BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind

09-11-2001 © Moskauer Deutsche Zeitung
Regenbogenpresse kontra Hofjournalismus
Erfahrungen eines Journalisten in der Republik Tatarstan
Die regionalen Massenmedien bleiben im russischen Hinterland oft die
einzige Alternativstimme zur offiziellen Politik. Sie entwickeln sich
entweder unter dem Dach und Druck der örtlichen Herausgeber oder
gnädiger Unternehmer. Aber ihre Freiheit hat Grenzen.
Während des Sozialismus richteten sich die Regionalzeitungen nach
der universellen Wahrheit: der "Prawda". Sie kam in jedes Haus und war
das zentrale Presseorgan der KPdSU. Die meisten berufstätigen Sowjetbürger
fanden neben dieser Zeitung auch eine regionale Printausgabe in ihren
Briefkästen. Die meisten landesweiten Zeitungen hatten lediglich
regionale Bezeichnungen, wie "Sowjetisches Tatarien", "Sowjetisches Baschkirien"
oder "Sowjetisches Tschuwaschien". Die Regionalausgaben zeigten ebenfalls
Parallelen und trugen oft "Prawda" als Bestandteil ihres Namens. Nach
der Wende verloren sie ihre Rolle als parteiliches Sprachrohr. Dasselbe
Schicksal traf auch die Ministeriums- oder Gewerkschaftszeitungen. Die
regionalen staatlichen Medien waren davon jedoch nicht betroffen.
Die frisch deklarierte Demokratie brachte auch die hastige Privatisierung
der Massenmedien mit sich: Bestehende Blätter suchten händeringend
neue Käufer. Am Anfang der pseudodemokratischen Reformen wurde die
Gesellschaft motiviert, den neuen Kommunikationsmitteln Geburtshilfe zu
leisten. Mit Erfolg: Die Zeitungsnamen wurden geändert und das Layout
aufgepeppt. Doch die Hebammen dieser "Entbindung" waren die alten geblieben:
Umgefärbte Kommunisten und so genannte neue Demokraten. Die repräsentativsten
Medien gingen nun in den Besitz von politischen "Wendehälsen" über
oder gehörten fortan Eigentümern, die urplötzlich ins Rampenlicht
traten. Die alten Medien erhielten einen neuen Anstrich, manchmal blieb
nicht einmal mehr der Name übrig.
Wirtschaftliche Freiheit, Meinungspluralismus und die Vielfalt der Massenmedien
waren zwar meist nur Schlagworte, doch es ist auch manches geglückt:
Journalisten können ihre Arbeitgeber in einer der spärlichen
Kategorien suchen und zwischen staatlichen, kommerziellen, nationalen
oder oligarchischen Zeitungen und Rundfunksendern wählen. Die wirkliche
Pressefreiheit und die Schaffung der öffentlich-rechtlichen Medien
bleibt allerdings bis heute nur ein Traum.
In der Provinz treten diese allgemeinen, negativen Symptome am stärksten
zu Tage: Die Republik Tatarstan ist für russische Verhältnisse
eine fortgeschrittene Region. Eine Bevölkerung, die kaum mehr Einwohner
als Berlin hat, kann zwischen mehr als 500 Massenmedien wählen, darunter
über 400 Druckerzeugnisse, 65 Fernsehsender und -gesellschaften.
Die überwiegende Mehrheit von ihnen und zwei bestehende Presseagenturen
in der Republik werden vom Staat finanziert.
Trotz dieser hohen Zahl von Medien ist das Informationsangebot noch recht
überschaubar. Dem mächtigen Netz umgewandelter Staatsmedien
steht ein kleinerer Block flexiblerer und gut ausgestatteter privater
Anbieter gegenüber. Deren oppositionelle Stellung ist stark von der
Marktkonjunktur abhängig. Eigentlich könnte man eher von einer
Marionettenopposition sprechen.
Vor kurzem wurde in der Republik Tatarstan eine Abteilung der Media-Union
gegründet, eine vom Kreml initiierte Organisation als Gegensatz zum
Journalistenverband. Es kam zu einer merkwürdigen Konstellation:
Zwei Gruppen von Chefredakteuren hatten ihre Gründungsversammlungen
gleichzeitig durchgeführt. Auf der Jagd nach potenziellem Profit
existieren nun doppelte Abteilungen. Viele professionelle Journalisten
glauben dennoch nicht an die uneigennützige Hilfe dieser beiden Einrichtungen.
Der Stab russischer "Hofjournalisten" funktioniert unter der Finanzschraube
des Ministeriums für Post- und Fernmeldewesen und unter dem Druck
der drei "Oberpressezentren" - dem Präsidenten, der Regierung und
dem Parlament - recht gut. Alle Behörden haben auch ihre eigenen
Presseabteilungen.
Hohe Auflagen rechnen sich für die meisten staatlichen Medien kaum,
da sie alle dasselbe Klagelied singen, allerdings in verschiedenen Tönen.
Fast ein Viertel der Seitenfläche sollte für offizielle Informationen
freigehalten werden. Das Geld der staatlichen Medien ist knapp, und so
sehen sich viele gezwungen, noch ein Viertel der Seitenfläche zu
verkaufen. Der populärste und profitabelste Trick ist versteckte
Werbung. Die Kassen klingeln, und das Resultat ist die Förderung
der Publicity von Personen, die es sich leisten können. Gegen Bares
werden Unternehmer oder gar Beamte über den grünen Klee gelobt.
Gegen Cash darf sich fast jeder ein Interview zu seiner Person bestellen.
In der Rubrik "Der Fluss der Zeit" der Zeitung "Respublika Tatarstan"
(vormals "Sowjetisches Tatarien") könnten beispielsweise die Geburtsdaten
von Jeanne d'Arc neben denen eines beliebigen örtlichen Bürgermeisters
platziert werden. Die Jungfrau von Orleans erhält diesen Platz natürlich
kostenlos.
Für keine Summe ist jedoch die prinzipielle Kritik an führenden
Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft möglich. Die Flexibilität
der Kommentare föderaler Ereignisse hängt aber von den aktuellen
Beziehungen zwischen Kasan und Moskau ab. Bei Ungehorsam droht den Chefredakteuren
die Versetzung.
Positiv zu bewerten ist bei den regionalen staatlichen Medien ihre soziale
Tendenz, so dass Nachrichten und Reportagen zuweilen menschliche Züge
annehmen. Diese örtlichen Ausgaben bilden einen großen Kontrast zu
den überregionalen Medien, die verstärkt zentralistisch gefärbt
sind.
Die Situation der "freien", nichtstaatlichen Medien sieht nicht besser
aus. Einige Vertreter der Regenbogenpresse verbergen hinter ihrem finanziellen
Engagement die Sponsoren oder Eigentümer. Mit reich illustrierten
Layouts, schreienden Schlagzeilen, Skandalen, Tratsch und unbestätigten
Tatsachen markieren sie ihr käufliches Wesen. Das wahre Gesicht dieser
vermeintlichen Opposition zu staatlichen Blättern zeigt sich jedoch
bei Wahlkampagnen und Querelen zwischen dem Zentrum und den russischen
Regionen. Einige behalten ihre oppositionelle Linie, andere verhalten
sich wie Strichmädchen und bandeln mal mit den Herrschenden, mal
mit ihren Gegnern an.
Doch der Schlüssel zum Unglück der Printmedien in Tatarstan
ist wohl beim Ministerium für Post- und Fernmeldewesen zu suchen,
das das Monopol auf den Vertrieb von Zeitungen und Zeitschriften besitzt.
Die städtischen Zeitungen nehmen den Vertrieb selbst in die Hand,
doch den Regionalzeitungen bleibt nichts anderes übrig, als dem Ministerium
weiterhin Geld in den Rachen zu werfen.
Rundfunk und Fernsehen nutzen oftmals die Sendeplätze von bereits
bestehenden föderalen Kanälen und richten ihre Nachrichten oft
nach den politischen Stellungnahmen ihrer Besitzer aus. In Tatarstan gesellt
sich noch ein weiteres Problem zu diesem Dilemma: Die tatarische Schrift
sollte vom kyrillischen zum lateinischen Alphabet zurückkehren. Das
Projekt wurde im Zuge der tatarischen nationalen Wiedergeburt heftig und
euphorisch diskutiert. Vermutlich würde sich eine solche Entscheidung
negativ auf die tatarischsprachigen Printmedien auswirken: Ihre Auflage
würde höchstwahrscheinlich sinken.
zum Original in der 'MDZ' >>>
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