BEITRÄGE
Einige Beiträge von deutschen, russischen, amerikanischen usw. MedienrepräsentantInnen, ForscherInnen über Journalistik, Massenmedien, Pressefreiheit und Journalismus überhaupt.
Karl Kraus hätte im Internet publiziert
Online-Journalismus in Österreich
Die Branchenzeitschrift Der österreichische Journalist ließ das
Jahr 1999 mit einer Wahl zum Journalisten des 20. Jahrhunderts ausklingen.
Ein Dutzend Berufspraktiker und Medienwissenschafter nannten in erster
Reihung ex aequo mit dem langjährigen ORF-Generalintendanten Gerd
Bacher und Krone-Chef Hans Dichand den Wiener Satiriker
und Publizisten Karl Kraus (vgl. Der Österreichische Journalist 1999:
30ff). Der als Herausgeber der Zeitschrift Die Fackel lebenslang
gegen "den ganzen furchtbaren Kleinigkeitsschlamm, in dem unser Leben
versinkt" (Gogol; zit.n. Kraus 1977b: 597), anschreibende Kraus war aber
nicht nur ein famoser Journalist, sondern auch ein Meister der Journalismuskritik.
Mit großem Engagement bekämpfte er in fast tausend Heften der Fackel
u.a. auch die Auswüchse des Journalismus der gesamten "Journaille"
und konnte mit seinem Versuch der "Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes"
(Horowitz 1986: 26) großen publizistischen Erfolg verbuchen.
Karl Kraus hätte so unsere (leider nicht belegbare) Vermutung
im Zeitalter der digitalisierten Medienwelt wohl nicht in einem
Printmedium wie Der Fackel, sondern im Internet publiziert. Schon
früh durchschaute er als junger Mitarbeiter der größten Tageszeitung Österreich-Ungarns,
der Neuen Freien Presse, die Mechanismen des Zeitungsgeschäfts
und bekam die durchaus festen Grenzen auch unabhängiger Journalisten
zu spüren. Das "Grauen über diesen Beruf, Schicksale in Originalnachrichten
einzufangen" (Kraus; zit.n. Horowitz 1986: 15), trieb ihn schließlich
zur Entscheidung, zwar als Journalist arbeiten zu wollen, aber "außerhalb
des Journalismus und gegen den Journalismus, [als] der unbestechliche
Chronist der Chronisten, der Spiegel des Spiegels." (Weigel; zit.n. Horowitz
1986: 15) Als Kritiker und im heutigen Sinne argwöhnischer
Medienjournalist, der erkannt hatte, "dass alles, was da ist, von Kritikern
kritisiert wird, nur nicht die Kritik" (Weigel; zit.n. Horowitz 1986:
15), handelte er als alleiniger Redakteur der Fackel stets im eigenen
Namen, auf eigene Rechnung und auf eigene Gefahr.
- Vom journalistischen Spezialisten zum Generalisten
- Der Weg ins Web
- Online-Journalismus 2000
- Marktstruktur und Angebote
- Online-Journalismus: Jobknüller oder Jobkiller?
- Literuturverzeichnis
1. Vom journalistischen Spezialisten zum Generalisten
So symbolisiert der "Fackel-Kraus" (vgl. Kraus 1977a: 373) von damals
manches, was für den heutigen Online-Journalismus zuzutreffen scheint.
Zwar hätte sich ein in unserer Zeit schreibender Web-Kraus keinesfalls
wie manche Online-Journalisten als bloßer "Animateur mit Tasten" (Lorenz-Meyer
1999: 23) definiert, aber als Fackel-Generalist hätte Kraus vermutlich
keine Probleme damit gehabt wie bei Online-Journalisten üblich
, "alles auf einmal machen zu müssen: Konzepte, Technik, Dramaturgie,
Design, und schließlich auch noch die Inhalte." (Lorenz-Meyer 1999: 23f)
Gerade diese "neue Ganzheitlichkeit der journalistischen Arbeit
(Altmeppen 1998: 210), die aus dem Zusammenwachsen von technischen, organisatorischen
und journalistischen Aufgaben resultiert, bezeichnet auch eine der wesentlichsten
Veränderungen des journalistischen Tätigkeitsfeld in der Online-Welt.
Aber nicht nur im technischen Bereich findet sich eine Konvergenz von
bis vor kurzem noch getrennten Bereichen der Daten-, Text-, Bild- und
Tonübermittlung, ein Zusammenfliessen von Rundfunk- und Individualkommunikationstechnologien,
das von Latzer (1997: 63; 75ff) mit dem Begriff der "Mediamatik" beschrieben
wird. Auch im berufsspezifischen Alltagshandeln sind künftig vermehrt
"Schnittstellenqualifikationen", ist zunehmend eine "Mehrmedienkompetenz
für medienübergreifendes Arbeiten" in Richtung Technik, Marketing und
Design gefragt (vgl. Mast/Popp/Theilmann 1997: 176). Da das traditionelle
Sender-/Empfänger-Modell zwar nicht "ausgedient" zu haben scheint
wie etwa Maier-Rabler (1997: 29) postuliert , zumindest aber sukzessive
aufgeweicht wird, werden bisher zentrale journalistische Fach-, Sach-
und Vermittlungskompetenzen deshalb mit zusätzlichen Querschnittsqualifikationen
wie fundierten PC- und Netzkenntnissen, der Fähigkeit zu multimedialem
Arbeiten sowie generell neuen Arbeitsweisen und Darstellungsformenn durchmischt
(vgl. Altmeppen 1998: 206f).
2. Der Weg ins Web
Insgesamt ist Online-Journalismus ein Phänomen, das nicht außerhalb
des journalistischen Mainstream (oder vielleicht gar gegen diesen)
zu plazieren ist, sondern eine moderne Spielart innerhalb der Journalismus-Historie
darstellt. In diesem Sinne ist auch Online-Journalist kein neuer Beruf,
sondern bezeichnet "eine Wandlung des Berufes" (Booms 1998: 105). Emanzipatorische
Möglichkeiten finden sich im Netz ebenso wie auch immer schon im audiovisuellen
oder printmedialen Zusammenhang (siehe z.B. Karl Kraus). Kulturgeschichtlich
präsentiert sich Online-Journalismus deshalb als historische Durchgangsstation
einer diachron zu fassenden Transformation einer "Media-Morphose"
(Schneider/Raue 1996: 272) von einer frühen oralen über eine printmediale
(analoge) zu einer elektronischen (digitalen) Informations- und Kommunikationskultur
(vgl. Koch 1991: 66ff). Das heißt, dass Online-Journalismus zum einen
ein Moment im Prozess der allgemeinen Ausdifferenzierung unterschiedlicher
Journalismen darstellt und somit potentiell zu einer Ausweitung der
Tätigkeitsfelder für Journalisten beitragen wird. Anforderungen, Bedingungen,
Organisation und Abläufe von journalistischer Arbeit werden durch die
technologischen Entwicklungen im Multimedia-Sektor geprägt und verändert,
was u.a. "zu neuen Formen der Arbeitsbeziehungen in Form von Outplacement,
Outsourcing und einem Aufbrechen der tradtionellen Arbeitnehmerfunktion
von [...] Journalisten" führt (vgl. Altmeppen 1998: 212; vgl. auch 208f).
Auch in Österreich wird in Zukunft die Vermittlung von Hard-news unter
dem Label Content vermutlich ein paar Spezialisten, wie etwa den
Nachrichtenagenturen, der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt ORF und
einigen größeren Blättern vorbehalten sein. Die Ergänzung nach zielgruppenspezifischen
Interessenslagen wird hingegen von anderen Massenmedien wie den Online-Medien,
spezialisiert nach Fachgebieten und Regionen, besorgt werden. In diesem
eher den Soft-news bzw. Human interest-Themen gewidmeten Segment findet
bereits heute verstärkt die meinungsbetonte Interpretation von Nachrichten
statt.
Die Anfänge des Online-Journalismus in Österreich lassen sich anhand
der jährlichen Bilanzen im periodisch vom Institut für Kommunikationswissenschaft
der Salzburger Universität publizierten Bericht zur Lage des Journalismus
in Österreich (Fabris/Renger/Rest 1997; 1998; 1999; 2000) nachvollziehen.
Generell kann die Einstiegsperiode der österreichischen Verlage ins Internet
wie dies Neuberger (1999: 16) etwa für Deutschland dargestellt
hat als eine "frühe Phase der Orientierung" betrachtet werden,
"in der erst getestet werden muss, wie einerseits das neue Medium genutzt
werden kann und ob andererseits eine Konkurrenz für das alte Medium entsteht."
Es findet sich also die seltene Konstellation, dass ein mehr oder weniger
identes Nachrichtenmaterial von demselben Unternehmen über zwei unterschiedliche
technische Medienkanäle verbreitet wird, wobei diese multimediale Mehrfachnutzung
zunehmend erhebliche Synergieeffekte im ökonomischen, personellen und
Marketingbereich zur Folge hat (vgl. Neuberger 1999: 31).
Ende 1996 konnten acht österreichische Tageszeitungen in einer einigermaßen
gut aufbereiteten Online-Version gelesen werden. Es waren dies Der
Standard, Die Presse, Kleine Zeitung, Kurier, Neue Vorarlberger Tageszeitung,
Oberösterreichische Nachrichten, Vorarlberger Nachrichten und die
Wiener Zeitung, anfang 1997 stiegen auch die Salzburger Nachrichten
ins Online-Geschäft ein. Komplettiert wurde das tagesjournalistische
Web-Angebot durch rund 40 ins Netz gestellte Wochenzeitungen, Magazine
und Zeitschriften, darunter Falter, Furche, tele und News.
Bereits damals waren die beiden Plattformen Vorarlberg online (vom
Vorarlberger Medienhaus betrieben) und Styria online (Styria Verlag)
hinsichtlich ihres Nutzerangebots in einer Vorreiterstellung. Gut ausgebaut
war außerdem die Austria Presse Agentur (APA), die bereits Ende
der 80er Jahre ihre Dienste in elektronischer Form an die Kunden lieferte
und seit 1995 mit ihrem APA-Net auch im Internet vertreten ist
(vgl. Rest 1997: 18).
1997 wagten dann zahlreiche österreichische Medienunternehmen den Weg
ins Web, während die schon bestehenden Online-Ausgaben ihre Sites korrigierten
und erweiterten. Insgesamt konnten Ende dieses Erhebungsjahres rund 100
Medien nun auch der ORF online abgerufen werden, wobei die
Qualität der Präsentationen weiterhin stark differierte. Dominierend waren,
nicht zuletzt aus Kostengründen, die sekundäre Verwertung von Artikeln
der jeweiligen printmedialen Stammausgaben. Außer vom ORF gab es 1997
auch kaum multimediale Angebote eines österreichischen Mediums.
Klar erkennbar war aber der Trend zum regionalen Online-Dienst:
die Kleine Zeitung, die Salzburger Nachrichten und die Oberösterreichischen
Nachrichten setzten verstärkt auf das Konzept von Vorarlberg online,
einen gesamten Servicedienst für die jeweilige Region weit über das inhaltliche
Informationsangebot des Mediums zu installieren, um damit ein attraktives
Umfeld für lokale Werbekunden zu schaffen. Flächendeckende Online-Dienste
wurden zu diesem Zeitpunkt auch vom Kurier geplant, das Boulevardblatt
Neue Kronen Zeitung startete im Februar 1998 mit Krone plus
ihre Web-Aktivitäten (vgl. Anen u.a. 1998: 9ff).
Seit Dezember 1997 untersucht die Österreichische Web-Analyse (ÖWA),
eine Tochter der Österreichischen Auflagenkontrolle (ÖAK) und ein
freiwilliger Zusammenschluss von 16 Online-Medien, auf der Basis einheitlicher
Standards die heimischen Online-Medien. Gemessen werden Page-Impressions
(Sichtkontakte beliebiger Nutzer) und Visits (Besuche, d.h.
zusammenhängende Nutzungsvorgänge). Veröffentlicht werden nur solche Online-Angebote,
die auf Grund einer Preisliste ihr Angebot der Werbewirtschaft bekannt
machen wollen. Jedes Angebot wird mindestens einmal jährlich einer Voll-
bzw. Contentprüfung unterzogen (vgl. ÖWA v. 14.12.1999). 47 Prozent der
angebotenen Themen waren Ende 1997 informationsorientiert, der meist gelesene
Web-Anbieter war damals die Tageszeitung Der Standard. Außer der
APA, die bereits eigene Web-Factories für Großkunden betrieb, waren die
Online-Redaktionen durchwegs schmal besetzt. An der Spitze standen die
Vorarlberger Nachrichten mit fünf Internet-Redakteuren (vgl. Anen
u.a. 1998: 10f).
3. Online-Journalismus 2000
Während der beiden letzten Jahre vor dem Millenium hat sich auch in Österreich
die "multimediale Metamorphose" (APA-Journal Medien v. 13.10.1999: 3),
d.h. der Einstieg von allen wichtigen journalistischen Medien ins Internet,
vollzogen. Mit diesem allgemeinen Wandel einher geht ein struktureller
Umbruch von den Zeitungs- zu Medienhäusern, vom Zeitungs-
zum Wissensverleger (vgl. APA-Journal Medien v. 27.10.1999: 3),
der heute erkennt, dass Content zwar wichtig sei, aber im Sinne
einer "redaktionellen Konvergenz" vor allem als "Transportmittel" dazu
diene, Produkte auf dem direkten Weg zu den Konsumenten nach der
ökonomischen Formel "bypass the middleman" zu verkaufen (APA-Journal
Medien v. 13.10.1999: 3). Zwar scheint die (printmediale) Zeitung im Verlauf
dieser Entwicklung als Content-Lieferant eine Art von "Kernprodukt" zu
bleiben, die Konkurrenzfähigkeit in der digitalen Zukunft erfordert aber
eine rasche Umrüstung der Unternehmen auf die gesamte Produktpalette der
Multiple media.
Obwohl Österreich diesbezüglich nicht zu den Vorreiter-Nationen gehört,
da die Bahnen der heimischen Verlagshäuser nach Meinung von Manstein (1999:
41) "zu eingefahren" und die betriebswirtschaftlichen Zahlen der klassischen
Medien (noch) "zu attraktiv" seien, bietet mittlerweile auch das multimediale
bzw. Online-Angebot österreichischer Informationsmedien ein riesiges Forum
bzw. Archiv mit allen Banalitäten und negativen Begleiterscheinungen
der globalen Datenmüllhalde. Mit Beginn des Jahres 2000 zeigt sich
in jedem Fall ein vielfältiges Bild unterschiedlicher Angebote, das in
erster Linie von drei Merkmalen geprägt zu sein scheint:
- die Texte von bereits bestehenden Netzangeboten werden verstärkt
bildschirmgerecht aufbereitet;
- die Zulieferer von online-journalistischen Nachrichten verändern
ihre Unternehmensstruktur zunehmend in Richtung von digitalen Plattformen
(sog. Portals bzw. Communities), die sich über ein journalismus-spezifisches
Selbstverständnis hinaus als allgemeine Content provider
verstehen und eine Vielzahl außerjournalistischer Leistungen offerieren,
um eine starke Bindung der Nutzer an das Angebot zu erreichen;
- gleichzeitig stoßen "Cross Media-Provider" wie der Online-Dienst
Austria.com des Vorarlberger Verlegers Eugen A. Russ (vgl. APA-Journal
Medien v. 1.12.1999: 13) oder "Tainment-Konzerne" wie die Buch- und
Unterhaltungskette Libro (www.lion.cc)
mit ihren "Plattformen für Information, Unterhaltung und Commerce"
(APA-Journal Medien v. 29.9.1999: 10) tief in das tagesaktuelle Nachrichtengeschäft
vor.
Möglicherweise findet hier die häufig befürchtete Entgrenzung des
Journalismus statt, wobei sich derartige Angebote selbst nicht
mehr als primär journalistisch verstehen und dementsprechend analytisch
zu fassen sind. Ein weiteres Faktum ist aber auch die zu vermutende Verflechtung
zwischen Anzeigenabteilungen und Online-Redaktionen, wo werbefreundliche
Business-Modelle verstärkt Einzug halten (vgl. Schön 1999). Es gibt aber
auch Aktivitäten, die dieser Dynamik entgegensteuern möchten etwa,
wenn der ORF und der Verband österreichischer Zeitungsherausgeber (VÖZ)
ihre historische Rivalität für beendet erklären und sich auf den Start
einer gemeinsamen Internet-Plattform einigen, oder wenn der ORF den zügigen
Ausbau von der bisherigen Bi-Medialität TV/Radio in Richtung "Tri-Medialität
unter gleichberechtigtem Einschluss von Online forciert (vgl. APA-Journal
Medien v. 8.9.1999: 3). Diese Strategie dürfte auch zu einer Veränderung
der journalistischen Berufsrollen führen, denn für die Internet-Dienste
des Marktführers sollen künftig alle ORF-Redakteure vernetzt herangezogen
werden. Derzeit sind solchen Plänen aber (noch) arbeitsrechtliche und
technische Grenzen gesetzt, denn zum einen stehen der Online-Redaktion
des ORF die Beiträge der ORF-Radios und TV-Senders nicht zur Verfügung,
da deren Abgeltung gegenüber den Autoren (vor allem den freien Mitarbeitern)
nicht geregelt ist, zum anderen fehlt auch noch die nahtlose digitale
Technik im Radio- und TV-Bereich.
Als große Dienstleister und themenspezifische "Maklersysteme" (Blittkowsky
1997: 253; Meier 1997: 87ff) sind die großen Gewinner der online-journalistischen
Branche in Österreich zum einen die Nachrichtenagenturen insbesondere
die Austria Presse Agentur , zum anderen aber auch die große Nachrichtenstruktur
des ORF. Kaum ein anderes Medium kann mit deren Infrastruktur zur Sammlung
und raschen Veröffentlichung von Nachrichten konkurrieren. Allerdings
haben beide ein besonderes Problem, diese Stärke auch ökonomisch und publizistisch
zu verwerten: Radio- und Fernsehnachrichten, einmal ausgestrahlt, werden
quasi zu Allgemeingut und können von Mini-Redaktionen rasch zusammengefasst
werden, ohne de facto Konsequenzen urheberrechtlicher Natur befürchten
zu müssen. Die APA befindet sich dagegen in der Situation, dass ihr Nachrichtenapparat
von ihren Genossenschaftern (den Tageszeitungen und dem ORF) als Hochpreis-Angebot
verkauft wird und jede Art von umfassenderem Internet-Angebot diese Preisbasis
zerstören würde. Gleichzeitig wachen die Gesellschafter aufmerksam darüber,
dass die von ihnen im wesentlichen finanzierte Agentur nicht in die eigenen
Geschäftsbereiche eindringt. So gesehen können beide Gewinner die Vorteile
ihrer Stärken derzeit nicht wirklich nutzen.
1999 lassen sich für den österreichischen Online-Journalismus zwei wesentliche
Charakteristika herausarbeiten. Einerseits konnten jene Internetanbieter,
die verstärkt auf klickintensive Erotikbilder und Pin-up-Shows, Kleinanzeigen,
Glücksspiel-Automaten und Partnerbörsen setzten, rasante Zuwächse
bei den Page-Impressions verbuchen. Dazu sind in erster Linie die Dienste
des Boulevardblattes Neue Kronen Zeitung (www.krone.at;
1,27 Mio. Visits und 15,7 Mio. Page-Impressions/Dezember 1999) und des
Wochenmagazins News (www.news.at; 1,13 Mio. Visits und 11 Mio.
Page-Impressions/Dezember 1999) zu zählen (vgl. Der Standard v. 10.12.1999:
15; APA-Journal Medien v. 12.1.2000, 10). Andererseits lag das Network
von ORF ON (www.orf.at)
mit 4,85 Mio. Besuchen und 20,3 Mio. Page-Impressions im Dezember 1999
in der Kategorie "Online-Angebote mit überwiegend redaktionallem Inhalt"
unangefochten an der Spitze aller Webauftritte österreichischer Medien
(vgl. APA-Journal Medien v. 12.1.2000, 10).
Austria.com, die elektronische Einkaufs-Plattform des Vorarlberger Medienhauses,
belegte Ende 1999 hinter dem ORF mit 2,15 Mio. Visits und 8,48 Mio. Impressions
den zweiten Platz in der Web-Analyse (vgl. APA-Journal Medien v. 12.1.2000,
10). Bei den Seiten-Besuchen (Visits) von Online-Printmedien lag im November
1999 das älteste Printprodukt im Internet, Der Standard (www.derStandard.at),
vorne und belegte insgesamt den dritten Platz; 1,3 Mio. mal wurde seine
Web-Ausgabe aufgerufen (vgl. Der Standard v. 10.12.1999: 15). Der ungebrochene
Beliebtheitsboom des digitalen Mediums zeigt sich im Vergleich mit Januar
2000. Nach der Zahl der Besucher führt der ORF mit 6,5 Mio. (plus 33 Prozent),
gefolgt von Austria.com mit 2,4 Mio. Visits (+ 11%), derStandard.at mit
2 Mio. (+ 53%), Krone.at mit 1,6 Mio. (+ 23%) und News.at mit 1,4 Mio.
(+ 18%) (vgl. ÖWA v. 14.2.2000; Der Standard v. 9.2.2000, 13).
4. Marktstruktur und Angebote
Ähnlich wie in den USA zu beobachten, beginnt sich das journalistische
Online-Angebot in Österreich in zwei unterschiedliche Segmente zu teilen,
die mit der regionalen bzw. überregionalen Bindung der jeweiligen medialen
Stammunternehmen zu tun haben. Einerseits verstehen die regionalen Zeitungs-
bzw. Medienhäuser ihr journalistisches Produkt als Mehrwert, den sie in
ein regionales Internet-Portal einbringen können, wie dies etwa bei Salzburg.com
der Fall ist. Hier ist die Zeitung bloße Zugabe und wird nur technisch
und weniger inhaltlich betreut. Häufig ist die Zeitungsredaktion für die
Online-Version nicht zuständig, denn es sind überwiegend die EDV-Abteilungen,
die für die technische Übersetzung sorgen. Die eigentlichen (und originären)
Inhalte dieser Portale sind als Provider und elektronischer Marktplatz
eng mit Diensten wie z.B. dem lokalen Tourismus- und Veranstaltungsangebot
oder Freizeit-, Fitness- und Spielprogrammen verbunden, wohingegen die
journalistische Ebene kaum oder gar nicht weiterentwickelt wird.
Dies ist zum einen eine Reaktion auf die Ratlosigkeit der Medienunternehmen
angesichts kaum vorhandener Refinanzierungsmöglichkeiten. Zum anderen
sind die Medien, die über keine regionale Community verfügen, stärker
darauf angewiesen, ihre Inhalte attraktiv genug zu gestalten, um für Traffic
zu sorgen, was wiederum Anzeigen- und Einkommenspotential erschließt,
um das neue Medium zu finanzieren. In Österreich sind dies in erster Linie
derStandard.at, der als erste deutschsprachige Zeitung eine Online-Ausgabe
startete und weiterhin im Bereich von WAP-Angeboten für Internet-Handys
bzw. Versionen für elektronische Organizer eine Pionierrolle einnimmt.
Auch diePresse.at ist in einer ähnlichen Situation und muss sich vor allem
als Nachrichtenmedium profilieren; der Kurier, der (neben der reichweiten-dominanten
Kronen Zeitung) am ehesten die Rolle des regionalen Qualitätsblattes
in Wien erfüllt, geht hingegen tendenziell eher den Weg zum Regionalportal.
Für den ORF gelten aufgrund der Besonderheiten des öffentlich-rechtlichen
Sektors eigene Bedingungen. So steht er sowohl unter dem Gebot des Rundfunkgesetzes
als auch unter der kritischen Beobachtung durch die privatrechtliche Medienkonkurrenz.
Das führt dazu, dass der ORF sich derzeit vor allem mit einem starken
Nachrichtenangebot hervortut, das große Ähnlichkeiten mit dem Teletext-Angebot
des ORF hat, obwohl die beiden Redaktionen aus nicht nachvollziehbaren
Gründen voneinander getrennt sind. In diesem Bereich hat der ORF auch
mit Futurezone.orf.at einen originären neuen Kanal geschaffen, der sich
inhaltlich vor allem der Ökonomie und der Technik der neuen Medien und
Informationstechnologie widmet. Die Futurezone scheint in formaler Hinsicht
(strenger Nachrichtenaufbau, keine Kommentierung, Links zu verwandten
Themen bzw. Originalquellen sowie Leser-Chats am Ende des redaktionellen
Beitrages) auch das Modell für die regionalen Nachrichtenangebote des
ORF zu sein. Anders strukturiert sind dagegen die programmbegleitenden
Internet-Angebote zu Sendungen und Sender, wie sie insbesondere für die
vierte Radiokette nach ihrem Relaunch Anfang Februar 2000 als FM4, aber
auch schon längere Zeit für Ö3 geschaffen werden. Hier wird in erster
Linie eine enge Verflechtung und Hörer/Seher-Bindung durch parallel laufende
Chats, Zusatzinformationen und die Schaffung einer Virtual community
angestrebt. Dahinter ist wohl auch die Sorge, dass mit dem Internet vor
allem das Fernsehen an Sehern verliert, die im neuen Medium unter dem
vertrauten und marktmächtigen Brand des öffentlich-rechtlichen
Senders wieder eingesammelt werden sollen.
Die derzeitige Markt- und Angebotsstruktur des österreichischen Online-Journalismus
kann in insgesamt sechs verschiedenen Angebotsformen differenziert werden
(vgl. Hofbauer/Renger 2000: 46f)
- Online-Ausgaben (Hypertextversionen) von bestehenden journalistischen
Medienprodukten: überwiegend von informationsjournalistischen Printprodukten
(die meisten Tageszeitungen, Magazine etc.). Auch in Österreich ist
die Zeit der 1:1-Übertragung von Printprodukten ins Netz noch nicht
vorbei. Neuberger (1999: 53f) nennt diese Angebotsform, die mehr oder
weniger eine Kopie der Druckausgabe liefert, einen "defensiven Netzauftritt".
Einige Beispiele: www.vn.vol.at,
www.kleine.co.at/furche,
www.kurier.at,
www.profil.at,
www.diepresse.at,
www.wienerzeitung.at,
www.news.at
- Spezielle Online-Ausgaben mit anderen Inhalten als jenen der Stammmedien:
Ab hier ist die Reaktion der Verlage "offensiv" (Neuberger 1999: 54f).
Während die direkten Einnahmen aus diesen Angeboten kaum die Kosten
abdecken dürften, lohnen sich diese für die Medienunternehmen doch
als effiziente Instrumente der Öffentlichkeitsarbeit: "Entsprechende
Online-Seiten sollen auf herkömmliche Angebote verweisen, diese ergänzen,
attraktiver machen und die Bindung erhöhen" (Hagen 1999: 133). So
spielt die "Komplementarität von Online-Medien und Massenmedien" in
den Strategien der Medienunternehmen eine wichtige Rolle (vgl. Hagen
1999: 132). Diese These wurde bereits von Mast/Popp/Theilmann (1997:
171) in einer Befragung deutscher Journalisten bestätigt: "Online-Medien
in ihrer publizistischen Leistung werden von den Journalisten in komplementärer
Form zu ihren Ursprungsredaktionen gesehen." Beispiele: www.kleine.co.at,
www.falter.at,
www.wirtschaftsblatt.at
- Zusätzliche Online-Angebote zu den Hypertextversionen von bestehenden
journalistischen Medienprodukten: im Sinne von satelliten-artigen
Service- bzw. Branchendiensten rund um die Hypertextversion. Z.B.:
www.derstandard.at,
www.krone.at
- Portals/Plattformen und Communities:
die Hypertextausgabe ist ein integrierter Teil eines multimedialen
Angebotspaketes (z.B. Salzburger Nachrichten: www.salzburg.com). Maximale
Variante ist hier, dass die Portals als Internet-Provider auftreten;
z.B. Vorarlberg Online (www.vol.at)
oder www.austria.com
- Echte journalistische Multimediaprodukte mit Magazincharakter; Online-Zeitschriften
ohne printmedialer Entsprechung: hier sind auch Produkte eines Do-it-yourself-Journalismus
bzw. E-Zines anzutreffen. Im Grunde wären diese Angebote die "wahren"
qualitätsjournalistischen Produkte im Online-Bereich. Z.B. www.zumthema.at,
www.CeiberWeiber.at
- News-Ticker:
(a) mit Agenturcharakter: journalistische Information ist hier ein
Teilservice aus anderen Branchen. Z.B. www.newsroom.at
(b) als Teaser: Journalismus fungiert in erster Linie als eye-catcher,
d.h. als Einstiegs- bzw. Startpunkt für Visits von integralen Plattformen.
Die Gefahr für den Journalismus besteht in der möglichen Informationsinszenierung
statt seriösen Berichterstattung; Nachrichtenrecycling wird zur täglichen
redaktionellen Praxis. Siehe hier v.a.: www.lion-cc.at (= Ticker-Dienst
von Libro; "cc steht für content & commerce). In
dieser Kategorie tritt die Dynamik der multimedialen Konvergenz am
stärksten in den Vordergrund.
5. Online-Journalismus: Jobknüller oder Jobkiller?
Innerhalb des gesamten Spektrums der Multimedia-Berufe nimmt der Bereich
des Online-Journalismus einen vergleichsweise bescheidenen Platz ein:
die Zahl der Online-Redakteure im engeren Sinn wird sich Anfang 2000 in
Österreich vermutlich auf einige wenige Dutzende Mitarbeiter belaufen.
Das Schlagwort der "Jobmaschine" Internet (Seufert, zit.n. Altmeppen 1998:
203) ist somit relativ zu betrachten. Inzwischen zeigt sich nämlich, dass
es lediglich zu einer Verschiebung des Arbeitsmarktes kommen wird, da
Arbeitsplätze in neuen Bereichen jene Stellen sind, die woanders verloren
gehen wobei natürlich in der Druck- und Verlagsbranche sowie bei
öffentlich-rechtlichen Rundfunkstationen einerseits Stellen abgebaut und
andererseits im Online-Bereich in erster Linie freie Mitarbeiter beschäftigt
werden (vgl. Behrens 1997: 132).
Ein 1998 vorgelegter Projektbericht zu Kommunikationsberufen im 21.
Jahrhundert (Hummel 1998) zeigte, dass in den österreichischen Ausbildungsangeboten
überwiegend designorientierte Kompetenzen vermittelt werden (vgl.
Hummel 1999: 41). Nach einer allgemeinen Einschätzung von Behrens (1998:
133f) müsse aber in Zukunft nicht jeder Online-Redakteur "ein halber
Screen-Designer sein, denn eine Aufteilung der Bereiche in Redaktion,
Gestaltung und Technik ist nicht unwahrscheinlich." Nicht wenige Online-Redaktionen
verfügen bereits heute über ein hohes Maß an Professionalität, die Design-Tools
müssen nicht mehr vom Redakteur selbst bedient werden, die Texte werden
wie in Redaktionssystemen üblich in die fertige Maske hineingeschrieben.
So besteht die häufigste Form der Mitarbeit auch in der Funktion als
Content-Betreuer, wobei diese meist im studentischen Umfeld rekrutiert
werden. Eine zunehmende Tendenz ist weiters darin zu beobachten, dass
Redaktionsmitglieder zur Gestaltung erweiterter Inhalte auf den Web-Seiten
des betreffenden Mediums angehalten werden, was wohl als Vorstufe zum
Umstieg von Print- zu Online-Redakteuren zu deuten ist. Für die wachsende
Nachfrage nach Online-Journalisten spricht nicht zuletzt die steigende
Zahl von Stellenanzeigen für Online-Positionen auch wenn diese
selten klar journalistisch definiert werden.
Kurse und Lehrgänge für Internet- bzw. Online-Journalismus gibt es mittlerweile
regelmäßig als Modul "Online-Akademie im Programm des Kuratoriums
für Journalistenausbildung/Österreichische Medienakademie, bei der
Oberösterreichischen Journalistenakademie in Form von Tages- und
Wochenseminaren, der Katholischen Medienakademie (z.B. Kurs "Internet-Recherche),
der Donau Universität Krems (etwa am Zentrum für Publishing
und Media Management den Universitätslehrgang "Online-Editor
oder einschlägige Lehrveranstaltungen im Rahmen der Europäischen Journalismus
Akademie) sowie bei der Journalismus & Medien Akademie
des Österreichischen Journalisten Clubs (ÖJC). Ein Praktikum "Online-Journalismus
vermittelt seit 1998 einmal im Studienjahr am Institut für Kommunikationswissenschaft
der Universität Salzburg praxisrelevante Kenntnisse. An den kommunikationswissenschaftlichen
Universitätsinstituten in Wien und in Klagenfurt fehlten bisher vergleichbare
themenspezifische Angebote.
Literaturverzeichnis
Altmeppen, Klaus-Dieter (1998): Multimedia: ein neuer Journalismus? Arbeitsmarkt,
Tätigkeitsfelder und Qualifikationsbedarf, in: Irene Neverla (Hg.): Das
Netz-Medium. Kommunikationswissenschaftliche Aspekte eines Mediums in
Entwicklung. Opladen, Westdeutscher Verlag: 197-218
Anen, Tom/Gartner, Egon/Takacs, Livia/Wilflingseder/Tom (1998): Neues
in der Medientechnik, in: Fabris, Hans Heinz/Renger, Rudi/Rest, Franz
(Hg.): Bericht zur Lage des Journalismus in Österreich. Erhebungsjahr
1997. Salzburg, Eigenverlag: 9-14
APA-Journal Medien v. 12.1.2000: 10 (ÖWA: "ORF ON" stellt Rekord auf)
APA-Journal Medien v. 1.12.1999: 12 (ORF setzt auf "Tri-Medialität")
APA-Journal Medien v. 1.12.1999: 13 (Austria.com startet Online-Dienst)
APA-Journal Medien v. 27.10.1999: 3 (Umbrüche am Zeitungssektor)
APA-Journal Medien v. 13.10.1999: 3 (Die multimediale "Metamorphose")
APA-Journal Medien v. 29.9.1999: 10 (Libro setzt auf "Internet total")
APA-Journal Medien v. 8.9.1999: 3 (ORF und VÖZ starten Internet-Plattform)
Behrens, Inge (1997): Neue Berufe in den Neuen Medien. Düsseldorf, Econ
Blittkowsky, Ralf (1997): Online-Recherche für Journalisten. Konstanz,
UVK Medien
Booms, Ulrich (1998): Der Online-Redakteur und seine Qualifikationen,
in: Harms, Michael/Klingler, Walter/Rahlenbeck, Eckhard (Hg.): Qualitätsanforderungen
für die neuen Berufsfelder des Multimediamarktes. Potsdam, Verlag für
Berlin-Brandenburg: 102-106
Der Österreichische Journalist (6/1999): 30-34 (Umfrage: Jahrhundert-Journalisten/innen)
Der Standard v. 10.12.1999: 15 (Web-Analyse: Rekorde und Lücken)
Der Standard v. 9.2.2000: 13 (Wachsende Besucherschar im Web)
Der Standard v. 17.2.2000: 26 (Fakten)
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14.2.2000
Autorennotiz
Rudi Renger
geb. 1957, Univ.Prof. Dr.phil.habil., Universitätsprofessor
am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg;
im Sommersemester 2000 Univ.Prof. am Institut für Kommunikationswissenschaft
(Zeitungswissenschaft) der Universität München, seit Herbst
2000 Universitätsprofessor am Institut für Kommunikationswissenschaft
der Universität Salzburg. Arbeitsgebiete: Journalismusforschung,
Online-Kommunikation, Populärkulturforschung, Cultural Studies, kulturelle
Öffentlichkeitsarbeit, kommunikationswissenschaftliche Propädeutik.
Helmut Spudich
geb. 1953, Redakteur der Tageszeitung "Der Standard.
Arbeitsgebiete: österreichische Innenpolitik, Technologie und Neue
Medien.
Online-Journalismus / Perspektiven für Wissenschaft
und Praxis
Von: Altmeppen, Klaus-Dieter / Bucher, Hans-Jurgen / Loffelholz, Martin
(Hrsg.)
© Alle Rechte vorbehalten.
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