälle.
Und die Inbetriebnahme der Ostseepipeline "Nord Stream" ist
erst für 2011 geplant. Nicht umsonst wird das Wort "Energiesicherheit"
auf höchster politischer Ebene immer häufiger in den Mund genommen.
Das Thema gerät ganz sicher auch in den Fokus der 10. deutsch-russischen
Regierungskonsultationen, die im September in St. Petersburg stattfinden
sollen. Die Frage ist: Warum sollen sich die Europäer im Endeffekt
keine Sorgen machen, obwohl ihre Karten nicht besonders gut zu sein scheinen?
Es gibt noch eine andere Statistik. Mehr als 70 Prozent der gesamten
Exporte aus Russland entfallen auf Energieträger. Erdöl und
Gas bilden den Großteil des russischen Bruttoinlandsprodukt. Die
heutige innenpolitische Stabilität und das wirtschaftliche Aufblühen
Russlands stammen aus den faktisch nationalisierten Bohrlöchern und
Gasröhren. Und Bonität und Verlässlichkeit der westeuropäischen
Partner sind im Vergleich zu einigen osteuropäischen Staaten sehr
hoch und seit der Sowjetzeit einwandfrei nachgewiesen.
Solche Kunden wie die EU-Länder zu verlieren wäre für
Russland eine Katastrophe. Deshalb sollte die Hauptforderung der EU -
Stabilität und Entpolitisierung von Gaslieferungen - von Moskau akzeptiert
werden. Und das heißt, dass es bei dem Poker, der in Sibirien beginnt,
keinen Sieger geben wird. Und dementsprechend auch keinen Verlierer.
Andrey Kobyakov
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