BEITRÄGE
Einige Beiträge von deutschen, russischen, amerikanischen usw. MedienrepräsentantInnen, ForscherInnen über Journalistik, Massenmedien, Pressefreiheit und Journalismus überhaupt.
2002 -
Lutz M. Hagen *
Riepls Gesetz im Online-Zeitalter.
Eine Sekundärnanalyse über die Grenzen der Substitution von
Massenmedien durch das Internet
Medien können, "wenn sie nur einmal eingebürgert
und für brauchbar befunden worden sind, auch von den vollkommensten
und höchst entwickelten niemals wieder gänzlich und dauerhaft
verdrängt und außer Kraft gesetzt werden (...), sondern (werden)
sich neben diesen erhalten, nur daß sie genötigt werden, andere
Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen."
Wolfgang Riepl (1913) hat dieses Gesetz zu Beginn des Jahrhunderts mit
Bezug auf die Nachrichtenmedien des Altertums formuliert. Einiges deutet
darauf hin, daß es auch für die Online-Medien gilt.
Im Widerspruch hierzu stehen Prognosen, wonach Online-Medien über
mittlere bis lange Sicht die Massenmedien teilweise oder sogar vollständig
ersetzen werden. Die Zahl der Nutzer von Online-Medien nimmt seit Jahren
schnell zu. Das wirkt sich nicht nur auf die wirtschaftliche Situation
der Provider von Inhalten, Zugängen und Infrastruktur der Netzmedien
aus.
Ökonomische Effekte betreffen auch andere Märkte, insbesondere
solche, auf denen verwandte Angebote existieren. So umfassen das Internet
und die proprietären Online-Dienste zahlreiche Informations- und
Unterhaltungsangebote, die denen der herkömmlichen Massenmedien ähnlich
sind und darüberhinaus meist interaktive bzw. telekommunikative Zusatzfunktionen
bieten.
Andererseits erfüllen viele Online-Angebote für ihre Anwender
Funktionen, die Massenmedien nicht bieten können. Zudem spielen als
Anbieter der neuen Netzmedien die alten Medienunternehmen eine wichtige
Rolle. Beide Formen des Medienangebots werden aufeinander abgestimmt,
um sich zu ergänzen und wechselseitig füreinander zu werben.
Daher ist es nicht abwegig zu vermuten, zumindest kurzfristig könnten
sich die Online-Nutzung und die Nutzung bestimmter massenmedialer Angebote
wechselseitig eher anregen als hemmen.
Es stellt sich also die Frage, ob die Nutzung von Online-Medien die Nutzung
verschiedener Massenmedien eher substitutiv oder eher komplementär
beeinflußt. Empirische Studien haben in der Bundesrepublik wie in
den USA bisher insgesamt nur schwache Effekte der Online-Nutzung auf die
herkömmliche Mediennutzung festgestellt.
Die Diffusion der Online-Medien verläuft allerdings nach wie vor
rasant und läßt sich mittels regelmäßig durchgeführter
Markt-Media-Studien verfolgen, die inzwischen neben der Nutzung herkömmlicher
Massenmedien auch Merkmale der Online-Nutzung erheben.
So z.B. die Typologie der Wünsche Intermedia (TdWI), eine repäsentative
Befragung für die deutsche Bevölkerung ab 14 Jahre. An ihren
Ergebnissen werden Zusammenhänge zwischen der privaten Online-Nutzung
und Intensitäten der Nutzung von Zeitungen, Publikumszeitschriften,
Fernsehen und Radio betrachtet. Dabei werden folgende vier Effekte betrachtet:
Substitutionseffekt i.e.S.
Die neoklassische Nachfragetheorie definiert Substitution als ökonomisch
motivierte Ersetzung eines Gutes durch ein anderes im Konsum eines Individuums
beziehungsweise eines Haushaltes. Güter werden gegeneinander substituiert,
um einen aus dem Konsum resultierenden Nutzen zu maximieren. Wenn zwei
Güter teilweise den gleichen Nutzen haben, können sie (graduell)
gegeneinander ausgetauscht werden, falls sich etwa die Preise ändern
oder eines der Güter neu auf den Markt kommt.
In technischer Hinsicht erlauben die Online-Medien Nutzungsweisen und
Angebote, die denen der herkömmlichen Massenmedien ähnlich sind.
Ob sie dadurch zur ernsthaften Konkurrenz werden, hängt aber davon
ab, wozu die Verwender sie tatsächlich einsetzen. Die Nutzungsgründe
von Massenmedien - ihre Gratifikationen, im Sprachgebrauch der uses-and-gratifications-Forschung
- lassen sich in die Bereiche Interaktion und Identitätsstiftung,
Information und Unterhaltung einteilen.
Schon auf dieser groben Ebene zeigen sich Unterschiede zwischen Online-Medien
und Massenmedien. Z.B. ermöglichen Online-Medien im Gegensatz zu
den Massenmedien echte soziale Interaktion. Die Gratifikation von passiver
Unterhaltung, durch Berieselung wird dagegen vom Internet aber wesentlich
schlechter erfüllt, als durch den Rundfunk.
Einkommenseffekt
Auch wenn Güter keinen ähnlichen Nutzen stiften, muß
aber die Mehrnutzung eines Gutes zur Wenigernutzung anderer Güter
führen (und umgekehrt), sofern ein fixes Budget vorgegeben ist und
die Preise gleich bleiben. Dies wird als Einkommenseffekt bezeichnet.
Online-Medien sind vergleichsweise teuer und können daher das Budget
für die herkömmlichen Medien verknappen.
Zeiteffekt
In der neoklassischen Mikroökonomie werden Substitutions- bzw. Einkommenseffekte
als Resultat rein monetärer Kosten-/Nutzen-Abwägungen aufgefaßt.
Hinsichtlich der Mediennutzung liegt es jedoch nahe, auch den Zeitaufwand
einzubeziehen. Einerseits wird für die meisten Medien kein nutzungsabhängiges
Entgelt entrichtet.
Abonnementkosten und Fernsehgebühren richten sich nicht nach der
Nutzungsdauer; für werbefinanziertes Privatfernsehen entstehen gar
keine direkten Kosten. Andererseits steht Zeit zur Freizeitgestaltung
oder Mediennutzung nicht unbegrenzt zur Verfügung.
Insofern kann analog zum Einkommenseffekt ein Zeiteffekt eintreten: Auch
wenn Medien i.e.S. nicht substitutiv zueinander sind, kann doch die Mehrnutzung
eines Mediums, indem sie die verfügbare Zeit verringert, zur Mindernutzung
anderer Medien führen.
Komplementäreffekt
In einem weiteren Sinne sind zwei Güter komplementär, wenn
die Nutzung eines Gutes Bedürfnisse auslöst, die durch ein anderes
befriedigt werden. Ein typisches Beispiel aus dem Bereich der Medien sind
Fernsehprogramme und Programmzeitschriften.
Ein Komplementärseffekt zweier Güter kann bei gegebenen Ressourcen
und Preisen nur dann auftreten, wenn es mindestens ein drittes Gut gibt,
von dem infolge der Nachfragesteigerung bei den anderen Gütern dann
weniger nachgefragt wird.
Wenn beispielsweis die Online-Nutzungsdauer die Nutzung bestimmter Zeitschriften
anregt, so müssen dafür (1) entweder andere Medien weniger lange
genutzt werden oder muß (2) die Gesamtdauer der Mediennutzung auf
Kosten anderer Tätigkeiten ausgedehnt werden.
Ergebnisse aus der Typologie der Wünsche Intermedia
Wie die Ergebnisse der TdWi zeigen, tangiert die Nutzung von Online-Medien
die Nutzung anderer Medien bislang nur schwach. Auffälligkeiten der
Onliner, lassen sich weitgehend durch Drittvariablen erklären - soziodemographische
Merkmale und besondere Interessen.
Damit werden Ergebnisse von älteren Studien bestätigt (Hagen
1998; Coffey/Stipp 1997; Bromley/Bowles 1996; Spiegel Verlag 1996). Einige
Befunde sprechen dafür, daß die meisten der betrachteten Mediengattungen
auch komplementär zu den Online-Medien genutzt werden. Was die Strategie
großer Print- und Rundfunkunternehmen bestätigen würde,
durch Präsenz in den Netzen das angestammte Geschäft zu stützen
oder gar auszubauen.
Geringe Substitutionseffekte zeigten sich durchgängig bei allen
Indikatoren für die regionale Abonnementzeitung, und auch dies steht
im Einklang mit anderen Untersuchungen (Hagen 1998; Urban 1998). Ein Zeiteffekt
der sich bei den Funkmedien andeutet, die den weitaus größten
Teil der Mediennutzungszeit beanspruchen, könnte stärker werden,
falls die Nutzungsdauern mit weiterer Diffusion der Netzmedien ansteigen
sollten. Im großen und ganzen sind die Angebote und Gratifikationen
der Online-Medien aber zu anders, sind die Online-Dauern zu gering, um
deutlich auf Kosten der Massenmedien zu gehen.
Auch das Internet folgt also bis auf weiteres dem Riepl´schen Gesetz.
Schlüsselwörter: Internet, Massenmedien, Nutzung, Subsitution
Literaturangaben
- Bromley, Rebekah V./Bowles, Dorothy (1995): Impact
of internet on use of traditional news media. In: Newspaper Research
Journal 2/1995, 14-27.
- Coffey, Steve/Stipp, Horst (1997): The interactions
between computer and television usage. In: Journal of Advertising Research
2/997, 61-67.
- Hagen, Lutz M. (1998): Online-Nutzung und Nutzung
von Massenmedien. Eine Analyse von Substitutions- und Komplementärbeziehungen.
In: Roessler, Patrick (Hrsg.). Online-Kommunikation. Beiträge zur
Nutzung und Wirkung. Opladen: Westdeutscher, 105-122.
- Hagen, Lutz M./Mayer, Markus (1998): Der direkte
Draht zur Politik? Formen und Inhalte der Online-Nutzung im Hinblick
auf die Entstehung politischer Öffentlichkeit. In: Hagen, Lutz
M. (Hrsg.): Online-Medien als Quellen politischer Information. Empirische
Untersuchungen zur Nutzung von Internet und Online-Diensten, Opladen:
Westdeutscher, 94-129.
- Riepl, Wolfgang (1913): Das Nachrichtenwesen des
Altertums mit besonderer Rücksicht auf die Römer. Leipzig
u.a.: Teubner.
- Spiegel Verlag/Manager Magazin (Hrsg.) (1996):
Online - Offline. Hamburg: Spiegel Verlag.
- Urban, David (1998): Auswirkungen von Online-Medien
auf die Nutzung klassischer Massenmedien. Vortrag bei der Jahrestagung
der Deutschen Gesellschaft für Online-Forschung D.G.O.F. e.V.,
Mannheim 19.11.1998.
* Lehrstuhl für Kommunikations- und Politikwissenschaft.
Tel.: 0911 / 5302-618
E-Mail: lutz.hagen@wiso.uni-erlangen.de
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