DER GORDISCHE KNOTEN von KÖNIGSBERG
Das Linkverzeichnis zu Webseiten aus und über
Königsberg, Kaliningrader Medien, Beiträge zum Königsberger
- Kaliningrader Problem.
Cornelius SOMMER:
Ich bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Der erste Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in
der russischen Oblast Kaliningrad, Dr. Cornelius Sommer, ist vor 63 Jahren
in Breslau geboren, aber der Name Königsberg war ihm nie fremd. An
der berühmten ostpreußischen Universität Albertina studierte
sein Onkel, im Norden von Ostpreußen fiel 1944 sein Vater.
33 Jahre seines Lebens widmete Sommer der Diplomaten-Tätigkeit,
dabei arbeitete er als Beauftragter für Asienpolitik der Bundesregierung,
beschäftigte sich mit Angelegenheiten des Mittleren und Nahen Ostens,
vertrat die Bundesrepublik in Italien, USA, der Schweiz, und direkt vor
seiner jüngsten Ernennung war er als deutscher Botschafter in Finnland
tätig. Zwei Tage nur zögerte Cornelius Sommer mit seinem Angebot
an das Auswärtige Amt, den Aufbau des Konsulats in Kaliningrad zu
übernehmen, und dann, ungeachtet verständnisloser Blicke von
Kollegen und bedeutungsvoller Gesten von Bekannten, hat er sich entschieden:
„Das wäre eine ganz neue handfeste Aufgabe“.
Doch hatte er früher kaum dienstliche Kontakte zu Russland,
und er spricht kein Russisch. Letzteres soll aber nur vorübergehend
so sein. Er meint, das Russische sei nicht nur eine interessante und attraktive
Sprache, sondern auch durchaus lernbar. "Ich bin zur richtigen Zeit
am richtigen Ort", sagt Sommer nach zwei Monaten seines Aufenthaltes
in Kaliningrad, dessen Einwohner früher wegen deutscher Visa nach
Moskau über zwei Grenzen reisen mussten.
Provisorisch hat das kleine Team des Generalkonsulats das
Gästehaus des hiesigen privaten Hotels "Albertina" bezogen,
wo unser Gespräch stattfand.
- Herr Sommer, welche konkreten Ziele stehen vor dem Generalkonsulat
in dieser nicht ganz gewöhnlichen russischen Region?
- Wie Sie sehen, wir sind noch ganz in der Aufbauphase. Ich arbeite hier
seit Anfang Januar mit einem jüngeren deutschen Kollegen und zwei russischen
Mitarbeiterinnen. Wir werden sehr gut von dem Kaliningrader Umfeld akzeptiert.
Man hat sich sehr gefreut, dass wir einen vollen konsularischen Dienst für
die Bevölkerung hier anbieten wollen. Freilich müssen wir zunächst
ein Gebäude finden. Das ist aber nicht so einfach hier, es gibt kaum
geeignete Häuser, und die Preise gehen in die Höhe.
Wenn man den Visumsdienst anbieten will, muss man natürlich ein
Kanzleigebäude bestimmter Größe haben, das gewissen strukturellen
Anforderungen genügt. Denn beim Visumsdienst wird eine Menge Publikum
in die Konsulate oder Botschaften hineingelassen. Erschwert wird die Immobiliensuche
auch durch die russische Vorschrift oder Praxis, dass ein solches Gebäude
von der Regierung in Moskau genehmigt werden muss. Ich weiß also
noch gar nicht, ob die Objekte, die ich mir bis jetzt angesehen habe,
auch den Moskauer Vorstellungen entsprechen. Aber ich bin optimistisch
und hoffe, dass wir in wenigen Monaten soweit sein können. Wir haben
in Berlin das Personal bereitgestellt dafür, das dann kommen wird,
wenn dieses Gebäude gefunden ist.
- Haben Sie schon früher Russland besucht?
- Ja, ich war in Moskau, Sankt-Petersburg und Saratow.
- Könnten Sie Ihre ersten Eindrücke über Kaliningrad
mit unseren Lesern teilen? Dieser Name scheint doch in der letzten Zeit
in aller Munde zu sein.
- Erste Eindrücke... Damit muss man vorsichtig sein, weil man die ersten
Vorstellungen von draußen mitbringt und die dann an der Realität
misst. In meinem Fall waren diese Vorstellungen oder Vorurteile sehr geprägt
von dem, was ich in den westlichen Medien über Kaliningrad erfahren
habe. Das war eher problematisch, was dort über Kaliningrad zu lesen
und zu sehen war. Nicht alles hat sich bewahrheitet, aber Einzelnes schon.
Ich beobachte hier eine äußerst geschäftige Stadt, sehr
viel Handel und Wandel. Aber ich sehe noch nicht so viel industrielle oder
landwirtschaftliche Wertschöpfung, wie man erwarten sollte bei der
offensichtlich großen Geldmenge, die in der Stadt bewegt wird. Dieses
Kapital kommt sicherlich zum Teil von außerhalb der Oblast Kaliningrad.
Manche Einnahmen kommen, sagt man mir, aus Moskau, weil zahlreiche Moskowiter
hierher kommen, sich private Häuser bauen und damit Geld bringen.
Es gibt neben diesem vielen Geld natürlich noch mehr große
Armut, das kann man nicht übersehen. Je nachdem, in welchem Stadtteil
man sich aufhält, ist man entweder unter den Wohlhabenden oder unter
den Armen.
Was ich noch nicht beurteilen kann, ist, ob es hier eine so genannte
Mittelklasse gibt. Wenn ich auf die Einkommen sehe, dann sind solche Berufe,
die bei uns in Deutschland als Mittelklasse gelten würden, vom Lohn
her eigentlich noch nicht Mittelklasse. Wenn ich sehe, was ein Lehrer
oder ein angestellter Handwerker hier verdient, das ist von der Kaufkraft
der Löhne her noch nicht Mittelklasse. Es gibt dagegen auch eine
große Zahl von sehr unternehmerisch eingestellten auch jüngeren
Russinnen und Russen, die ihre eigenen Versuche machen, Geschäfte
aufzubauen, Dienstleistungen anzubieten.
Also,
mein erster Eindruck ist, um es kurz zu fassen: ES ist nicht alles so
schrecklich, wie es in den westlichen Medien dargestellt wird. Aber es
gibt auch sehr problematische Bereiche, die große Menge der armen
Bevölkerung und die schlechten Infrastrukturen in der Stadt: Strassen,
Wohnungen und Sauberkeit. Es gibt aber auch, zum Beispiel im Telekommunikationsbereich,
durchaus schon brauchbare Infrastrukturen: Telefonnetz, Verbreitung von
mobilen Telefonen, Nutzung des Internets. All das funktioniert nach gutem
Standard.
Was vielleicht nicht typisch kaliningradisch, sondern eher gesamtrussisch
und damit für mich neu ist, ist ein unglaublich dichtes und schwer
zu durchschauendes Netz von bürokratischen Vorschriften. Fast jedes
Detail ist gesetzlich oder durch Verordnungen geregelt, aber es gibt niemanden,
der das alles wirklich kennt. In den letzten Wochen haben wir uns mit sehr
langsamen bürokratischen Abläufen beschäftigt: ein Bankkonto
zu eröffnen, ein Auto anzumelden, eine Zeitung zu abonnieren - allemal
ein sehr schwieriger Vorgang, auch wenn wir immer sehr freundlich behandelt
werden. Noch nicht immer hat sich die Mentalität, glaube ich, in der
Praxis verbreitet, dass der Verkäufer dem Käufer, die Behörde
dem Bürger entgegenkommen muss. Und zur selben Zeit gibt es hier schon
die ungeheuer geschäftstüchtigen Unternehmer, die ihre Waren aggressiv
verkaufen. Das wird kommen, man kann nicht in zehn Jahren das ganze Denken
umkrempeln.
Was ich noch nicht an eigenem Leibe ausprobieren musste, Gott sei Dank,
ist die Frage des Gesundheitssystems. Und ich habe auch noch keine Eindrücke
vom Schulsystem, das ich als sehr wichtigen Faktor sehe für die Entwicklung
dieses Gebiets und seine Attraktivität für neue Ankömmlinge.
Ich hatte eine Reihe Kontakte mit der Universität. Die materiellen
Grundlagen sind dort noch gering, aber der Eifer und das persönliche
Engagement von Lehrenden und Studierenden sind beeindruckend.
- Sie übernahmen dieses Amt in einer sehr gespannten Zeitperiode:
Am 1. Mai, nach der Aufnahme von Litauen und Polen in die Europäische
Union, wird diese russische Region zur Insel innerhalb der EU. Wie können
Sie die Perspektiven des Kaliningrader Gebiets vor diesem Hintergrund
schätzen?
- Das sogenannte Kaliningrader Problem... Erst mal gibt es wohl mehrere
Ungewissheiten, aber sie sind nicht unbedingt nur negativ zu sehen. Kaliningrad
wird in wenigen Wochen in einer geopolitischen und geokommerziellen Situation
sein, wie nur ein anderes Gebiet Europas, das ist die Schweiz. Die liegt
innerhalb der EU, aber nicht in der EU. In der Schweiz herrschen natürlich
ganz andere Grundbedingungen vor. Aber Kaliningrad sollte schon hinsehen,
was man tun kann als Nachbar von EU-Ländern. Das ist die große
Frage, zusammen mit der Frage, welches Konzept haben Moskau und die hiesige
Gebietsverwaltung für die Oblast Kaliningrad. Ich habe gehört,
dass im Kreml in wenigen Wochen ein neues Konzept veröffentlicht werden
soll. Was darin steht, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist wichtig,
dass das Konzept, wie immer es aussieht, sowohl von Moskau als auch von
Kaliningrad selber akzeptiert und gemeinsam implementiert wird.
Bis jetzt höre ich manchmal "Klagen", dass zum Beispiel
hier längst nicht alles getan wird, was man im Rahmen dieses Sonderwirtschaftsstatus
tun könnte. Es ist auch die Rede davon, dass eventuell die Zollpräferenzen,
die ein wesentlicher Faktor für die hiesige Wirtschaft sind, irgendwann
in ein paar Jahren aufgegeben werden müssen, wenn Russland ernsthaft
am Beitritt zur Welthandelsorganisation interessiert ist. Denn die WTO
läßt solche Sonderregelungen nicht so einfach zu. Das wäre
eine schwierige Situation für Kaliningrad oder eine, auf die man
sich neu einstellen müßte.
Es heißt auch, man überlege in Moskau, ob man den Wegfall
von Zollpräferenzen durch Steuer-Anreize vielleicht ausgleichen könnte.
Aber darüber möchte ich nicht spekulieren, das ist eine Sache
zwischen Russland und Kaliningrad und zwischen Russland und der WTO. Man
kann aus der Situation hier schon etwas machen, wenn man bereit ist, etwas
Kapital einzusetzen. Die Infrastruktur bedarf dringend einer Erneuerung,
die Bürokratie grösserer Transparenz und generell einer Reduktion
auf das sachlich erforderliche. Dann erst wird dieses Gebiet von seinen
Reizen profitieren können. Es ist ja zum Beispiel für Touristen
durchaus attraktiv. Man könnte leicht einiges tun, um mehr Leute
herzuholen, nicht nur Deutsche oder Franzosen, sondern auch Russen selber
aus dem Mutterland. Das sollte man nutzen, aber das geht nicht ohne staatliche
oder private Investition und einen gemeinsamen Plan, was man tun will.
Grundsatz muss werden: Der Kunde ist König, sein Wunsch ist uns Befehl.
Eine andere Attraktivität des Gebietes besteht in der Preisgünstigungen,
aber zugleich qualifizierten Arbeitskraft. Hier gibt es viele gut ausgebildete
Menschen, und die hiesigen Löhne sind niedrig. Wenn Litauen und Polen
im Mai der Europäischen Union beitreten, dann werden sich in diesen
beiden Ländern allmählich, aber mit Sicherheit die Preise an
die der anderen EU-Staaten angleichen. Das wird auch eine Angleichung
der Arbeitslöhne erzwingen. In dieser Situation wird Kaliningrad
durchaus einen Vorteil haben, denn es wird nicht gezwungen sein, seine
Preise und Löhne denen in der EU anzugleichen. Ich habe mir berichten
lassen, dass schon heute polnische, litauische und auch deutsche Unternehmer
hier bestimmte Lohnarbeiten durchführen lassen. Auch die nicht so
wohlhabenden Nachbarstaaten beginnen also zu erkennen, dass man hier profitabel
produzieren kann. Es kommt natürlich hinzu, dass Polen und mehr noch
Litauen Erfahrungen mit der Systemreform haben und mit den Schwierigkeiten,
die es dabei gibt - Erfahrungen, die Franzosen, Deutsche oder Holländer
gar nicht haben. Die Verständigung zwischen Polen und Kaliningradern
und zwischen Litauern und Kaliningradern ist viel einfacher in solchen
Fragen als die zwischen den klassischen kapitalistischen und den ehemals
planwirtschaftlichen Ländern.
Kaliningrad - Berlin. Im Rahmen des Programms
"Europäische
Journalisten-Fellowships".
Zum Originaltext in der "Moskauer Deutsche Zeitung" >>>
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