BEITRÄGE Einige Beiträge von deutschen, russischen, amerikanischen usw. MedienrepräsentantInnen, ForscherInnen über Journalistik, Massenmedien, Pressefreiheit und Journalismus überhaupt.
Christoph Neuberger:
"Die Zeitungen haben das Internet nicht als journalistisches Medium begriffen"
Der Mann mit dem besten Überblick: Im Rahmen seines
2001 abgeschlossenen Habilitationsprojekts "Journalismus & Internet"
führte der Medienwissenschaftler Christoph Neuberger eine umfassende
Befragung von Online-Redaktionen in Deutschland durch. Mit Benedikt Tüshaus
sprach er für das Internetmagazin Onlinejournalismus.De
über Probleme und Chancen von lokalem Journalismus im Web.
Beschreiben Sie bitte, wie Sie die derzeit lokale Inhalte im Netz
erleben. Wie bewerten Sie die journalistische Qualität der lokalen
Internet-Angebote?
Regionale und lokale Tageszeitungen haben bisher eher defensive Ziele
im Internet angestrebt. Die Verlage zeigten Präsenz im Onlinebereich,
um den Markt zu besetzen und um neue Konkurrenz fernzuhalten. Das ist
ihnen weitgehend gelungen, weil sie ihre Printinhalte weiter verwerten
können und bekannte Markennamen besitzen. Andererseits haben sie
das neue Medium aber zu wenig als Chance begriffen. Von Experimentierfreude
ist bisher noch kaum etwas zu spüren. Vor allen Dingen haben die
Zeitungen das Internet nicht oder nur ausnahmsweise als journalistisches
Medium begriffen, obwohl ihre Kernkompetenz im redaktionellen Bereich
liegt. Sie hatten vielmehr die Vorstellung, dass sie durch die Einrichtung
lokaler Marktplätze und als Provider Geld verdienen könnten.
Beides brachte, wie wir inzwischen wissen, nicht den gewünschten
Erfolg.
Glauben Sie, dass lokale Online-Redaktionen in besonderer Weise mit
personellen Engpässen - Stichwort: Ein-Mann-Redaktion - zu kämpfen
haben? Ist die Arbeit in lokalen Internet-Redaktionen von einem hohen
Grad an Automatisierung geprägt? Welche Schwächen ergeben sich
dadurch?
Tageszeitungen setzen im Durchschnitt nur drei journalistische Mitarbeiter
im Onlinebereich ein. Zwei Fünftel davon arbeiten zugleich regelmäßig
für die Printredaktion, außerdem sind sie Allrounder: Sie müssen
neben dem Journalistischen auch noch andere Aufgaben erledigen, etwa die
Technik und die Gestaltung der Websites. Dies wirkt sich nachteilig auf
den Inhalt aus: Etwas mehr als die Hälfte aller aktuellen Beiträge
waren nach meiner Studie Artikel, die aus der Printausgabe übernommen
wurden. Selten wurden sie speziell für das Internet bearbeitet. "Multimedialität",
"Interaktivität" oder "nonlineare Erzählformen" sind in vielen
Online-Redaktionen der Tageszeitungen Fremdworte.
Müssen nicht Deutschlands "kleine" Zeitungen gerade im Internet
auf genau das in erster Linie setzen, was sie von anderen in erster Linie
unterscheidet: Das Lokale? Was interessiert die Leute an "ihrem" lokalen
Internet-Angebot? Wo liegt die inhaltliche Chance der Anbieter - im Bereitstellen
zusätzlicher Informationen, dem Aufbereiten einzelner Themenspecials
oder der ganz normalen Berichterstattung als Duplikat der Print-Ausgabe?
Online-Nutzer suchen erstaunlicherweise auch im globalen Medium Internet
nach lokalen Informationen. "Printklone" wie das "e-paper" der "Rhein-Zeitung"
führen nach meiner Überzeugung in eine Sackgasse: Warum sollte
jemand die Zeitungsseiten, die für das Papier produziert wurden,
umständlich auf dem Bildschirm lesen wollen? Noch dazu erhält
man als Leser keinen Mehrwert: Die Artikel werden nicht überarbeitet
und dem Internet angepasst. Geliefert wird der rohe Text.
Besser wäre es, wenn Zeitungen - neben einem tagesaktuellen Teil
- langfristig Schwerpunkte zu wichtigen lokalen Themen aufbauen und darin
Veröffentlichtes bündeln würden. Hier könnte man auch
ohne Zeitdruck Interaktives und Multimediales integrieren. Das wäre
eine sinnvolle Ergänzung zur Druckausgabe und würde auch die
Gefahr einer "Selbstkannibalisierung" ausschließen.
Wagen Sie einen kleinen Ausblick für die Zukunft dieser Redaktionen.
Mit welcher Strategie können Anbieter lokaler Informationen hochwertigen
Journalismus auch im Netz bieten? Was muss sich verbessern?
Zeitungen müssten in Zeiten knapper Budgets mit wenig Aufwand Ergänzendes
zur Druckausgabe produzieren. Das heißt in erster Linie: Es wird
nicht gelingen, Tag für Tag in großem Umfang Exklusives für
das Internet zu schaffen. Hohe Aktualität kann nur ausnahmsweise
das Ziel sein, zum Beispiel bei Kommunalwahlen. Kleinere Zeitungen sollten
das Internet darum eher als Speichermedium nutzen denn als schnelles Verbreitungsmedium.
Etwa für Service-Informationen oder den Lokalsport: Das Internet
eignet sich hervorragend als Archiv für Ergebnisse und Tabellen,
während die Spielberichte in der Zeitung stehen. Es kann auch als
eine Art kollektives Gedächtnis für die Heimatgeschichte dienen.
Eine andere Idee: Warum sollten nicht kleinere Tageszeitungen an verschiedenen
Standorten, die mit gleichen Problemen konfrontiert sind (etwa mit dem
Bau von Müllverbrennungsanlagen oder Mobilfunktürmen), zusammenarbeiten
und gemeinsame Themenpakete schnüren? Ein Projekt wie "Zeitung in
der Schule" lässt sich ebenfalls im Internet fortsetzen.
Wird es einen Markt für Online-Journalisten im lokalen Bereich
geben?
Vorläufig wird die Internetkompetenz eine Zusatzqualifikation bleiben.
Eigenständige Online-Redaktionen sind bei Tageszeitungen selten.
Meist erledigen Printredakteure das Onlinegeschäft nebenher. Das
wird vermutlich auch auf absehbare Zeit so bleiben: Die Anlaufschwierigkeiten
des Ballungsraum-Fernsehens zeigen, dass das Werbepotenzial in regionalen
Märkten nicht überschätzt werden darf. Auch vom E-Commerce
darf man nicht zu viel erwarten: Die Stärke des lokalen Einzelhandels
ist der direkte Kundenkontakt. Es wird wohl eine kleine Minderheit bleiben,
die sich Waren des täglichen Bedarfs nach Hause liefern lässt.