DER GORDISCHE KNOTEN von KÖNIGSBERG
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- Kaliningrader Problem.
Kaliningrad: Mehr Chance als Problem
Interview mit dem Akademieleiter der Europäischen Akademie in Berlin
Dr. Eckart D. Stratenschulte
- Herr Stratenschulte, es ist ganz offenbar, dass das sogenannte Kaliningrader
Problem vielseitig ist. Was meinen Sie, worin bestehen dessen Schwerpunkte?
- Es gibt einen praktischen Schwerpunkt: Wie regelt man den Reiseverkehr
zwischen Russland und Kaliningrad. Da geht es um die Einbeziehung Litauens
und Polens in das Schengener System, die in den nächsten Jahren kommen.
Der zweite Punkt, und ich halte den auch für die Chance: Kaliningrad
ist Etwas, was die Partnerschaft zwischen Russland und Europäischer
Union beflügeln kann. Ich denke, wir machen den Fehler, dass wir
Kaliningrad immer nur als Problem sehen. Ich will ja gar nicht Illusion
machen, dass wir jetzt die Drehscheibe zwischen EU und Russland haben,
das ist sicherlich nicht so einfach. Aber alleine, dass man durch Kaliningrad
gezwungen ist, zu gemeinsame vernünftige Lösung zu kommen, ist
auch eine Chance, zumal es insgesamt zwischen EU und Russland ein Klima
des Vertrauens und der Kooperation gibt, die dann ermöglicht diese
Frage zu lösen.
Der dritte Punkt ist, dass natürlich gerade durch Kaliningrad die
Frage auf die Tagesordnung kommt, ob man nicht langfristig, aber doch
im überschaubaren Zeitraum zu der Situation kommt, den Visumzwang
überhaupt aufzuheben. Wir alle wissen: diejenigen, die man durch
so einen Visumzwang fernhalten will, kommen in der Regel sowieso, weil
sie eigene Kanäle haben, oder sich die Visa erkaufen. Und hält
diese Visaproblematik nur Menschen ab, die in guter Absicht kommen wollen.
Eine ähnliche Situation, aber unter viel schlechteren Bedingungen
war in Westberlin. Dieses Westberlin, das geographisch mitten in der DDR
lag, aber nicht zu ihr gehört hat, war immer ein Problem. Es hat
aber auch dazu geführt, dass die beiden deutschen Staaten und die
vier Alliierten immer miteinander in Gespräch und Kontakt blieben,
und das einfach weiter dazu beigetragen hatte, zur vernünftigen Lösung
zu kommen. Trotz der Situation, in der kein Klima des Vertrauens und der
Kooperation war. Um so besser ist eigentlich diese Situation mit Kaliningrad.
Ich würde sagen, dass Kaliningrad für uns mehr Chance als Problem
ist.
- Es scheint so, dass hier in einen Knoten mehrere nationale Interessen
verflochten sind, und zwar: nationale Integrität Litauens, Freizügigkeit
russischer Bürger innerhalb eigenes Staates und die Außensicherheit
der Europäischen Union. In dieser Situation könnte es meiner
Meinung nach keine absolut ausbalancierte Auflösung geben. Eine der
Parteien sollte sowieso nachgeben. Was meinen Sie dazu?
- Grundsätzlich zeigt die Beobachtungen von Politik, dass jedes
Problem lösbar ist, wenn der Willen besteht es zu lösen. Und
wenn beide Seiten den Willen tun, dieses Problem zu lösen, dann hat
man positive Ergebnisse, die weit über Kaliningrad hinausgehen.
Nehmen wir mal den ersten Fall, dass die Visumpflicht weiterbesteht.
Wenn es uns gelingt, auf gemeinsamen Grenzverteidigungsstandard zu einigen,
maschinenlesbare Pässe und entsprechenden Datenaustausch einzuführen,
dann könnte das den Reiseverkehr insgesamt zwischen Russland und
der Europäischen Union beschleunigen und erleichtern. Der Zwang sich
wegen Kaliningrad mit diesen Fragen zu beschäftigen, könnte
zu Lösungen führen, von denen alle die Möglichkeit haben,
von Russland in die EU und umgekehrt zu reisen.
Ich denke, es ist möglich, die Balance zwischen Sicherheit, Souveränität
und Freizügigkeit zu wahren, denn wir haben hier auch mit Russland
gemeinsame Interessen. Auch Russland hat kein Interesse an illegale Immigration,
Ausgangspunkt von Kriminalität zu sein usw.
Das ist nur ein Problem, wenn es zum Problem machen. Aber es ist auch
eine Chance, wenn wir seine Lösung haben. Das mag sehr optimistisch
klingen, aber gerade auch die Erfahrungen, die wir viele Jahre lang hier
in einem feindlichen Umfeld in Berlin hatten, zeigen, dass es möglich
ist.
- Aber es gibt auch den Güterverkehr. Und es würde wenigstens
merkwürdig aussehen, wenn die Güter, die man von Russland nach
Russland transportiert, nach europäischen Regeln verzollt werden
sollen...
- Ich bin kein Experte für die Güterregelungen, aber da ist
es meines Erachtens natürlich möglich einen Transit zu gewährleisten.
Auch das haben wir übrigens zwischen Westdeutschland und Westberlin
gehabt. Das war die gleiche Geschichte: Wenn man mit Lastwagen durch die
DDR fuhr, wurde die Wagen verplombt und vor Ort nur prüfte man, ob
die Plomben in Ordnung sind. Und man sollte nichts verzollen.
- Und Militärverkehr?
Das ist besonderes Problem, immer ein sensibles Thema. Hier ist die beste
Lösung eine Vertrauensbildung und ich habe den Eindruck, dass wir
auf diesem Wege sind. Um so mehr, als die Zeiten, wann Kaliningrad als
ein waffenstarrender Militärpunkt war, sind schon vorbei. Und auch
es ist sehr interessanter Ort für russische Exporteure, weil Kaliningrad
nicht mehr weit von dem Markt der Europäischen Union ist.
Das größte Hindernis im Augenblick ist die Grenzabfertigung.
Wenn man 24 Stunde an der Grenze stehen müßte und nur mir irgendwelchen
Sonderbescheinigungen eine Schlange vorbei fahren könnte, ist das
generell eine Katastrophe. Hier müsste der Wille von beiden Seiten
dasein, diese Grenzübergänge abzufertigen. Ich betone: Beide
Seiten müssen was tun.
- Denken Sie nicht, dass sich die Europäische Union zu spät
mit dem Problem Kaliningrad zu beschäftigen anfing?
Das ist sicherlich richtig. Aber es lag auch daran, dass wir in den letzten
zehn Jahren so unendlich viele Fragen hatten, den wir Aufmerksamkeit schenken
mussten: die ganze Balkankrise, die Währungsunion, alles, was mit
neuen Mitgliedstaaten verbunden ist. Natürlich man könnte einige
Verschärfungen vermeiden und alle Fragen in Ruhe behandeln, wenn
man früher miteinander darüber geredet hätte. Man muss
auch gestehen, dass Litauen und andere baltische Staaten fingen an, sich
mit diesem Problem und Kooperation mit Russland in dieser Region noch
Ende 90er Jahren beschäftigen. Aber jetzt gibt es ein wirklich wichtiges
Problem, dass Kaliningrad wirtschaftlich und sozial stärker werden
muss, und das ist keine Aufgabe von Europäischer Union.
- Könnten Sie irgendwelche mögliche Szenarios zur endgültigen
Auflösung dieses Knoten vorhersagen?
Die langfristige Entwicklung ist doch vorgezeichnet. Die Europäische
Union bildet mit Russland mehrere gemeinsame Räume, und zwar in Bereiche
Recht, Sicherheit und Wirtschaft. Und bei der Verwirklichung dieses Konzeptes
verliert das Kaliningrader Problem enorm an Bedeutung, weil die Verkehrsreibung
selbstverständlich losläuft. Ich hoffe, dass es in den nächsten
Jahren gelingt, auch die Visumpflicht für russische Bürger abzuschaffen.
Übrigens sind die Schengener Regeln nicht ein Problem, ein Problem
ist die Grenzabfertigung. Die Europäische Union und Russland sollten
gemeinsam an der Lösung der bestimmten Probleme arbeiten, wie Drogenverkehr,
Menschenhandel. Das ist das Interesse Russlands genauso wie das der Europäischen
Union. Russland kann sich nicht erlauben, als Exporteur von Frauen und
Drogen zu profilieren. Und damit hat Kaliningrad künftig eine gute
Chance ein verschobenes Verbindungsbüro Russlands zur Europäischen
Union zu werden.
- Wie würden Sie dazu stehen, dass Russland sich morgen für
den Beitritt der EU anmeldet?
Es gibt, erstens, eine EU-Strategie in Russland, die sagt, dass man diesen
Beitritt nicht will. Ich meine, das wäre auch nicht das Interesse
Russlands. Zweitens, Russland ist einfach (abgesehen von allen wirtschaftlichen
und politischen Fragen) zu groß für die Europäische Union.
Aber ich glaube, das sieht man in Moskau genau so wie in Brüssel.
Deswegen sind wir mit Russland auf einem guten Weg, wenn wir die konkrete
Kooperation und gemeinsame Räume vereinbaren, und als Ergebnis können
beide Seiten ihre Potenziale optimal ausnutzen. Ein Beitritt ist nicht
realistisch, wir müssen uns daran konzentrieren, Zusammenarbeit und
Nachbarschaft zu verbessern.
- Inwiefern objektiv Ihrer Meinung nach stellen die deutschen und
russischen Medien dieses Problem dar?
Die russischen Medien kann ich überhaupt nicht einzuschätzen.
Aber ich habe den Eindruck, dass man schon sehr genau suchen muss, ob
es in den deutschen Medien Berichterstattung über Kaliningrad kaum
zu finden ist.
- Doch, und es gibt dazu auch einen gewissen Unterschied zwischen
Beiträgen, die in Massenmedien und Wissenschaftsperiodika erscheinen.
Na ja, es gibt eine sehr kleine Gruppe Menschen, die sich speziell mit
den Beziehungen zwischen der EU und Russland beschäftigen, die sich
darin natürlich gut auskennen. Aber ich glaube, wenn man jetzt eine
Umfrage veranstaltet und Hunderte Leute auf Strassen fragt, was halten
sie für das Kaliningrader Problem, dann würden sie fassungslos
sein. Kaliningrad spielt für die Deutschen keine Rolle. Es gibt die
Nostalgiereisen nach Königsberg, aber politisch hat es keine Relevanz.
- Dennoch sind in Deutschland ziemlich aktiv verschiedene Gesellschaften,
Gemeinschaften, Landsmannschaften tätig...
Das sind sehr kleine Gruppen von nostalgisch denkenden Leuten. Aber die
Gedanken, dass Deutschen Königsberg wiederhaben wollen, das finde
ich in der politischen Diskussion in Deutschland nicht mehr. Wir hatten
ähnliche Situation mit Polen, als wir vor Jahren eine enge Kooperation
links und rechts von der Grenze vorgeschlagen hatten. Dieser Aufruf zur
Grenzmitarbeit wurde auch so wahrgenommen, als ob die Deutschen ihre ehemaligen
Ostgebiete nach und nach wiederhaben wollten.
Es gibt natürlich Mißtrauen, das sich im Verlauf der politischen
Zusammenarbeit und mit Entwicklung der persönlichen Beziehungen langsam
abbaut. Das kostet natürlich Zeit. Wenn man natürlich im Internet
recherchiert, findet man irgendeinen Gedanken, dass die Deutschen Kaliningrad
zurück wollen. Da sage ich immer: Ein paar Idioten gibt es überall.
Kaliningrad - Berlin. Im Rahmen des Programms
"Europäische
Journalisten-Fellowships".
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