BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind
28/05/2008 - Münchner Merkur
Von außen betrachtet
Schimpfwort "Sicherheit"
Warum Wolfgang Schäuble recht hat
"Solange der Donner nicht rollt, bekreuzigt sich der Bauer nicht."
So kann man ein uraltes russisches Sprichwort übersetzen. Für
die Menschen ist es üblich, erst dann Vorkehrungen zu treffen, wenn
es zu spät ist. Das ist nicht nur für Russen typisch. Auch die
pragmatischste Nation der Welt, die Deutschen, sind davon gar nicht so
fern.
Der fast einzige deutsche "Bauer", der sich rechtzeitig zu
"bekreuzigen" bereit ist, heißt Wolfgang Schäuble.
Durch eine Schicksalsfügung arbeitet heute dieser alte politische
Fuchs in einem der undankbarsten deutschen staatlichen Gefilde, und all
seine Versuche, die rechtlichen Sicherheitsstützen des Staates zu
befestigen, stoßen auf eine Mauer aus Unverständnis, Politikum
und Angst. Es sieht so aus, dass der Innenminister im Kabinett der am
meisten kritisierte Bundesminister ist. Aus welchen Gründen? – Aus
Sicherheitsgründen.
Als russischer Bürger bin ich von mehreren Dingen in Deutschland
begeistert. Dazu gehören das mutige Umden ken in der Vergangenheit,
die beneidenswerte demokratische Entwicklung und die mächtige Rechtsstaatlichkeit.
Was mich ein bisschen enttäuscht, ist die Unflexibilität der
Gesellschaft bei allem, was Sicherheitsprobleme betrifft. Manchmal glaube
ich zu wissen, woher das kommt.
Fast alle von Schäuble vorgeschlagenen Maßnahmen zur Verschärfung
der Sicherheitsgesetze und die geplanten Korrekturen der faktisch inexistenten
inneren Sicherheitsarchitektur sind abgelehnt worden oder am Verfassungsgericht
gescheitert. Seine Initiative zum Einsatz der Bundeswehr im Inneren wurde
so scharf kritisiert, als ginge es um eine Restauration geschichtlicher
Tabu-Themen. Sein Aufruf, die Möglichkeit der gezielten Tötung
von Terroristen im Grundgesetz zu verankern, empörte so stark den
Medienraum, als hätte er Osama bin Laden zu einem Staatsbesuch eingeladen.
Die gleiche Resonanz fanden seine anderen "umstürzlerischen
Projekte" inklusive Verbot der Handy- und Inter net- Nutzung für
mutmaßliche Terroristen sowie Online- Durchsuchungen.
Belohnung für sein Engagement bekam der Innenminister in vollem
Maß. "Schäuble baut den Polizeistaat", "Innenminister
terrorisiert deut sche Gesellschaft", "Minister Schäuble
demontiert den Rechtsstaat" – so lauten die harmlosesten Passagen
an seine Adresse. Als Verzahnung von Polizei und Geheimdiensten nannte
man seine jüngsten Pläne, eine techni sche Aufklärungszentrale
in Köln zu schaffen. Mit Ironie und Satire kommentiert man fast jede
seiner Absichten.
Woher kommen diese Fetischisierung der Verfassung, die "Biblisierung"
von demokratischen Werten und der sture Widerstand gegen die eigene Sicherheit
bei den Deutschen? Ich glaube, das liegt an der rechtlichen Verwöhntheit
der deutschen Nachkriegsgenerationen und am Kult der blinden Anbetung
ihrer geschichtlich bedingten Tabus. In Deutschland ist man daran gewöhnt,
dass etwas Schreckliches nur irgendwo anders passiert. Der Terroranschlag
in Beslan und die Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater waren tausende
Kilometer entfernt.
Weit von Berlin und Karlsruhe passierten auch die Horrorereignisse vom
11. September. Wenn man sich an die Olympiade 1972 in München erinnert,
sollte man davon ausgehen, dass dieser Terrorangriff von den Deutschen
als nicht antideutsch wahrgenommen wurde. Auch ein vor zwei Jahren verhinderter
Terroranschlag in Deutschland machte die Gesellschaft nicht wachsamer.
Während die Welt sich ändert und immer neue Bedrohungen entstehen
– nicht nur für die demokratischen Werte, sondern auch für das
Leben – wäre es unzulässig, sich Illusionen hinzugeben und mit
den alten Ahnungen zu leben.
In den Fokus von Terroristen geraten meist die einfachen Leute. Klar,
warum Politiker und Richter diese Gefahr nicht nachvollziehen können:
Hinter den Scheiben von Limousinen und aus dem Villenfenster heraus sieht
die Welt ganz anders aus. Warum verstehen das die "normalen"
Deutschen nicht?
Noch mehr: Wenn man alle Diskussionen über innovative Schäuble-Politik
aufmerksam verfolgt, scheint es, dass in Deutschland das Wort "Sicherheit"
das gleiche Image hat wie das Wort "Demokratie" in Russland.
Es gilt als Schimpfwort. Bleibt nur zu hoffen, dass es Schäuble niemals
den Anlass liefert, an das russische Sprichwort öffentlich erinnern
zu müssen.
Andrey Kobyakov
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