BEITRÄGE
Einige Beiträge von deutschen, russischen, amerikanischen usw. MedienrepräsentantInnen, ForscherInnen über Journalistik, Massenmedien, Pressefreiheit und Journalismus überhaupt.
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Dr. Beatrice Dernbach
Haben die Printmedien noch eine Zukunft?
Die Printmedien haben eine Zukunft! Die Frage ist nur, welche Zukunft
dies sein wird, das heißt auch, wie sich die Printmedien verändern
müssen, damit sie eine Zukunft haben.
Lassen Sie mich vor den weiteren Ausführungen einige Voraussetzungen
skizzieren:
Die Gattungsbezeichnung Printmedien möchte ich hier ausschließlich
beschränken auf die Tageszeitungen; das Printmedium Zeitschriften
unterliegt anderen Marktbedingungen: sie werden anders typisiert (grob
vereinfacht in Publikums-, Fachzeitschriften); hier haben wir es mit anderen
Verlagen, mit anderen Strukturen als im Zeitungsbereich als Marktführer
zu tun - um nur zwei wesentliche Merkmalsunterschiede zu nennen.
Die Frage nach der Zukunft - soll sie nicht schnell im spekulativen
Nebel versinken - impliziert immer die Frage nach Vergangenheit und Gegenwart,
d.h. vor allem nach den gesellschaftlichen Bedingungen und Entwicklungen,
sinnvoll einzusetzen als Hintergrund für zukünftige Annahmen. Deshalb
werde ich in aller Kürze auf den derzeitigen Markt eingehen, bevor
ich einen Blick in die Zukunft wage.
Die Entwicklung der Medien ist hochgradig abhängig von, aber auch
gleichzeitig wegweisend für die Entwicklungen in anderen gesellschaftlichen
Bereichen wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, soziale Lebenswelten.
Die Medien in ihrer Gesamtheit als technische und als sozial-kulturelle
Akteure sind seit ihrem Bestehen niemals in ihrer Existenz in Frage gestellt
oder ernsthaft bedroht gewesen. Im Gegenteil: Die Massenmedien oder besser:
die Publizistik hat sich in der modernen Gesellschaft als eigenständiges
Subsystem etabliert und spezifische Funktionen und Erwartungen entwickelt.
Was allerdings nicht unberührt bleibt von den gesellschaftlichen
Veränderungen ist die "Erscheinungsform" der einzelnen Medien sowie
die Struktur der Medienlandschaft insgesamt: Wir haben es heute mit einem
sehr differenzierten Markt zu tun, in dem verschiedene Medien nebeneinander
existieren. Bisher kam es auf diesem Markt zwar immer zu Verschiebungen,
aber nie zur Vernichtung einer Mediengattung.
Vergangenheit
Minnesänger, berittene Boten, reisende Handels- und Kaufleute waren
es, die ihr Publikum bis ins 17. Jahrhundert hinein mündlich mit
den nötigsten Informationen aus aller Welt versorgten. Die Menschen
konnten nicht lesen und schreiben, ihr Leben war geprägt von Arbeit,
ihr Erlebenshorizont war auf die nahe Umgebung beschränkt, da sie
weder die Zeit, noch die finanziellen und technischen Mittel hatten, um
in der Welt umherzureisen. Und sie brauchten nur Informationen, die unmittelbar
ihr Überleben sicherten: Dazu dienten beispielsweise die mündlich
tradierten Bauernweisheiten.
Mit dem Wandel der feudalistischen Agrargesellschaft hin zur Industriegesellschaft
im 18. und 19. Jahrhundert veränderten sich die gesellschaftlichen,
sprich politischen, ökonomischen und sozialen Strukturbedingungen:
Es bildete sich eine Art politischer Öffentlichkeit vor allem im
„aufgeklärten" Bildungsbürgertum, die Menschen lernten
lesen und schreiben und ihr Bedürfnis nach Informationen, nach Wissen
wuchs, sie wurden geografisch und sozial mobiler; Kapitalismus und Marktgesellschaft
entfalteten sich, das Monopol feudaler Herrschaft wurde abgelöst
durch bürokratische Strukturen. Diese Entwicklungen und die Innovationen
in der Technik - ausgehend von Gutenbergs Druckpresse mit beweglichen
Lettern um 1450 - ermöglichten die Herausbildung eines - ja ich nenne
ihn zunächst so - publizistischen Produktionsbereiches.
Zuerst waren es die Drucker, die Informationen sammelten und sie chronologisch
entsprechend ihres Eingangs in dünnen, d.h. nur vier bis acht Seiten
umfassenden Blättern abdruckten. Bis zum ausgehenden 17. Jahrhundert
waren die Meßrelationen mit Nachrichten aus den großen Messestädten
(wie Leipzig) und die „Newen Zeitungen" mit kuriosem und unterhaltsamen
Meldungen aus nah und fern, die wichtigsten gedruckten Kommunikationsformen.
Um 1609 erschienen die ersten regelmäßigen Wochenzeitungen
in Straßburg (Relation) und Wolfenbüttel (Aviso). In den folgenden
Jahrzehnten wuchsen Zahl und Umfang der periodisch publizierten Zeitungen
stetig.
Bernd Blöbaum hat in seiner Dissertation "Journalismus als System"
die - wie er und andere Systemtheoretiker es nennen - Ausdifferenzierung
des Journalismus in der modernen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts
detailliert beschrieben. Als wesentliche Merkmale arbeitet er heraus:
- die Funktion: aktuelle Vermittlung von Informationen zur öffentlichen
Kommunikation
- die Organisationen: Zeitungen, Nachrichtenagenturen, Redaktionen
- spezifische Rollen: Drucker, Verleger, Redakteure und das Publikum
- spezifische Programme zur Selektion und Darstellung des Materials:
Nachrichtenwerte, Ressorts, Recherche, Genres (Nachricht, Reportage
etc.).
Blöbaum zeigt, daß Journalismus zum einen aus den sich umwälzenden
gesellschaftlichen Strukturen heraus entstanden ist, zum anderen aber
auch diese Entwicklungen wesentlich mit geprägt, gelenkt
und forciert hat. Die Erwartung der Menschen an die Presse, ihnen die
nahe Welt zu erklären und ihnen auch die geografisch fern liegende
Welt nahezubringen, wurde von einer stetig steigenden Zahl an Zeitungen
erfüllt: bis 1620 gibt es rund 20 Blätter, 1789 erscheinen im
deutschsprachigen Raum 188 Zeitungen, 1847 sind es bereits 1000 und 1932
liegt die Zahl bei 3732 (Blöbaum 1994).
Die Herstellung und Verbreitung von Nachrichten professionalisierte
sich zunehmend: Mitte des 19. Jahrhunderts entstehen Nachrichtenagenturen
und Korrespondenzbüros, die Zeitungen erscheinen regelmäßig,
werden umfangreicher, die Auflage steigt und die Themenpalette wird vielfältiger;
in den Organisationen kristallisieren sich deutlich drei voneinander weitgehend
unabhängige Bereiche und damit drei verschiedene Berufsrollen heraus:
der Drucker verliert die Kompetenz für das Zustandekommen des ganzen
Blattes und ist nur noch für die technische Herstellung zuständig;
dem Verleger obliegen vor allem die Finanzen; die Redakteure schließlich
sind für die Recherche und die printgerechte Verarbeitung des Nachrichtenmaterials
verantwortlich. Diese Aufgabenteilung kennen wir auch heute.
Zwischenbilanz:
Die Entwicklung der Medien ist hochgradig abhängig von den Fortschritten
in anderen gesellschaftlichen Bereichen, bestimmt aber wiederum diese
Fortschritte wesentlich mit. Die Medien in ihrer Gesamtheit als technische
und als sozial-kulturelle Akteure sind seit ihrem Bestehen niemals in
ihrer Existenz in Frage gestellt oder ernsthaft bedroht gewesen. Im Gegenteil:
Es haben sich in der modernen Gesellschaft spezifische Funktionen und
Erwartungen herauskristallisiert. Was allerdings nicht unberührt
bleibt von den gesellschaftlichen Veränderungen ist die "Erscheinungsform"
der einzelnen Medien sowie die Struktur der Medienlandschaft: Wir haben
es heute mit einem sehr differenzierten Markt zu tun, in dem verschiedene
Strömungen wirken. Als Beispiel sei hier nur kurz verwiesen auf die
Etablierung des dualen Rundfunksystems (d.h. öffentlich-rechtliches
neben privatem TV). Verglichen mit den Umbrüchen in diesem Marktsegment
sind die Veränderungen im Pressemarkt weniger spektakulär. Dazu
im folgenden mehr.
Gegenwart
Die Frage nach der Zukunft der Zeitungen ist nicht neu; sie wurde regelmäßig
bei der Einführung neuer, d.h. vor allem elektronischer Medien gestellt.
Wolfgang Riepl hat bereits 1913, als die Zeitung in Konkurrenz zum Buch
trat, festgestellt und prophezeigt, daß Medien einander nicht substituieren,
sondern ergänzen. Diese Diagnose geistert heute als Rieplsches Gesetz
durch die Zeitungswissenschaft.
Die deutsche Zeitungslandschaft ist geprägt durch zwei wesentliche
Merkmale:
- die Politik der alliierten Besatzungsmächte: das Fehlen
einer starken Hauptstadtpresse, das Nichtexistieren einer Parteipresse
und statt dessen die Zersplitterung in eine zwar insgesamt gesehen vielfältige,
aber bezogen auf die einzelnen Städte und Landkreise monopolisierte
Regionalpresse
- das Aufkommen und die Etablierung anderer Medien, d.h. vor allem
Funkmedien.
Es sind zwei Arten von Wettbewerb festzustellen:
der intramediäre (Druckmedien untereinander) und der intermediäre
(Funk- und Druckmedien) Wettbewerb.
In den 60er Jahren kamen die Konzentrationsprozesse als gesellschaftspolitisches
und ökonomisches Thema auf die Agenda der Politik, die zwei Kommissionen
mit der Untersuchung der Wettbewerbsverhältnisse beauftragte: die
Michel-Kommission (K. zur Untersuchung der Wettbewerbsgleicheit von Presse,
Funk/Fernsehen und Film) und die Günther-Kommission (zur Untersuchung
der Gefährdung der wirtschaftlichen Existenz von Presseunternehmen
und der Folgen der Pressekonzentration für die Meinungsfreiheit in
der Bundesrepublik Deutschland), jeweils benannt nach ihren Vorsitzenden.
Kurz einige wichtige Ergebnisse:
- Presse und Rundfunk ergänzen sich in publizistischer Hinsicht;
auch auf dem Werbemarkt findet kaum intermediärer Wettbewerb statt,
da die Reichweite und die Produkte der Werbung völlig unterschiedlich
sind; Konkurrenten der Zeitungen als Werbeträger sind vielmehr
die Zeitschriften.
- Nach Einschätzung der Günther-Kommission ist die Pressefreiheit
1967/68 durch die Pressekonzentration noch nicht beeinträchtigt;
gleichwohl wird sie aufgrund der Entwicklung im Zeitungs- und Zeitschriftenwesen
als bedroht bezeichnet; die Kommission empfiehlt, durch konzentrationshemmende
Maßnahmen und durch die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit
der Presse unter die Arme zu greifen.
- Einige Vorschläge wurden in der Folge tatsächlich
realisiert, wie beispielsweise die Verpflichtung der Verleger, ihre
Besitzverhältnisse offenzulegen, die Verabschiedung des Pressestatistikgesetzes
1975 und des Pressefusions-Kontrollgesetzes 1976. Darüber hinaus
sollte die jeweilige Bundesregierung die Entwicklungen beobachten und
sie in Berichten dokumentieren. Allerdings erschienen diese Medienberichte
in einem sehr großen Abstand (nach 1985 erst wieder 1994). Mittlerweile
wurde übrigens die Pressezählung des Statistischen Bundesamtes
aus finanziellen Gründen von der Bundesregierung ganz aufgegeben
(letztmalig 1996 für 1994).
- Bis heute arbeitet eine von der Bundesregierung beauftragte
Monopolkommission, die in regelmäßigen Gutachten den Medienmarkt
analysiert. Der Bundesverband der deutschen Zeitungsverleger (BDZV)
hat 1996 zum elften Hauptgutachten der Monopolkommission Stellung genommen,
in dem es vor allem um die nationalen und europäischen Entwicklungen
im Multimedia-Bereich geht. Der BDZV macht deutlich, daß die neuen
elektronischen Dienste sowohl auf dem Rezipienten-, als auch auf dem
Werbe- und Anzeigenmarkt in eine Substitutionskonkurrenz zu den Zeitungen
treten und daß dies unter Umständen zu einer Gefährdung
der wirtschaftlichen Grundlagen der Verlage führen könnte,
mit der Konsequenz, daß die Auflagen sinken;das
Leseverhalten sich ändert (der Leser liest nur noch das, was ihn
vordergründig interessiert und überfliegt nicht mehr die anderen
Nachrichtenseiten seiner Zeitung), sich der Gebrauchsnutzen der Tageszeitung
verändern kann und die Abonnentenzahlen sinken.
Darüber hinaus könnten die elektronischen Dienste auch und
gerade für die lokalen und regionalen Tageszeitungen Anzeigenverluste
bewirken, da vor allem die kleineren Online-Dienste zur Finanzierung auch
auf dem regionalen Markt die Anzeigen akquirieren werden (müssen).
Der BDZV hält deshalb nichts von Zugangsregelungen, wie sie teilweise
in den Landesmediengesetzen verankert und wie sie auf europäischer
Ebene geplant sind, und den Zeitungsverhalten nur minimale Beteiligungen
an Multimedien ermöglicht. Der BDZV fordert deshalb einen uneingeschränkten
Zugang der Verlage zu den neuen elektronischen Kommunikationsformen -
unter anderem damit die Zukunft der gedruckten Zeitung gesichert werden
kann.
Bevor ich auf die Frage nach der Berechtigung und der Wahrscheinlichkeit
dieser Szenarien weiter eingehe, möchte ich im folgenden mit
Hilfe einiger Daten und Zahlen die gegenwärtige Presselandschaft
skizzieren (aufgrund der unübersichtlichen Fülle reduziert auf
grobe Trends):
- es gibt ein starkes Angebot an lokalen und regionalen Abonnement-Zeitungen:
täglich erscheinen 354 Titel mit einer Auflage von 17,6 Millionen
Exemplaren; demgegenüber spielen die sieben überregionalen
(1,4 Mio.) und 8 Boulevardzeitungen (6,1 Mio.; davon v.a. BILD) eine
geringere Rolle;
- täglich erscheinen 31,7 Millionen Tageszeitungsexemplare;
produziert werden sie von derzeit 135 publizistischen Einheiten (Vollredaktionen,
die einen Mantel produzieren) in 1580 lokalen Ausgaben.
Insgesamt sinkt die Auflage der Tages-, Wochen- und Sonntagszeitungen
leicht; der Rückgang ist aber vor allem bei den Blättern in
den ostdeutschen Bundesländern zu verzeichnen (ca. -9,5%; hängt
mit der Struktur des Marktes seit der Wiedervereinigung zusammen). Lokale
und regionale Abozeitungen verzeichnen Verluste von rund 1,1%; leichte
Zuwächse verbuchen die überregionalen Zeitungen (v.a. im Westen)
und die Kaufzeitungen (v.a. im Osten).
Zum Werbemarkt: (IP-Statistik Werbeaufwendungen 1994-98)
Insgesamt wurden für Werbung 1997 rund 56,6 Mrd. Mark ausgegeben;
38,7 Mrd. davon flossen in die medialen Werbeträger, wovon wiederum
rund 10,9 Mrd. Mark allein an den Werbeträger Tageszeitung gingen.
Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft schätzt, daß
die Investitionen in das Marketinginstrument Werbung in diesem Jahr voraussichtlich
auf 58,5 Mrd. Mark steigen werden (+3,4%); der Anteil der Medien wird
um 4,5% auf rund 40,4 Mrd. Mark wachsen, wobei der Anteil der Tageszeitungen
mit einer Steigerung von 4 % auf rund 11,3 Mrd. DM wieder stärker
wächst als in den vergangenen Jahren.
| |
1997 |
1998 |
| Werbung gesamt |
56,6 Mrd. |
58,8 Mrd |
| Anteil Medien |
38,7 Mrd. |
40,3 Mrd. |
| Anteil TZ |
10,9 Mrd. |
leichter Anstieg |
Aber: Noch immer werben die Tageszeitungen damit, der größte
Werbeträger in Deutschland zu sein. Betrachtet man jedoch die Aufteilung
des Werbekuchens, so ist festzustellen, daß das Stück für die
Tageszeitungen stetig kleiner wird. Als härtester Konkurrent um die
überregionalen Produktanzeigen erweist sich das Medium Fernsehen
(v.a. auch für Zeitschriften; weniger gewichtig, aber doch spürbar
die kostenlosen Anzeigenblätter, der Hörfunk und die Direktwerbung).
In Zuwächsen gemessen heißt das zwar - da das gesamte Werbeaufkommen
noch immer leicht wächst - ein leichter Anstieg für die Tageszeitungen
insgesamt, den stärksten Zuwachs verzeichnen allerdings seit einigen
Jahren die privaten Fernsehanstalten - wobei die Zuwachsraten nicht mehr
ganz so stark nach oben schießen wie Ende der 90er Jahre.
Das Verhältnis bei den Erlösen der Zeitungsverlage hat sich
aufgrund des schwachen Anzeigenmarktes (Konjunktur) und steigender Vertriebsgebühren
leicht verändert: rund 54 Prozent des Erlöses stammen aus dem
Verkauf von Anzeigen, und immerhin rund 11 Prozent der Erlöse bringen
Fremdbeilagen in die Verlagskassen; rund 36 Prozent sind Vertriebserlöse.
Zurück gehen im lokalen Markt vor allem die Stellen-, Geschäfts-
und Kfz-Anzeigen; Gründe dafür sind sicherlich vor allem in
der gesamtwirtschaftlichen Situation zu suchen.
Etwa 80 Prozent der Deutschen ab 14 Jahren lesen mehrmals in der
Woche eine Tageszeitung, wovon das Gros (rund 71%) eine lokale/regionale
Abo-Zeitung nutzt; jeder Leser wendet im Durchschnitt täglich rund
30 Minuten für die Lektüre auf.
Absolut betrachtet sind dies zuversichtlich stimmende Zahlen; im Jahresvergleich
allerdings wird offenkundig, daß die Reichweite seit Anfang der
90er Jahre insgesamt sinkt. Was den Mitgliedern des Bundesverbandes der
Deutschen Zeitungsverleger zunehmend Sorgen bereitet, ist die geringe
Bindung jüngerer Generationen an die Tageszeitung: nur etwa 52 Prozent
der 14- bis 19jährigen greift mehrmals wöchentlich zur Zeitung.
Um so älter die Leser, um so häufiger widmen sie sich der Zeitungslektüre
und um so mehr hängen sie an der Tageszeitung; von den jungen Erwachsenen
(16-29 Jahre) meinen nur 47 Prozent, daß man regelmäßig
eine Zeitung lesen sollte, 40 Prozent sind der Ansicht, die Funkmedien
und ein Anzeigenblatt reichen zur Information aus. Dieser Wert hat im
Lauf der vergangenen Jahre zugenommen (1996: 36%).
Was interessiert? Auf die Frage, welcher Zeitungsteil im allgemeinen
immer gelesen wird, antworten:
| 87 % (Ost) und 84% (West): |
lokale Berichte hier aus dem Ort und der Umgebung |
| 59% / 57 % |
politische Meldungen und Berichte aus Deutschland (Innenpolitik) |
| 55% / 52% |
Anzeigen |
| 48% / 45% |
Tatsachenberichte aus dem Alltag |
| 39% / 43% |
Sportberichte/Sportnachrichten |
Zum Lesermarkt:
Eine Anmerkung zur Lektüre der Anzeigen: Die Werbung in den regionalen
Abonnementzeitungen erfährt im Vergleich zu anderen medialen Werbeträgern
die geringste Ablehnung. Nur 20% der befragten Zeitungsnutzer wären
froh, wenn es keine Anzeigen/Werbung gäbe"; bei der Werbung im Privatfernsehen
liegt der Grad der Ablehnung bei 59%.
Junge Leute (14-29jährige) interessieren sich vor allem für
Lokales (40%), Sport (25), Anzeigen (16%) und Politik (13%), wobei sich
bereits zwischen den Altersgruppen Unterschiede ergeben: die 14- bis 17jährigen
interessieren sich etwas weniger für (lokal-) politische Berichterstattung,
etwas mehr dagegen für Sport und Veranstaltungstips.
Diese Daten und Zahlen mögen genügen, um einen hinreichenden
Überblick über den derzeitigen Markt zu bieten und um auf dieser
Basis in die Zukunft (die zum großen Teil schon begonnen hat) zu
blicken.
Die Zukunft
Manche Trends zeichnen sich bereits klar ab, manche sind noch eher spekulativ,
sind besser als Erwartungen und Hoffnungen zu bezeichnen. Ich möchte
diese Betrachtung wie folgt strukturieren:
1. die Publizistik als Beruf und Leistung im Informationszeitalter;
2. die Printmedien als sozial-kultureller Akteur;
3. die Printmedien als ökonomischer Akteur;
4. die Printmedien als politischer Akteur.
1. Die Publizistik als Beruf und
Leistung im Informationszeitalter
Die Publizistik (als Journalismus und Public Relations) ist seit wenigen
Jahren einem fast radikal zu nennenden Wandel unterworfen, der in erster
Linie durch die technische Erweiterung des Mediensystems verursacht wurde:
den Ausbau des Internets und die Markteinführung von Online-Zeitungen
(und anderen elektronischen Publikationsformen).
Mittlerweile ist ein Großteil der 135 publizistischen Einheiten
(ca. 120) mit einer Online-Ausgabe im Net vertreten. Es gibt drei Erscheinungsformen:
- Verlage, die ihre Tageszeitung ohne großen Aufwand 1:1
ins Netz stellen
- Verlage, die ihre gedruckte Ausgabe in (veränderten) Teilen
inklusive zusätzlicher Informationen präsentieren
- Verlage, die ein Komplett-Angebot machen; das reicht von der
Content- bis zur Access- und Service-Provider-Funktion bis hin zu Sonderleistungen
wie Archivrecherche, Sonderprojekten zu bestimmten Events etc.
Nahezu alle Zeitungsverlage haben die Zukunftschancen wohl erkannt bzw.
viele Verleger sind aus Furcht, einen weiteren Teil des Anzeigenmarktes
zu verlieren, auf diesen Zug aufgesprungen. Allerdings bestehen sehr unterschiedliche
Konzepte, die mit sehr unterschiedlichen Mitteln (v.a. Personal und Technik)
realisiert werden.
Einige Informationen zum Werbe- und Nutzermarkt:
Nach Auskunft des Zentralverbandes der Werbewirtschaft sind die Investitionen
der Unternehmen in Online-Medien noch sehr bescheiden: Etwa 24 Millionen
Mark wurden nach Schätzungen im vergangenen Jahr ausgegeben. Davon
gingen 50 Prozent an die Angebote von Verlagen, 30 % an die Betreiber
von Suchmaschinen, der Rest verteilte sich auf andere Anbieter. Laut ZAW
nutzen viele Firmen den eigenen Auftritt im Internet zu Werbezwecken.
Es bleibt also fraglich, ob dieser Markt in bemerkenswerte Höhen
steigen wird.
20 Zeitungsverlage in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen
haben schon einmal die Weichen gestellt und im Mai 1998 eine gemeinsame
Gesellschaft zur Vermarktung im Internet unter dem Namen „Zet-Net"
gegründet, über die gemeinsame special events über die
Homepages der beteiligten Häuser vermarktet werden sollen; die Investitionen
und Erlöse werden aufgeteilt.
Der Markt der Online-Nutzer wird erst jetzt langsam analysiert. Bis
dato zeigt sich, daß der Durchschnittsnutzer männlich, um die
30 Jahre alt und gut ausgebildet ist; im Schnitt surft er täglich
eine bis eineinhalb Stunden, und das vor allem vom Arbeitsplatz aus.
Die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von
Werbeträgern, bisher beauftragt mit der Erfassung der Auflagenzahlen
der Printmedien, zählt seit etwa einem halben Jahr auch den Aufruf
bzw. den Besuch von Internet-Seiten. Manches Verlagsangebot hat hier keine
schlechte Statistik aufzuweisen.
Liegt die Zukunft der Printmedien in ihren Online-Ausgaben? Manche befürchten
es und zeigen wie zum Beweis nach Amerika. Allerdings halte ich diese
beiden Märkte nicht für direkt vergleichbar, da aufgrund verschiedener
struktureller Vorgaben der Zeitungsmarkt schon immer etwas anders ausgesehen
hat als in Deutschland. Zudem sind PCs in Amerika weiter verbreitet und
die Internet-Nutzung ist wesentlich günstiger als in Deutschland
(Telekom-Gebühren).
Was sich jedoch zweifellos bemerkbar machen wird, ist die Möglichkeit,
sich über das Internet gezielt über bestimmte Themen zu informieren.
Aufgrund des nahezu unbegrenzten Speicherplatzes kann ein Zeitungsverlag
weit über das Aktuelle hinaus in die Vergangenheit hinein Informationen
anbieten. Banalstes Beispiel: Jemand möchte sich nun doch endlich
noch den Film "Titanic" ansehen, und sucht im Internet nach archivierten
Besprechungen des Films. Während seine gedruckten Zeitungsausgaben
lange im Altpapiercontainer verschwunden sind, bietet ihm das elektronische
Archiv die komplette Auswahl.
Dieses Beispiel verweist auf eine weitere wichtige Veränderung:
Das technische Medium Internet wird gezielt als Service- und Ratgeber
genutzt werden. Um diese Erwartung befriedigend erfüllen zu können,
wird sich die klassische Publizistik insgesamt umstellen müssen.
Das hat nicht nur Folgen für die Ausbildung der Berufskommunikatoren,
sondern auch für die Gestaltung der bisherigen (und auch künftig
existierenden) Zeitungen.
Die Zeitungen haben sich als Produktionssystem und als Produkt gleichermaßen
in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert. Es existiert eine
systemspezifische, interne Organisationsstruktur, also die Einteilung
in Verlag/Geschäftsführung, Chefredaktion, Ressorts, Anzeigenabteilung,
Technik und Vertrieb. In einigen Häusern differenziert sich zusätzlich
eine Marketingabteilung heraus (die Gründe dafür liegen
vor allem im ökonomischen Bereich, auf den ich noch zu sprechen komme).
Das Produkt Zeitung ist unterteilt in verschiedene Ressorts: angefangen
mit den überregionalen Politik-, Wirtschafts-, Kultur- und Sportteilen
bis hin zu den Lokalteilen. Die Versuche kleinerer Regionalzeitungen (z.B.
in Kitzingen und Marburg), mit lokalen Nachrichten und Berichten auf Seite
1 aufzumachen, sind zwar erfolgreich, aber dennoch marginal in der Gesamtschau.
Dabei müßten sich die Zeitungen verändern, um
Stammleser zu halten und neue Leser hinzuzugewinnen. Das könnten
sie durch mehr Service und Hintergrundberichterstattung erreichen, kurz:
durch den Ausbau der zeitungsspezifischen Kompetenzen. Aber es scheint,
als wüßte die Branche, vor allem die Verleger, nicht so recht,
wohin die Reise gehen soll. Fraglich ist vor allem, inwieweit der intermediäre
Wettbewerb - also vor allem im Hinblick auf das Fernsehen - die Wege beeinflußt.
Konvergenz oder Kontrastierung? Mit Aufkommen der bunten Talkshows und
des Reality TV in den privaten TV-Sendern sah man auch die Zeitungen nicht
mehr gefeit, den Boulevardstil zu übernehmen. Allerdings hat Klaus
Schönbach (Hannover) in einer Trendanalyse der Jahre 1989 und 1994
keine Anzeichen für eine Neigung zum Boulevardjournalismus gefunden.
Statt dessen fand er:
- die Zeitungen sind in diesen fünf Jahren umfangreicher
geworden
- der Anteil der Sonderseiten stieg
- die Vielfalt innerhalb der Ressorts hat zugenommen
- die Service-Orientierung ist wichtiger geworden
- das Lokalbewußtsein ist gestiegen
- und der Leser bzw. dessen Reaktionen werden mehr berücksichtigt
(durch Veröffentlichung von Leserbriefen)
- die Unterhaltsamkeit hingegen ist nicht gewachsen
Auch bezüglich der formalen Gestaltung hat Schönbach Änderungen
festgestellt:
- ein Trend zur Visualität in Form von mehr Bildern
- Blockumbruch (jeder Beitrag - auch mit Bild - bildet ein Rechteck)
- größere Schrift
- und größerer Zeilenabstand etc.
Generelles Ergebnis: Nicht Anpassung und Konvergenz zum Einheitsstil
ist die Devise, sondern Kontrastierung, wobei durchaus auf einzelne
Elemente aus anderen Medien zurückgegriffen wird. Erfolgreich
waren im Rückblick Schönbachs vor allem die Zeitungen, die
sich auf ihre lokale Aufgabe und auf die Sachlichkeit der Informationsvermittlung
besonnen und gleichzeitig ihr Themenangebot vervielfältigt haben.
Neue Ideen in alten Strukturen umzusetzen, ist meist ein zum Mißerfolg
verurteiltes Projekt. Weg vom Terminjournalismus heißt weg von
ineffizienten Organisationsstrukturen. Vor allem amerikanische Verlage
diskutieren über diese These sehr kontrovers, und einige von
ihnen haben bereits Konsequenzen gezogen: Flache Hierarchien statt
Management von oben nach unten, sich selbst organisierende Arbeitsgruppen
und redaktionelle Themen-Teams sind derzeit Strategien der amerikanischen
Zeitungsverlage. Weg von den klassischen Ressorts hin zu Berichterstattungsteams,
die sich unter Schlagworten wie "Lebensqualität", "Stadtleben",
"Leben in den 90er Jahren", "Körper und Seele" usw. der Vielfalt
annehmen.
In Deutschland gehört die Chemnitzer "Freie Presse" zu den
Innovatoren der Branche: Seit Oktober 1995 sind die Ressortgrenzen
aufgehoben, eine Recherchegruppe wurde gebildet und die Zuständigkeiten
wurden neu verteilt; einen Schwerpunkt bildet die regionale Berichterstattung,
die bei allen Themen herausgearbeitet werden soll (das sogenannte
Herunterbrechen aufs Regionale/Lokale). Die Ressortleiter sind nicht
nur für ihren Bereich zuständig, sondern für die Berichterstattung
ihres Themenfeldes im ganzen Blatt. Andere Verlage, wie der der Badischen
Zeitung und der Berliner Zeitung haben geschäftsführende
Redakteure quasi als Relais zwischen den publizistischen Aufgaben
der Redaktion und den unternehmerischen Zielen des Verlags eingesetzt.
Fazit: Die internen Strukturen der Zeitungsverlage müssen
sich ändern, damit nachhaltige gestalterische und inhaltliche
Entwicklungen der Zeitungen möglich sind.
Was bedeutet dies für die Qualifikation und Kompetenz der Berufskommunikatoren
(= Journalisten)? Sie müssen über fünf Kompetenzen verfügen:
Fachkompetenz: Sie müssen die Zusammenhänge des publizistischen
Marktes sowie die Instrumente publizistischer Produktion kennen und
anwenden können.
Sachkompetenz: Sie müssen einerseits über ein sehr gutes
Allgemeinwissen, andererseits über ein hervorragendes Spezialwissen
verfügen.
- Vermittlungskompetenz: Sie müssen Sachverhalte und
Ereignisse sorgfältig recherchieren, sie einordnen, beurteilen,
selektieren, bearbeiten und verständlich vermitteln können;
- technische Kompetenz: im Hinblick auf die technische Veränderung
der Medien müssen künftige Printjournalisten zumindest
Grundkenntnisse bezüglich der Techniken der elektronischen
Medien haben, da sie beispielsweise im Internet Texte mit Ton- und
Bildsequenzen kombinieren müssen. Die Grenzen der bisherigen
Berufsrollen werden verschwimmen: Redakteure werden die Aufgaben
von Technikern, Layoutern, Graphikern zumindest teilweise übernehmen.
Und wenn sie dies nicht als Angestellte, sondern als Freiberufler
tun, müssen sie sich zudem
- kaufmännische Kompetenzen aneignen: für Auftragsakquirierung,
Rechnungen ausstellen, Buchhaltung, Steuererklärung etc.
Das heißt für die Ausbildung und die Ausbildungsinstitutionen:
Learning by Doing, wie es noch heute in manchen Verlagen für
das Volontariat gilt, ist keine angemessene Ausbildungsstrategie.
Das andere Extrem wäre eine rein wissenschaftlich-theoretische
Wissensvermittlung. Mit Erfolg umgesetzt wird seit den siebziger Jahren
an vielen Universitäten und vermehrt auch an Fachhochschulen
die Kombination aus wissenschaftlicher Lehre und praktischer Ausbildung,
die meist von hochschulexternen, erfahrenen Praktikern übernommen
wird.
2. Die Printmedien als sozial-kultureller
Akteur
In einer Gesellschaft, die zunehmend durch Technik und Technologisierung
und durch Kommunikation (als Technik, z.B. in Form von Telefon und
Massenmedien sowie als Form des menschlichen Miteinanders) geprägt
ist, kann es nicht sinnvoll sein, den Bereich der (medialen) Kommunikationsprozesse
bestimmten Fachgebieten vorzuenthalten. Medien sind keine schöngeistigen
Ereignisse. Im Gegenteil: Die moderne Gesellschaft - von Ulrich Beck
1986 als "Risikogesellschaft" bezeichnet - braucht auch und gerade
im technischen Bereich kompetente, qualifizierte und professionell
ausgebildete Informationsvermittler.
Nehmen wir als herausragendes Beispiel die zivile Nutzung der Kernenergie:
Werner Rudloff, Bereichsleiter der Abteilung "Publizistik und Kommunikation"
der Kraftwerk Union, hat 1982 die Probleme der Öffentlichkeitsarbeit
zum Thema Kernenergie dargestellt. Sein Fazit: "Öffentlichkeitsarbeit
scheint auch weiterhin notwendig, kann aber sicher die Akzeptanzprobleme
der Kernenergie und die Schwierigkeiten, zu einer von breitem Konsens
getragenen Energiepolitik zu gelangen, nur mindern." (Rudloff 1982,
296). Die Informationsdefizite und die daraus resultierenden Unsicherheiten
sind kürzlich erst wieder im Zusammenhang mit den Castor-Transporten
deutlich geworden.
Viele technische Entwicklungen, Risiken und Gefahren können
von den Menschen nicht unmittelbar erlebt, sondern müssen kommunikativ
vermittelt werden. Trotz der Reisemöglichkeiten, des hohen Bildungsstandards,
der Flexibilität und Mobilität erwarten die Menschen, daß
ihnen die Medien bestimmte Sachverhalte verständlich vermitteln
- nicht zuletzt, um Angst, Unsicherheit und Desorientierung
zu minimieren und um sie in die soziale und lokale Lebenswelt zu integrieren.
Aus dieser gegenseitigen Abhängigkeit von Inspiration und Resonanz
hat sich ein festes Vertrauensverhältnis herausgebildet, das
sich beispielsweise in einer doch als relativ stabil zu bezeichnenden
Leser-Blatt-Bindung zeigt. Den Medien insgesamt und den Tageszeitungen
im besonderen wird deshalb eine hohe Glaubwürdigkeit attestiert.
Allerdings ist diese Beziehung brüchig geworden, oder besser:
Es scheinen sich Generationenunterschiede aufzutun zwischen den Menschen
ab 30 Jahren, für die ihre Zeitung zum Lebensalltag, zur sozialen
Umgebung gehört und den jüngeren, die sich ein Leben auch
ohne Zeitung vorstellen können.
Wie bereits erwähnt, sehen die Zeitungsverleger hier ihr größtes
Problem: Stirbt die Zeitung im wahrsten Sinne des Wortes mit ihren
alternden Stammlesern? Die Zukunft liegt in der Jugend, so ein geflügeltes
Wort - aber die Jugend sieht ihre Zukunft ohne Zeitung? Einige Verlage
setzen Strategien und Experimente gegen dieses Szenario: die SZ mit
dem Jugendmagazin "Jetzt", viele Regionalzeitungen mit Jugendseiten
(angelehnt an das BDZV-Projekt "Zeitung in der Schule" oder in veränderter
Form das WAZ-Projekt ZEUS), die Rheinische Post mit "Lesepaß
und -diplom" etc.
Es wird viel spekuliert, aber qualitative Analysen fehlen. Da die
Zeitungsmacher ohnehin wenig bis nichts wissen über "ihre" Leser,
wissen sie natürlich auch wenig über ihre jungen Nicht-Leser.
Im Abstand von ein paar Jahren einen Copy-Test unter 200 von über
100000 Lesern durchzuführen, kann kaum die Wege aus dem Dilemma
weisen.
In einer Welt, in der alles globaler, komplexer, komplizierter und
schneller wird, kann eine Zeitung mehr denn je dazu dienen, Orientierungshilfe
zu bieten, neben kognitivem Wissen auch soziale Kompetenz vermitteln.
Wie die bereits erwähnten amerikanischen Beispiele zeigen, müssen
dazu die Zeitungen intern, in ihren Strukturen umgebaut werden: Die
Einteilung in die klassischen Ressorts verhindert eher eine Annäherung
an die veränderten Lebenswelten. Die Ereignisse lassen sich immer
weniger starr in die vorgegebenen Raster Politik, Wirtschaft, Sport,
Kultur und Lokales einordnen. Es bedarf einer Anpassung an die sozialen
Lebenswelten, an die unterschiedlichen sozial-kulturellen Milieus.
Mancher deutsche Zeitungsverlag hat hierauf bereits vor Jahren reagiert,
und zumindest einen Spiegel der kleinteiligen sozialen Lebenswelten
in den Städten in Form spezieller Stadtteilausgaben eingeführt.
Ein zweiter Hinweis auf Veränderungen ist die steigende Zahl
und Vielfalt an Sonderseiten - allerdings bewegen diese sich häufig
noch im klassischen Rahmen: die Seite für die Frau, Jugendseiten
etc.; etwas moderner hingegen sind die speziellen Themen- und Ratgeberseiten,
z.B. zu Geld und Geldanlage, Recht, Sozialem, Garten und Natur etc.
3. Die Printmedien als ökonomischer
Akteur
Printmedien werden - trotz der ihnen in den Pressegesetzen zugewiesenen
öffentlichen Aufgabe - ausschließlich privatwirtschaftlich
finanziert. Nicht zuletzt deshalb macht es wenig Sinn, den finanziellen
Aspekt in einer Diskussion um die Zukunft der Printmedien auszuklammern.
Die Einnahmeverluste im Anzeigenmarkt konnten in den letzten Jahren
noch weitgehend durch die Erhöhung der Vertriebsentgelte, sprich
über den Verkaufspreis aufgefangen werden. Problematisch wird
allerdings auch bei Zeitungsverlagen die zunehmend auseinanderdriftende
Klammer zwischen Einnahmen und Ausgaben, d.h. vor allem zwischen Vertriebs-
und Anzeigenerlösen und Herstellungskosten (einschließlich
der Personal- und Vertriebskosten). Bei einem durchschnittlichen Abopreis
von etwa 30 Mark pro Monat (West!) ist die Grenze der finanziellen
Belastbarkeit und auch die Bereitwilligkeit der Haushalte, für
das Produkt Zeitung zu zahlen, erreicht - vor allem vor dem Hintergrund
hoher Arbeitslosigkeit, steigender Abgabenlast und hoher Lebenshaltungskosten.
Immer häufiger gehört zur Grundausstattung eines Haushaltes
nicht automatisch ein Zeitungsabonnement, vor allem nicht, seitdem
jede Woche mindestens drei kostenlose Anzeigenblätter mit einigen
wenigen regionalen Nachrichten ins Haus kommen. Die Ausgaben für
Medien summieren sich auf monatlich rund 300 Mark (= 3600 DM) pro
Haushalt.
Presseverlage müssen betriebswirtschaftlich wie die Unternehmen
anderer Branchen betrachtet werden. Das schließt entsprechende
Markt- (d.h. in erster Linie Verkaufs-) Strategien ein. Allerdings
mangelt es hier noch am Selbstverständnis und an entsprechenden
Konzepten. Presseunternehmen, so meine These aufgrund von Beobachtungen,
berichten zwar täglich über die ökonomischen, innovativen
Strategien anderer Wirtschaftsorganisationen, aber sie selbst gehören
in dieser Hinsicht eher zu den berühmten schwerfälligen
Tankern, die nur langsam den Kurs ändern. Gerade an Printverlage
stellen sich in diesem harten Markt, geprägt durch intra- und
intermediären Wettbewerb, besondere Anforderungen an Produktmanagement
und Marketing. Auch eine Zeitung verkauft sich nicht von alleine.
Der Bundesverband der Zeitungsverleger betreibt seit einigen Jahren
Gattungsmarketing, d.h. die Zeitung als Produkt soll - unabängig
von Erscheinungsort und Gestaltung - vermarktet werden. Dazu hat er
zwei wichtige Kampagnen inszeniert: die erste ist eine reine Anzeigenkampagne,
die Sie vielleicht aus Ihrer eigenen Zeitung kennen (mittlerweile
sind diese Eigenanzeigen sehr klein und werden hauptächlich als
Füller auf den Anzeigenseiten verwendet).
Die zweite Aktion wurde 1996 zum ersten Mal durchgeführt: Die
Woche der Zeitung, in der überregionale und lokale Prominenz
aus persönlicher Sicht über den Wert und die Unverzichtbarkeit
der Zeitung reflektieren. Zum Beispiel der Präsident der Bundesanstalt
der Arbeit, Bernhard Jagoda: „Zeitunglesen gehört für
mich zum Anfang des Tages wie die morgendliche Rasur. Ohne beides
würde mir Wesentliches fehlen." Oder der Siemens-Vorstandsvorsitzende
Heinrich von Pierer: „Mit 16 Jahren hatte ich meine „Feuertaufe"
als Sportreporter des Erlanger Tagblatts zu bestehen. Das Honorar
für den ersten Artikel ... betrug eine Mark."
Für das eigene Produkt auch im eigenen Produkt zu werben, fällt
den Verlagen noch immer schwer. Die behäbigen, wenig spritzigen
Slogans machen die Jugend wohl kaum an. Und ob mit einer Kaffeemaschine
tatsächlich ein neuer Abonnent geworben werden kann, bleibt fraglich
(Gegenbeispiel: FAZ-Plakat).
Etwas mehr Bewegung ist im Bereich des Marketings über andere
Träger zu beobachten: Zeitungen sponsern kulturelle Veranstaltungen,
stiften Kulturförderpreise, veranstalten Musik- und Lesewettbewerbe,
stellen auf Messen und bei sonstigen Events ihre Stände auf,
an denen meist sogar eine spezielle Zeitungsausgabe vor Publikum produziert
wird. Häufig werden diese Aktionen fokussiert auf die Klientel
der jugendlichen Leser, teilweise mit Erfolg, wie Untersuchungen im
Auftrag des BDZV zeigen.
Gezieltes Marketing zur ökonomischen Stabilisierung der Verlage
ist die eine Perspektive. Eine zweite ist eher ernüchternd: Es
gibt als Fusionen deklarierte Übernahmen kleiner Blätter
durch große Verlage (z.B. das Freie Wort in Suhl) - die Pressekonzentration
ist, wenn auch nicht in so spektakulärem Maße wie in den
60er und 70er Jahren, in vollem Gange, die Zahl der Ein-Zeitungskreise
wächst und liegt bei nahezu 55 Prozent. Ökonomische Gründe
werden von den Verlegern ins Feld geführt, wenn sie Stellen in
Redaktion und Technik abbauen, oder neudeutsch formuliert: flexible
Lösungen durchsetzen. Das bedeutet konkret: Die Sicherheit der
Festanstellung verschwindet; die Verlage stellen weniger Personal
ein, sourcen viele Bereiche aus bzw. verteilen die Aufgaben an viele
freie Mitarbeiter, für die wenige bis keine sozialen und finanziellen
Verpflichtungen übernommen werden (müssen). "Sozialpartnerschaft"
wird von den Verlegern - wie in den letzten Tarifverhandlungen schon
in einer Art Vorgeschmack zu sehen - immer mehr zu ihren Gunsten interpretiert,
d.h. Arbeitnehmer werden wie in anderen Branchen in der Hoffnung auf
die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes auf Gehaltserhöhungen und
Arbeitszeitverkürzung verzichten. Ob diese Zugeständnisse,
Kompromisse und Strategien nach Gutsherrenart das Produkt Zeitung
verbessern, bleibt zweifelhaft.
Zeitung als Produkt und Journalismus als Ware läßt sich
nicht so leicht verkaufen wie ein Toaster. Bei letzteren gibt es einen
objektiven Gebrauchswert und bei Versagen geht das Stück unter
Garantie zurück zum Verkäufer. Der Absatz der Zeitungen
steht und fällt mit deren Qualität, die allerdings nicht
nur propagiert und vermarktet werden kann, sondern die auch erfüllt
werden muß. Gehen die Verlage jedoch dazu über, immer weniger
in die Qualität ihres Produktes zu investieren, zum Beispiel
in Form hoch qualifizierten und damit sicher nicht billigen Personals,
wird am Ende ihre Rechnung nicht aufgehen.
Fazit: (Gattungs) Marketing erfüllt seinen Sinn und Zweck nur,
wenn nicht eine leere Hülle vermarktet wird, sondern quasi in
Vorleistung in die Qualität des Produktes investiert wird, beispielsweise
auch durch die Qualität und Qualifikation des Personals.
4. Die Printmedien als politischer Akteur
Die öffentliche Aufgabe der (Print-) Medien, fixiert in den
Landespressegesetzen, wurde bereits erwähnt. Ebenso die Funktionen,
die den Medien zugewiesen werden: die Informations-, die Vermittlungs-,
die Kritik- und Kontrollfunktion, die anwaltschaftliche, die soziale
Orientierungs-, die Bildungs- und die Unterhaltungsfunktion. Die Medien
sollen in der Demokratie die Menschen befähigen und unterstützen,
am Meinungsbildungsprozeß teilzunehmen und somit die Politik
aktiv mitzugestalten. Soweit die normative Funktion. Die Realität
ist natürlich nicht so eindimensional zu beschreiben.
Vielfach kursiert in Deutschland noch immer das Bild von den Medien
als der vierten Macht oder Gewalt im Staate.
Abgesehen von der Überzeichnung kann man sicher nicht bestreiten,
daß die Medien in ihrer Gesamtheit allein schon qua ihrer Existenz
wirken. Die so in Gang gesetzten Prozesse werden dezidiert untersucht
und zusammengefaßt unter den Schlagworten "Mediatisierung der
Politik" und "Politisierung der Medien". Damit soll hier nur kurz
ein wechselseitiger Prozeß skizziert werden: Politik, die nicht
in den Medien stattfindet, wird nicht wahrgenommen; Politiker (als
Individuen und kollektive Akteure) richten ihr Handeln vielfach nach
den Selektions- und Produktionskriterien aus (also beispielsweise
die Veranstaltung einer Pressekonferenz nicht erst kurz vor Redaktionsschluß).
Gleichzeitig wächst der Einfluß der Politik auf die Medien
in ihrer Entwicklung (Medienpolitik; Bsp. Bertelsmann und Kirch zum
digitalen Fernsehen, Medienmonopol der Zeitungsverlage über die
intramediären Grenzen hinweg) und in ihrem Bestand (noch immer
wird versucht - gerade auch bei kleinen Lokalzeitungen - über
den Informationsfluß Druck auf die Medien bzw. deren Berichterstattung
auszuüben, vor allem wenn die Lokalredakteure gerade dabei sind,
einen politisch heiklen Sachverhalt zu recherchieren.
Es muß dabei nicht einmal um dunkle Machenschaften gehen,
wie sie beispielsweise regelmäßig der Spiegel aber auch
Tageszeitungen aufdecken.)
Gerade die Regional- und Lokalzeitungen sollten ganz klar ihre Rolle
als gesellschafts-politische Gestalter im Lokalen wahrnehmen - nicht,
indem sie Meinungen vorausnehmen, sondern indem sie sorgfältig
recherchierte Informationen zu politischen Sachverhalten vermitteln
und somit zu einem nicht ignorierbaren Akteur im politischen Leben
werden bzw. bleiben.
Unabdingbar ist dafür ihre Unabhängigkeit. Deren Sicherung
ist jedoch regelmäßig ein politisches Thema, zuletzt im
Zusammenhang mit der Verabschiedung des Großen Lauschangriffs.
Zunächst war hier vorgesehen, Journalisten nicht wie Mediziner
und Anwälte aus den zu belauschenden Berufsgruppen herauszunehmen,
obwohl sie ein in der Strafprozeßordnung fixiertes Zeugnisverweigerungsrecht
haben. Nach Protesten aller Verbände wurden die Journalisten
schließlich doch noch in die Ausnahmeregelung einbezogen.
F a z i t: Die Printmedien haben
eine Zukunft!
Aus diesem mehrdimensionalen, als gesellschaftswissenschaftlich
und systemtheoretisch einzuordnenden Ansatz ist klar geworden, daß
die Printmedien, hier vor allem die Zeitungen eine Zukunft in dieser
Gesellschaft haben - wenn sie sich ändern: nicht in ihrer Funktion,
Themen zur öffentlichen Kommunikation bereitzustellen, und
Grundstrukturen - also der Organisation in Verlagen -, sondern in
den Ausprägungen dieser Strukturen.
Das Produkt Zeitung muß stärker im Anzeigen-, Werbe-
und Lesermarkt etabliert werden. Dazu ist vor allem vonnöten,
die Vorteile des Printmediums bewußt zu machen und zu nutzen.
Lokale Händler und Dienstleister müssen von der Seriosität,
der Glaubwürdigkeit, der Reichweite und dem Erfolg der Zeitung
überzeugt werden. Und das Publikum sollte zusätzlich von
dem Nutzwert der Zeitung profitieren, nicht zuletzt von der von
Zeit und Ort unabhängigen Lektüre.
Printorganisationen müssen nicht nur bezüglich der Themenwahl,
sondern auch intern auf den sozialen Wandel der Gesellschaft reagieren,
indem sie die Ressortgrenzen gegen andere Formen austauschen und
indem sie ihr Produkt nach außen offensiver vermarkten. Zudem
müssen sie sich in ihrer Gesamtheit ihrer Rolle als politische
und soziale Akteure bewußt sein bzw. wieder werden und ihrem
Publikum im wahrsten Sinne des Wortes mit Rat und Tat zur Seite
stehen - so pathetisch dies jetzt auch klingen mag.
© Erstellt von Holger Reim
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