DER GORDISCHE KNOTEN von KÖNIGSBERG
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- Kaliningrader Problem.
21/01/2004 - Andrej
Kobiakow
Das Kaliningrader Problem beginnt in Moskau und endet in Brüssel
Interview mit dem Chefredakteur
der Zeitschrift "Osteuropa" Manfred Sapper
Über das sogenannte Kaliningrader Problem ist viel zu
viel
geschrieben, gesprochen und veröffentlicht worden. Alle soliden russischen,
europäischen und transatlantischen Medien meldeten sich hier zu Wort.
Nichtsdestotrotz wurde das Erscheinen der Sonderausgabe der Zeitschrift
"Osteuropa" in März 2003 in Berlin von Spezialisten als großes
Ereignis wahrgenommen. Je näher das Jahr 2004 und der 1. Mai dem
erweiterten Europa kommt, desto relevanter wird der Inhalt dieses Heftes.
Auf die Fragen von Andrej Kobiakow antwortete der Chefredakteur der Zeitschrift
"Osteuropa" Dr. Manfred Sapper.
- Herr Sapper, das komplette Doppelheft Februar–März Ihrer Zeitschrift
"Osteuropa" enthielt Informationen über das Kaliningrader Gebiet.
Wie kamen Sie auf dieser Idee, die ganze Ausgabe einer Region zu widmen?
- Wir hatten den Eindruck, dass sich sowohl die Europäische Union
als auch Russland sehr lange mit diesem Problem nicht beschäftigten.
In Russland hatte es lange Zeit überhaupt keine Sensibilität
und Aufmerksamkeit dafür gegeben, wie schnell sich die Osterweiterung
der Europäischen Union vollziehen und sich damit die Situation Kaliningrads
dramatisch ändern wird. Auch die EU hatte relativ lange Zeit gebraucht,
bis sie dem Thema entsprechende Aufmerksamkeit schenkte.
Die wissenschaftliche Debatte begann dagegen bereits 1994. Dann erschienen
in Deutschland erste Veröffentlichungen, was für Implikationen
die Erweiterung der EU für die wirtschaftliche Tätigkeit, den
Transit und alle übrigen Aspekte für Kaliningrad haben wird.
Das war die erste Motivation: Wir müssen uns noch vor der Osterweiterung
der EU darüber Gedanken machen, was da eigentlich passiert. Wir haben
die bizarre Situation, dass wir durch den Exklaven-Charakter Kaliningrads
fast wieder in eine ähnliche Situation geraten, wie mit dem Danziger
Korridor vor 70 Jahren. Nur mit anderem Vorzeichen. Wir haben auch das
Sonderheft zur Zukunft Kaliningrads so genannt: "Konfliktschichten und
Korporationsfelder", denn Exklaven an sich sind kein Problem, sondern
sie haben potenzielle Konflikte und bieten Korporationschancen.
Das zweite Motiv für das Heft speist sich aus der spezifisch deutschen
Perspektive. Menschen, die sich in der Vergangenheit mit Kaliningrad beschäftigt
hatten, waren vor allem Leute, die einen rückwärtsgewandten,
nostalgischen Blick hatten. Sie waren in Königsberg geboren oder
kamen aus dem nordöstlichen Preußen. Und da gab es zwei Gruppen.
Die einen waren tatsächlich Revanchisten, die auf die Überwindung
der europäischen Ordnung nach Jalta zielten, die anderen beschäftigten
sich voller Nostalgie mit dem Verlorenen, dem Verlust der Heimat und der
Aufarbeitung der Vergangenheit, ohne die territoriale Ordnung Europas
in Frage zu stellen. Eine unserer Aufgaben als interdisziplinäre
wissenschaftliche Zeitschrift für internationale Beziehungen mit
Schwerpunkt Osteuropa war es, den Blick über die Nostalgie hinaus
zu weiten, die Perspektiven, die diese Situation bietet, zu erkennen,
und vor allem neue, nicht nur pragmatische, sondern auch andere Wege zur
Behandlung dieses Themas einzuschlagen.
Das dritte Motiv besteht darin, dass lange Zeit immer das gleiche diskutiert
wurde: Diejenigen, die in Russland über Kaliningrad reden, sind häufig
diejenigen, die es ähnlich diskutieren wie die Frage der Kurilen.
Das ist der letzte Teil der Kriegsbeute, ein Symbol, das zeigt, wer den
Zweiten Weltkrieg gewonnen hat, uns eines der letzten, das geblieben ist,
nachdem die Truppen aus der DDR und Ostmitteleuropa abgezogen wurden und
die Sowjetunion zusammenbrach. Aber das ist eine völlig antiquierte
und reduktionistische Sichtweise.
Also haben wir drei Motive für das Heft: Erstens, wir müssen
das Thema insgesamt behandeln. Zweitens, wir müssen die alten Wege,
wie man Kaliningrad erörtert, erweitern, überwinden und neue
Wege gehen. Und drittens müssen wir vor allen Dingen Aspekte behandeln,
die nirgends, weder in Russland noch in den Nachbarstaaten noch in der
EU behandelt werden.
Wie würden Sie die heutige sozial - wirtschaftliche Lage des Kaliningrader
Gebiets im Vergleich zu EU-Beitrittsländern Litauen und Polen einschätzen?
- Die genauen Zahlen kenne ich nicht, aber bei der EU-Osterweiterung
haben wir ein Spannungsverhältnis zwischen Staaten, deren Bruttoinlandsprodukt
zwischen 30 und 60 Prozent des EU-Durchschnitts ist. Und wenn man einmal
in Litauen und in Polen war, und dann nach Kaliningrad fährt, dann
sieht man, dass ein Großteil des Grenzverkehrs kleine Händler
sind, welche die Preisunterschiede bei Konsumgütern nutzen und durch
Handel ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ich nehme an, dass die sozio-ökonimische
Lage in Kaliningrad etwa nochmals um die Hälfte schwächer sein
wird, als im polnischen oder litauischen Fall.
- Hat die neue Verwaltung der sogenannten Freien Wirtschaftszone "Bernstein",
aus Ihrer Sicht reale Chancen die wirtschaftliche Lage dieser Region Russlands
zu optimieren?
- Der erste Versuch der freien Wirtschaftszone ist bekanntlich weitgehend
gescheitert. Dazu haben wir in unserem Heft den Beitrag von Stephan Stein,
in dem alle Schwächen eindeutig benannt werden. Und eine der zentralen
Schwächen ist, dass niemand genau weißt, wer ist eigentlich
zuständig ist, wer welche Kompetenzen hat. Ich befürchte, dass
in Moskau auch nicht wirklich verstanden wird, dass es vor allen Dingen
auf eine konsistente Regionalpolitik ankommt.
Es wäre innenpolitisch wichtig und richtig, auf Dezentralisierung
zu setzen, um wirtschaftliche Entscheidungen vor Ort treffen zu lassen.
Die Rezentralisierung, die heute in Russland unter Putin läuft und
sich in der Einsetzung der sieben Präsidialvertreter niederschlägt,
die dann für riesige Gebiete zuständig sind, ist der falsche
Weg. Sie verschärft die unklaren Kompetenzverteilungen. Solange dies
nicht geklärt ist, gibt es ein ganz großes Hindernis bei der
Frage "Warum soll man eigentlich in Kaliningrad investieren?" Wenn Sie
sich anschauen, was da passiert, sind es häufig nur kleine Investitionen.
- Nach Meinung einiger Experten wäre die Koexistenz der zwei Gestalten
des Kaliningrader Gebiets, Militärbasis und freie Wirtschaftszone
zu sein, grundsätzlich unmöglich. Was meinen Sie dazu?
- Das ist Ausdruck von altem Denken. Erstens, die Bedeutung des Kaliningrader
Gebiets als Militärbasis hat sich dramatisch verändert, sie
ist völlig verloren. Wer ist der Feind? Wo ist die Bedrohung? Ich
kann nicht erkennen, dass in der Ostsee eine militärische Bedrohung
gegen Russland existieren würde.
Die tatsächlichen Bedrohungen Russlands liegen eher im Lande, sie
kommen zum Teil von dramatisch kaputter Infrastruktur, ökologischen
Katastrophen oder Terrorismus, aber gegen diese Bedrohungen sind konventionelle
Truppen und große Flottenverbände sinnlos. Wenn man sich anschaut,
wie sich in den vergangenen zehn Jahren die reale militärische Dislozierung
in Kaliningrad entwickelt hat, dann ist diese Region vor allem ein Umschlagbahnhof
geworden für die Truppen, die aus Ostmitteleuropa abgezogen worden.
Aber die militärische Bedeutung Kaliningrad wird maßlos überschätzt.
Auch aus russischer militärischer Sicht.
- Es ist üblich geworden, in verschiedenen Medien, politischen Auseinandersetzungen
und politologischen Studien einen Begriff "das Kaliningrader Problem"
zu nutzen. Worin besteht Ihrer Meinung nach der Schwerpunkt dieses Problems?
- Ich glaube nicht, dass es ein Kaliningrader Problem per se gibt, sondern
es gibt ein Problem, was Russland mit diesem Teil des Landes hat, was
die Nachbarn mit Kaliningrad haben und was die Bewohner in Kaliningrad
haben.
Das sind drei ganz unterschiedliche Ebenen. Das eine kommt altes Denken
zum Ausdruck. In Russland sollten gerade Leute wie der Kaliningrad-Beauftragte
Rogozin zur Kenntnis nehmen, dass es keine politischen Kräfte in
Deutschland oder in der Europäischen Union gibt, die territoriale
Ansprüche auf das Gebiet Kaliningrad stellen. Dies ist spätestens
seit 1975, seit der Unterzeichnung der KSZE-Charta von Helsinki, aber
eigentlich vorher, nämlich seit der deutschen Ostpolitik unter Willy
Brandt geklärt und es wurde noch einmal von der konservativ-liberalen
Regierung unter Helmut Kohl mit der deutschen Einigung auch völkerrechtlich
fixiert. In Russland behaupten national-chauvinistische und manchmal geradezu
imperial argumentierende Kreise, zu denen ich Herrn Rogozins "Rodina"
zähle, mitunter das Gegenteil. Das ist völlig absurd.
Worum es geht, ist etwas anderes: Es geht um eine Angleichung des Lebensstandards
in Kaliningrad und in Russland, in den Grenzgebieten an der Umgebung in
Litauen und Polen. Ich persönlich glaube, dass große wirtschaftliche
Unterschiede zwischen den EU-Ländern und Nachbarländern politisch
eine schwierige Situation sind, weil dadurch soziale Konflikte und ökonomische
Disparitäten ganz objektiv auftauchen.
Und das Problem aus russischer Sicht ist einfach, dass sich Russland
mit einem Dilemma konfrontiert sieht. Auf der einen Seite möchte
man Kaliningrad enger an Russland anbinden. Doch wie? Die eine Gefahr
besteht darin, dass wenn man Kaliningrad vernachlässigt, wird das
EU-Umfeld attraktiver und Kaliningrad driftet aufgrund der Verarmung und
weil die Leute sagen "Was soll ich hier?" ab. Entwickelt sich Kaliningrad
stärker ökonomisch, gibt es ebenfalls Leute in Russland, in
Moskau, die sagen: "Ja, damit driftet Kaliningrad Richtung EU ab!" Eine
Antwort auf dieses Dilemma war in Moskau die ganze Zeit, nichts zu tun.
Das geht nun nicht mehr.
Bis heute gibt es keine vernünftige regionale Kaliningrad-Politik
in Moskau. Aber das ist keine Besonderheit Kaliningrads. Moskau vernachlässigt
real alle Provinzen. Eine regionale Politik zu entwickeln, hat in den
vergangenen Jahren keinen interessiert.
Dieses Dilemma aufzuheben ist sehr wichtig. Die politischen Kreise in
Moskau, die sich mit diesem Problem beschäftigen, müssen verstehen,
dass die Einbindung in wirtschaftliche Kooperation Wohlstand mehrt und
Kaliningrad stärker an das Mutterland anbindet, weil dadurch die
Gründe für Abwanderung, kleinen Grenzverkehr usw. wegfallen.
Ein großes Problem ist schlicht und einfach die schlechte sozio-ökonimische
Lage in Kaliningrad. In dem Augenblick, in dem sich die Leute da besser
fühlen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich mit Russland
identifizieren, zufriedener und politisch stärker werden. Das ist
das Kernanliegen, worum es geht. Zweitens sollte man nach der EU-Osterweiterung
nicht so tun, als wäre damit Europa hergestellt. Europa ist mehr
als die EU. Es kann nicht sein, dass wir die Veränderung in Europa
nur darin sehen, dass sich die EU jetzt um 1600 Kilometer weiter nach
Osten ausgedehnt hat. Das ist nicht die Antwort auf die Herausforderungen,
die mit der Überwindung vom West-Ost-Konflikt gelöst werden
müssen.
- Was meinen Sie zu dem Anliegen gewisser deutschen Organisationen, diese
Region Russlands wirtschaftlich zu Deutschland rückkehren?
- Dummes Zeug. Es gibt praktisch niemand Vernünftigen, der so etwas
fordert. Wenn Sie sich hier in Deutschland umhören, fällt Ihnen
auf, dass die Diskussionen über die Vertreibung sehr unterschiedlich
geführt werden. Es gibt die Vertriebenenorganisationen. Hier spielt
Kaliningrad eine relativ untergeordnete Rolle. Die Vertreibungsdiskussion
rund um die Sudetendeutschen und die Tschechische Republik wird politisch
viel schwieriger behandelt, weil einige deutsche Politiker sich auch zum
Sprachrohr von Vertriebeneninteressen gegenüber Tschechien machen.
Mit dem ehemaligen nördlichen Ostpreußen sieht es ganz anders
aus. Sie finden keinen einzigen ernstzunehmenden Politiker oder Wirtschaftsvertreter,
der die von Ihnen genannte Position tatsächlich vertreten würde.
Das ist der Ausdruck von einer völlig falscher und einer verzerrten
Wahrnehmung.
Es gibt aber in Deutschland kleine Splittergruppen, die das anders sehen,
aber sie sind absolut irrelevant. Alle anderen, die sich um wirtschaftliche
Förderung, um die Förderung von Zivilgesellschaft oder um die
kulturellen Projekte in Kaliningrad kümmern, ob das die deutschen
Stiftungen sind oder Organisationen, haben von Anfang an allen klar gemacht:
Die Überwindung des Ost-West-Konflikts und der Feindschaft ist das
Kernanliegen, und dazu brauchen wir Versöhnung. Das war der Grund,
warum die Marion Gräfin Dönhoff beispielsweise in den 70er Jahren
die Ostpolitik letztendlich unterstützte, während sie vorher
sehr skeptisch gegenüber der Anerkennung der eigenen Vertreibung
und dem Verlust ihrer Heimat war. Und auch die Menschen, die sich individuell
heute in und für Kaliningrad engagieren, sind in der Regel frei von
wirtschaftsrevanchistischen Ansprüchen.
- Die Insel Russlands innerhalb der EU – ist diese Erscheinung eine
vorläufige oder könnte sie eine ewige, das heißt
langfristige Sorge von EU und Russland werden?
- Es gibt keine Antwort auf eine derartige Frage. Wer vor fünfzehn
Jahren gesagt hätte, dass die baltischen Staaten Mitglieder in der
NATO würden, wäre sofort in eine psychiatrische Klinik eingeliefert
worden. Und umgekehrt: Niemand hat vor acht Jahren vermutet, dass Russland
sehr schnell wieder auf dem Weg zu einem Ein- bis Anderthalbparteiensystem
sein kann. Hier merkt man, wie sich Zeithorizonte ganz schnell erändern
können.
Dies hängt unmittelbar von der politischen Entwicklung in Europa
ab. Ich weiß nicht, warum die Existenz von Kaliningrad eben ein
Problem sein sollte. Es gibt mehrere Inseln in der Europäischen Union:
Vatikan, Liechtenstein zum Beispiel. Ich kann nicht erkennen, dass sie
ein Problem darstellen.
Deswegen gibt es das „Kaliningrad-Problem" als solches überhaupt
nicht. Es gibt das Problem, dass die Menschen sich bewegen wollen, dass
sie Geld verdienen wollen, dass die wirtschaftliche Lage besser werden
muss, dass die Landwirtschaft in bessere Bedingungen kommen muss. Ostpreußen
war vor dem Zweiten Weltkrieg eines der am besten bewirtschafteten Landwirtschaftsgebiete
in Europa. Es ist heute die traurige Entwicklung zu sehen, dass die Landwirtschaft
kaputt ist, dass die ausgefeilte Meliorationstechnik zerstört wurde.
Das sind die großen Verluste, die einfach überwunden werden
müssen. – im Interesse der Menschen, die dort leben
Das sogenannte Insel-Problem ist die rein ideologische Wahrnehmung der
Welt. Alles hängt hier immer davon ab, wie die Leute mit diesen Fragen
umgehen.
- Für wie real halten Sie die Perspektive eines visafreien Verkehrs
zwischen Russland und den Schengener Staaten, wie es der russische Präsident
als "nachdrücklicher Wunsch" erklärt hatte?
- Solange das Außen- oder Innenministerium relevantes Geld durch
den Verkauf der Visa beziehen, gibt es ganz starken administrativen Widerstand
gegen diese Erklärung. Ich halte es für fatal, dass die Visabedingungen
zwischen den EU-Staaten und Russland in den letzten Jahren immer weiter
verschärft worden sind. Die sind immer schwieriger geworden, durch
höhere Preise, Bürokratisierung auf beiden Seiten...
Es wäre nötig, dass man in diese Richtung der Visafreiheit
denkt, aber ich halte es momentan für wenig wahrscheinlich, dass
sie tatsächlich kommt: In Russland aus wirtschaftlichen und bürokratischen
Gründen, in den Schengener Staaten aufgrund der Schengener Regelungen
und der bis heute nicht überwundenen Angst der öffentlichen
Meinung, dass damit eine größere Migration ausgelöst würde.
Aber das letztere ist Nonsens, einfach Quatsch. Man hatte schon so eine
Panik, dass die Osterweiterung der EU zu massiven Wanderungen von Menschen
aus Tschechien und Polen führen würde. Das ist genauso populistischer
Quatsch, wie in den 70er Jahren erzählt wurde, dass alle Portugiesen,
Griechen und Spanier nach Zentraleuropa einwandern können. Aber es
gab damit überhaupt kein Problem.
- Wie objektiv stellen die deutschen und russischen Massenmedien dieses
Problem dar? Sind öffentliche Berichterstattungen einfach zu einseitig
und die Darstellung dieses Problems ist vereinfachtet?
- Nein, aber viele relevante Aspekte, die wir zum Beispiel, in unserem
Heft behandelt haben, werden in der Öffentlichkeit nicht diskutiert,
weil sie zu speziell sind. Einige zentrale Probleme sind das Zusammenwachsen
Europas, die Energieversorgung, Verkehr. Wenn man sieht, wie isoliert
Kaliningrad ist, das ist es geradezu lächerlich, über ein gemeinsames
Europäisches Haus oder das Zusammenwachsen von Europa zu reden. Denn
ist es einfacher von Berlin nach Singapur als von Berlin nach Kaliningrad
zu kommen.
Wir haben hier auf beiden Seiten die Themenfelder, Politikfelder, die
ganz unideologisch sind. Aber sie sind so wichtig für die Entwicklung
eines gemeinsamen europäischen Raumes, dass wir uns diese Felder
vornehmen und ganz systematisch ein Politikfeld nach dem anderen analysieren
müssen.
Wir haben uns im Heft angeschaut, was passiert auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen
Entwicklung, wie ist die Energieversorgung von Kaliningrad, wenn Kaliningrad
heute einen größten Teil seines Strombedarfs aus dem litauischen
Atomkraftwerk Ignalina bekommt. Aber mit der EU-Osterweiterung wird Ignalina
abgeschaltet, wegen der scharfen Sicherheitsabforderungen der Europäischen
Union.
Das sind unsere wissenschaftlichen Analysen, und da haben wir nicht nur
über das ewig gleiche Problem gesprochen, das dann im Vorfeld der
Zuspitzung des potenziellen Konfliktes diskutiert wurde, nämlich
die Transitfrage. Sondern wir müssen den engen Blickpunkt auf dieses
Transitproblem erweitern und ganz breit die relevanten Fragen erörtern.
Für uns ist es immer wichtig, dass wir gleichzeitig neben den internationalen
Beziehungen und der internationalen Politik auch eine historische und
eine kulturelle Dimension in unserer Arbeit haben. Zum Beispiel haben
wir einen Beitrag von Tomas Venclova über das Thema "Königsberg
in der russischen Literatur". Das ist großartiger Beitrag, ein phantastischer
Zugang von einem Litauer, der in Amerika lebt und aus einer weiten Perspektive
auf das Problem schaut, brillant die russische Literatur beherrscht und
persönlich mit Iosif Brodskij befreundet war. Er zeigt wunderbar
die Vielfalt der Kooperationschancen auf kulturellem Gebiet auf. Das ist
nirgends sonst sowohl in deutscher Wissenschaft als auch in Publizistik
zu finden.
- Meine letztere Frage scheint wohl banal zu sein, aber ich erhalte immer
wieder ganz unterschiedliche Antworten: Meinen Sie, dass Beitritt Russlands
der EU überhaupt möglich ist? Warum ja oder nein?
- Das ist die gleiche Frage, wie die zu der Insel. Wenn wir über
dieses oder das nächste Jahr reden, dann natürlich – nein. Es
ist völlig klar, weil weder Russland das will und kann noch dazu
in der Lage ist, noch die EU das will und kann. Aber alle anderen Argumente
sind auf den ideologischen Gehalt zu überprüfen.
Man kann sich selbstverständlich vorstellen, dass in fünfzig
oder hundert Jahren ein großes Europa existieren wird, das dann
aber nichts mehr mit der institutionellen Struktur der EU von heute zu
tun hat. Aber man kann logisch nicht ausschließen, dass die Demokratisierung
und wirtschaftliche Entwicklung eines Landes so schnell geht, dass selbstverständlich
die Verbindung mit anderen wirtschaftlich entwickelten oder demokratischen
Staaten nicht nur möglich ist, sondern sich sogar aufdrängt.
Nehmen Sie als Beispiel Deutschland mit dem Nationalsozialismus, den grausamen
Verbrechen, Massenvernichtungen, dem Holocaust. An all dem waren hunderttausende,
Millionen als Mitläufer oder Täter beteiligt. Trotzdem ist es
gelungen, eine stabile Demokratie entstanden ist. Oder nehmen wir Japan...
Warum sollen andere politische Systeme wie das in Russland nicht zur
Demokratisierung, nicht zur Verrechtlichung von Beziehungen kommen? Beide
Optionen sind möglich. Langfristig setzt das allerdings voraus, dass
sich in Russland ein anderes Verständnis von den Globalisierungsprozessen
durchsetzt, die weltweit stattfinden. Ich befürchte, dass in Russland
momentan wieder eine Form von Denken die Übermacht gewonnen hat,
in der etwas wie Integration als Konzept gar nicht vorkommt. Der Kern
dessen, was Integration bedeutet, ist der Verzicht auf bestimmte Aspekte
nationaler Souveränität. Aber es gibt viele russische Politiker,
denen das völlig fremd sind, sie kennen sich es nicht aus aufgrund
anderer Traditionen, aufgrund anderen Denkens.
Ich glaube auch, dass es in Russland bis heute eine weitverbreitete Unkenntnis
gibt, was eigentlich die Europäische Union ist. In der politischen
Elite, im Außenministerium, auch im Kreml, in der Präsidialverwaltung
gibt es noch immer kein klares Bild davon, dass Brüssel, die Kommission
in vielen Bereichen mittlerweile viel wichtiger ist, als die bilateralen
Beziehungen zu Berlin, zu Paris, zu London. Und das bedeutet, dass in
dieser Hinsicht sehr anders gedacht werden muss.
Aber auch aus westeuropäischer Sicht ist viel zu tun. Ich glaube,
es gibt zwei Länder, an denen man aus westeuropäischer Sicht
sehen kann, wie erst es den Politikern und der Öffentlichkeit mit
der eigenen Logik der EU ist. Das eine Land ist Türkei, das andere
ist Russland.
In den Grundlagen für die EU in der Kopenhagener Erklärung
1993 steht klar, was die Bedingungen dafür sind, Mitglied der EU
zu werden. Es muss sich um einen demokratische, wirtschaftlich entwickelten
Rechtsstaat handeln, der imstande ist, den ökonomischen Wettbewerbsdruck
auszuhalten, dessen Normen und Rechte der EU angeglichen sind und so anderes.
Aber ob ein Staat zum Beispiel überwiegend muslimisch sein sollte
oder nicht, steht nicht drin. Das heißt in dem Augenblick aus der
rein funktionalen Begründung, wenn man es auf die Rechte zurückführt,
dann ist es in der Hand der Türken, alles zu tun, um dieses Niveau
zu erreichen. Wenn die Türkei ein stabiler demokratischer Rechtsstaat
ist, der mit den Minderheiten ordentlich umgeht, wirtschaftlich entwickelt
ist, dann ist es eine Diskussion, die nach diesen Prinzipien entschieden
werden muss.
Und genau die gleiche Diskussion mit Russland. Aber hier gibt es eine
andere Situation: Russland strebt nicht in die EU. Weder auf der Seite
Brüssels, noch auf der Seite Moskau gibt es irgendeine Erklärung
in diese Richtung. Russland hat in der Mittelfristigen Strategie für
die Beziehungen zur EU explizit ausgeschlossen, Mitglied der EU zu werden.
Russland will nicht integriert werden, sondern integrieren. Und Russland
ist auf dem Status, zu dem es sich heute in Wirtschaft und Gesellschaft
bewegt, auch kaum in der Lage, diese unglaublich bürokratisierte
und anspruchsvolle, mit Standards und Normen durchzogene, Europäische
Union zu übernehmen.
Aber wie das in 40 oder 50 Jahren aussieht, ist es eine völlig offene
Frage. Vielleicht gibt es bis dann die Europäische Union nicht mehr,
weil sie zusammengebrochen ist. So wie die Sowjetunion. Auch das ist theoretisch
möglich.
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