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DER GORDISCHE KNOTEN von KÖNIGSBERGÊ íåìåöêîé âåðñèè
Das Linkverzeichnis zu Webseiten aus und über
Königsberg, Kaliningrader Medien, Beiträge zum Königsberger - Kaliningrader Problem.

7/04/2004 - Andrej Kobiakow.
Moskauer Deutsche Zeitung

Cornelius SOMMER:
Ich bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Der erste Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in der russischen Oblast Kaliningrad, Dr. Cornelius Sommer, ist vor 63 Jahren in Breslau geboren, aber der Name Königsberg war ihm nie fremd. An der berühmten ostpreußischen Universität Albertina studierte sein Onkel, im Norden von Ostpreußen fiel 1944 sein Vater.Cornelius Sommer. Foto: Andrej Kobiakow.

33 Jahre seines Lebens widmete Sommer der Diplomaten-Tätigkeit, dabei arbeitete er als Beauftragter für Asienpolitik der Bundesregierung, beschäftigte sich mit Angelegenheiten des Mittleren und Nahen Ostens, vertrat die Bundesrepublik in Italien, USA, der Schweiz, und direkt vor seiner jüngsten Ernennung war er als deutscher Botschafter in Finnland tätig. Zwei Tage nur zögerte Cornelius Sommer mit seinem Angebot an das Auswärtige Amt, den Aufbau des Konsulats in Kaliningrad zu übernehmen, und dann, ungeachtet verständnisloser Blicke von Kollegen und bedeutungsvoller Gesten von Bekannten, hat er sich entschieden: „Das wäre eine ganz neue handfeste Aufgabe“.

Doch hatte er früher kaum dienstliche Kontakte zu Russland, und er spricht kein Russisch. Letzteres soll aber nur vorübergehend so sein. Er meint, das Russische sei nicht nur eine interessante und attraktive Sprache, sondern auch durchaus lernbar. "Ich bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort", sagt Sommer nach zwei Monaten seines Aufenthaltes in Kaliningrad, dessen Einwohner früher wegen deutscher Visa nach Moskau über zwei Grenzen reisen mussten.

Provisorisch hat das kleine Team des Generalkonsulats das Gästehaus des hiesigen privaten Hotels "Albertina" bezogen, wo unser Gespräch stattfand.

- Herr Sommer, welche konkreten Ziele stehen vor dem Generalkonsulat in dieser nicht ganz gewöhnlichen russischen Region?

- Wie Sie sehen, wir sind noch ganz in der Aufbauphase. Ich arbeite hier seit Anfang Januar mit einem jüngeren deutschen Kollegen und zwei russischen Mitarbeiterinnen. Wir werden sehr gut von dem Kaliningrader Umfeld akzeptiert. Man hat sich sehr gefreut, dass wir einen vollen konsularischen Dienst für die Bevölkerung hier anbieten wollen. Freilich müssen wir zunächst ein Gebäude finden. Das ist aber nicht so einfach hier, es gibt kaum geeignete Häuser, und die Preise gehen in die Höhe.

Wenn man den Visumsdienst anbieten will, muss man natürlich ein Kanzleigebäude bestimmter Größe haben, das gewissen strukturellen Anforderungen genügt. Denn beim Visumsdienst wird eine Menge Publikum in die Konsulate oder Botschaften hineingelassen. Erschwert wird die Immobiliensuche auch durch die russische Vorschrift oder Praxis, dass ein solches Gebäude von der Regierung in Moskau genehmigt werden muss. Ich weiß also noch gar nicht, ob die Objekte, die ich mir bis jetzt angesehen habe, auch den Moskauer Vorstellungen entsprechen. Aber ich bin optimistisch und hoffe, dass wir in wenigen Monaten soweit sein können. Wir haben in Berlin das Personal bereitgestellt dafür, das dann kommen wird, wenn dieses Gebäude gefunden ist.

- Haben Sie schon früher Russland besucht?

- Ja, ich war in Moskau, Sankt-Petersburg und Saratow.

- Könnten Sie Ihre ersten Eindrücke über Kaliningrad mit unseren Lesern teilen? Dieser Name scheint doch in der letzten Zeit in aller Munde zu sein.

- Erste Eindrücke... Damit muss man vorsichtig sein, weil man die ersten Vorstellungen von draußen mitbringt und die dann an der Realität misst. In meinem Fall waren diese Vorstellungen oder Vorurteile sehr geprägt von dem, was ich in den westlichen Medien über Kaliningrad erfahren habe. Das war eher problematisch, was dort über Kaliningrad zu lesen und zu sehen war. Nicht alles hat sich bewahrheitet, aber Einzelnes schon. Ich beobachte hier eine äußerst geschäftige Stadt, sehr viel Handel und Wandel. Aber ich sehe noch nicht so viel industrielle oder landwirtschaftliche Wertschöpfung, wie man erwarten sollte bei der offensichtlich großen Geldmenge, die in der Stadt bewegt wird. Dieses Kapital kommt sicherlich zum Teil von außerhalb der Oblast Kaliningrad. Manche Einnahmen kommen, sagt man mir, aus Moskau, weil zahlreiche Moskowiter hierher kommen, sich private Häuser bauen und damit Geld bringen.

Es gibt neben diesem vielen Geld natürlich noch mehr große Armut, das kann man nicht übersehen. Je nachdem, in welchem Stadtteil man sich aufhält, ist man entweder unter den Wohlhabenden oder unter den Armen.

Was ich noch nicht beurteilen kann, ist, ob es hier eine so genannte Mittelklasse gibt. Wenn ich auf die Einkommen sehe, dann sind solche Berufe, die bei uns in Deutschland als Mittelklasse gelten würden, vom Lohn her eigentlich noch nicht Mittelklasse. Wenn ich sehe, was ein Lehrer oder ein angestellter Handwerker hier verdient, das ist von der Kaufkraft der Löhne her noch nicht Mittelklasse. Es gibt dagegen auch eine große Zahl von sehr unternehmerisch eingestellten auch jüngeren Russinnen und Russen, die ihre eigenen Versuche machen, Geschäfte aufzubauen, Dienstleistungen anzubieten.

Also, mein erster Eindruck ist, um es kurz zu fassen: ES ist nicht alles so schrecklich, wie es in den westlichen Medien dargestellt wird. Aber es gibt auch sehr problematische Bereiche, die große Menge der armen Bevölkerung und die schlechten Infrastrukturen in der Stadt: Strassen, Wohnungen und Sauberkeit. Es gibt aber auch, zum Beispiel im Telekommunikationsbereich, durchaus schon brauchbare Infrastrukturen: Telefonnetz, Verbreitung von mobilen Telefonen, Nutzung des Internets. All das funktioniert nach gutem Standard.

Was vielleicht nicht typisch kaliningradisch, sondern eher gesamtrussisch und damit für mich neu ist, ist ein unglaublich dichtes und schwer zu durchschauendes Netz von bürokratischen Vorschriften. Fast jedes Detail ist gesetzlich oder durch Verordnungen geregelt, aber es gibt niemanden, der das alles wirklich kennt. In den letzten Wochen haben wir uns mit sehr langsamen bürokratischen Abläufen beschäftigt: ein Bankkonto zu eröffnen, ein Auto anzumelden, eine Zeitung zu abonnieren - allemal ein sehr schwieriger Vorgang, auch wenn wir immer sehr freundlich behandelt werden. Noch nicht immer hat sich die Mentalität, glaube ich, in der Praxis verbreitet, dass der Verkäufer dem Käufer, die Behörde dem Bürger entgegenkommen muss. Und zur selben Zeit gibt es hier schon die ungeheuer geschäftstüchtigen Unternehmer, die ihre Waren aggressiv verkaufen. Das wird kommen, man kann nicht in zehn Jahren das ganze Denken umkrempeln.

Was ich noch nicht an eigenem Leibe ausprobieren musste, Gott sei Dank, ist die Frage des Gesundheitssystems. Und ich habe auch noch keine Eindrücke vom Schulsystem, das ich als sehr wichtigen Faktor sehe für die Entwicklung dieses Gebiets und seine Attraktivität für neue Ankömmlinge. Ich hatte eine Reihe Kontakte mit der Universität. Die materiellen Grundlagen sind dort noch gering, aber der Eifer und das persönliche Engagement von Lehrenden und Studierenden sind beeindruckend.

- Sie übernahmen dieses Amt in einer sehr gespannten Zeitperiode: Am 1. Mai, nach der Aufnahme von Litauen und Polen in die Europäische Union, wird diese russische Region zur Insel innerhalb der EU. Wie können Sie die Perspektiven des Kaliningrader Gebiets vor diesem Hintergrund schätzen?

- Das sogenannte Kaliningrader Problem... Erst mal gibt es wohl mehrere Ungewissheiten, aber sie sind nicht unbedingt nur negativ zu sehen. Kaliningrad wird in wenigen Wochen in einer geopolitischen und geokommerziellen Situation sein, wie nur ein anderes Gebiet Europas, das ist die Schweiz. Die liegt innerhalb der EU, aber nicht in der EU. In der Schweiz herrschen natürlich ganz andere Grundbedingungen vor. Aber Kaliningrad sollte schon hinsehen, was man tun kann als Nachbar von EU-Ländern. Das ist die große Frage, zusammen mit der Frage, welches Konzept haben Moskau und die hiesige Gebietsverwaltung für die Oblast Kaliningrad. Ich habe gehört, dass im Kreml in wenigen Wochen ein neues Konzept veröffentlicht werden soll. Was darin steht, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist wichtig, dass das Konzept, wie immer es aussieht, sowohl von Moskau als auch von Kaliningrad selber akzeptiert und gemeinsam implementiert wird.

Bis jetzt höre ich manchmal "Klagen", dass zum Beispiel hier längst nicht alles getan wird, was man im Rahmen dieses Sonderwirtschaftsstatus tun könnte. Es ist auch die Rede davon, dass eventuell die Zollpräferenzen, die ein wesentlicher Faktor für die hiesige Wirtschaft sind, irgendwann in ein paar Jahren aufgegeben werden müssen, wenn Russland ernsthaft am Beitritt zur Welthandelsorganisation interessiert ist. Denn die WTO läßt solche Sonderregelungen nicht so einfach zu. Das wäre eine schwierige Situation für Kaliningrad oder eine, auf die man sich neu einstellen müßte.

Es heißt auch, man überlege in Moskau, ob man den Wegfall von Zollpräferenzen durch Steuer-Anreize vielleicht ausgleichen könnte. Aber darüber möchte ich nicht spekulieren, das ist eine Sache zwischen Russland und Kaliningrad und zwischen Russland und der WTO. Man kann aus der Situation hier schon etwas machen, wenn man bereit ist, etwas Kapital einzusetzen. Die Infrastruktur bedarf dringend einer Erneuerung, die Bürokratie grösserer Transparenz und generell einer Reduktion auf das sachlich erforderliche. Dann erst wird dieses Gebiet von seinen Reizen profitieren können. Es ist ja zum Beispiel für Touristen durchaus attraktiv. Man könnte leicht einiges tun, um mehr Leute herzuholen, nicht nur Deutsche oder Franzosen, sondern auch Russen selber aus dem Mutterland. Das sollte man nutzen, aber das geht nicht ohne staatliche oder private Investition und einen gemeinsamen Plan, was man tun will. Grundsatz muss werden: Der Kunde ist König, sein Wunsch ist uns Befehl.

Eine andere Attraktivität des Gebietes besteht in der Preisgünstigungen, aber zugleich qualifizierten Arbeitskraft. Hier gibt es viele gut ausgebildete Menschen, und die hiesigen Löhne sind niedrig. Wenn Litauen und Polen im Mai der Europäischen Union beitreten, dann werden sich in diesen beiden Ländern allmählich, aber mit Sicherheit die Preise an die der anderen EU-Staaten angleichen. Das wird auch eine Angleichung der Arbeitslöhne erzwingen. In dieser Situation wird Kaliningrad durchaus einen Vorteil haben, denn es wird nicht gezwungen sein, seine Preise und Löhne denen in der EU anzugleichen. Ich habe mir berichten lassen, dass schon heute polnische, litauische und auch deutsche Unternehmer hier bestimmte Lohnarbeiten durchführen lassen. Auch die nicht so wohlhabenden Nachbarstaaten beginnen also zu erkennen, dass man hier profitabel produzieren kann. Es kommt natürlich hinzu, dass Polen und mehr noch Litauen Erfahrungen mit der Systemreform haben und mit den Schwierigkeiten, die es dabei gibt - Erfahrungen, die Franzosen, Deutsche oder Holländer gar nicht haben. Die Verständigung zwischen Polen und Kaliningradern und zwischen Litauern und Kaliningradern ist viel einfacher in solchen Fragen als die zwischen den klassischen kapitalistischen und den ehemals planwirtschaftlichen Ländern.

Kaliningrad - Berlin. Im Rahmen des Programms
"Europäische Journalisten-Fellowships".

Zum Originaltext in der "Moskauer Deutsche Zeitung" >>>