DER GORDISCHE KNOTEN von KÖNIGSBERG
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- Kaliningrader Problem.
2002 - Wostok
- Dr. Wladimir Miljutenko, Journalist, Moskau.
Nur mit Visum aus Rußland nach Rußland?
Ob Präsident, Diplomat, Parlamentsabgeordneter, Regionalpolitiker
oder der kleine Mann auf der Straße - die Diskussion um die Zukunft
Kaliningrads ist in Rußland allgegenwärtig. Radio, Fernsehen
und Presse haben das Thema aufgegriffen und in die ersten Nachrichtenblökke
und auf die ersten Seiten gebracht und so die Öffentlichkeit alarmiert.
Nun ist der "Russische Bär" los.
Die Situation schreit geradezu nach klärenden, durchgreifenden
Maßnahmen. Ab 1. Januar 2003 führt Litauen die Visapflicht
für den Transit aus Rußland nach Kaliningrad respektive aus
der Exklave ins "Mutterland" ein. Ab dem 1. Juli zieht dann Polen nach.
Damit wird das Problem der 1,3 Millionen Einwohner Kaliningrads zum Problem
für 140 Millionen russische Bürger. Und nicht nur für diese.
Wenn man nicht rechtzeitig, dabei gerecht und mit Rücksicht auf
alle Nachbarn der russischen Exklave handelt, verlieren in den angrenzenden
Gebieten Polens nach unterschiedlichen Schätzungen etwa 50000 Menschen
ihren Arbeitsplatz. Außerdem werden sich die russisch-litauischen
und die russisch-polnischen Gemeinschaftsunternehmen, die in ihrer Tätigkeit
unmittelbar auf den Warentransit angewiesen sind (in jedem Land sind dies
rund 500!), fieberhaft den neuen Bedingungen anpassen müssen. Statistisch
gesehen reisen Polen und Litauer viermal öfter nach Kaliningrad als
die Exklavebewohner zu ihnen.
Im November dieses Jahres soll nun während des geplanten Rußland-EU-Gipfels
eine endgültige Lösung für dieses Problem gefunden und
verabschiedet werden. Doch von westlicher Seite ist bisher nur ein Vorschlag
der EU-Kommission auf dem Tisch, und der läßt wenig Raum für
Optimismus. Danach würde den Kaliningradern ein exklusiver Status
samt besonderer Reiserechte eingeräumt, nicht aber allen anderen
Russen. Die Kaliningrader würden für die Reise nach "Groß"-Rußland
in einem vereinfachten Verfahren besondere verbilligte Visa ausgestellt
bekommen, während jemand, der aus irgendeinem anderen Ort der Russischen
Föderation in diesen Teil des ehemaligen Ostpreußens reisen
möchte, ein normales EU-Visum beantragen muß.
Diese Idee ist für Rußland nicht akzeptabel - und dafür
gibt es triftige Gründe.
Erstens kann Rußland eine De-facto-Teilung seines souveränen
Staatsgebietes hinsichtlich der Reisefreiheit für alle Bürger,
inklusive der von Kaliningrad, nicht zulassen. Schließlich würde
damit das in der Verfassung garantierte Grundrecht auf Reisefreiheit innerhalb
der Föderation verletzt.
* Ab Januar 2003 führt Litauen, ab Juli 2003 Polen
die Visumspflicht für russische Bürger ein. Für die Bewohner
der russischen Exklave Kaliningrad will man besondere Regelungen finden.
Diskutiert wird über verbilligte Visa, auch Mehrfachvisa, über
besondere Paßeinlagen oder Magnetkarten. Für Rußland
ist eine solche "Zweiklassen"-Behandlung seiner Bürger nicht akzeptabel.
Moskau erwartet zu Recht, daß eine umfassende und praktikable Lösung
gefunden wird, die eine Ungleichbehandlung seiner Bürger ausschließt.
Aber die Zeit drängt, und vor dem im November anstehenden Rußland-EU-Gipfel
ist man von einer Lösung weit entfernt.
* Polen und Litauen werden im nächsten Jahr
eine Visapflicht für Russische Bürger einführen. Für
die Bewohner des Kaliningrader Gebiets sollen Sonderregelungen gefunden
werden. Nach Ansicht Rußlands wird damit das freie Reiserecht innerhalb
Rußlands mißachtet.
Würde der Vorschlag der EU russischerseits angenommen, so würde
dies alle Reisen Richtung Kaliningrad für russische Bürger erschweren
und vor allem natürlich verteuern. So kann sich zum Beispiel heute
ein Rentner aus Smolensk, dessen Familie in Kaliningrad lebt, einfach
mit seinem normalen Ausweis in den Zug setzen und in die Kant-Stadt fahren.
Sollte jedoch die Visumspflicht eingeführt werden, scheint es wenig
wahrscheinlich, daß ein flächendeckendes Netz konsularischer
Vertretungen in der ganzen Russischen Föderation eingerichtet wird.
Dies bedeutet, daß der Bürger aus Smolensk erst einmal nach
Moskau fahren muß, um dort nach einigen Tagen des Wartens und Anstehens
sein Visum zu erhalten, dann muß er zurück nach Smolensk fahren
und erst dann kann er nach Kaliningrad reisen. Denkt man die niedrigen
Renten in Rußland, so werden die geplanten Gebühren für
das Visum quasi zu einem Sperrzoll. Zudem würde das Konsulat Litauens
mit Anträgen überflutet. Schätzungen gehen von bis zu 1200
Anträgen täglich aus.
Drittens sind die Kompromißlösungen des Schengener Vertrages,
mit denen man auch eine allgemeine Visapflicht mit Rußland ersetzen
könnte, bei uns bestens bekannt. Da gibt es beispielsweise zwanzig
Länder, die in Schengen nicht unterzeichnet haben, und dennoch genießen
ihre Bürger für maximal zwei Monate freie Einreise in die Schengener
Staaten (eine Arbeitsgenehmigung erhalten sie jedoch nicht). Darunter
sind Nicaragua, Salvador und Guatemala. Auch für Israel und Rumänien
gelten jeweils gesonderte Regelungen. Andorra und San Marino fühlen
sich in Europa gut aufgehoben, und die Schweiz, die kein EU-Mitglied ist,
hat durch bilaterale Verträge mit den EU-Mitgliedsländern für
ihre Bürger freies Reiserecht in Europa erwirkt. Da müssen sich
die Russen doch fragen, was sie zu schlechteren Menschen macht.
Viertens ist Rußland der Meinung, daß der freie Transit
für die Versorgung der in Kaliningrad stationierten Militärs,
die für das Land wichtige strategische Punkte kontrollieren, absolut
notwendig ist.
Und fünftens schließlich hat Rußland bereits mit vereinzelten
Fällen von Separatismus im Gebiet Kaliningrad zu kämpfen. Für
Ende 2002 plant die Baltische Republikanische Partei ein Referendum über
die folgende Frage: Sind Sie der Meinung, daß das Gebiet Kaliningrad
ein eigenständiger Staat werden soll? Es werden sogar schon mögliche
Namen für dieses neue Subjekt des internationalen Rechts diskutiert
- so zum Beispiel "Baltische Republik" oder "Bernsteinmark", das wäre
russisch "Jantarnii Krai" - mit der Hauptstadt Königsberg.
Derlei Stimmungen werden natürlich durch die in der EU populäre
Idee, Kaliningrad zu einem selbständigen Subjekt des internationalen
Rechts zu machen, zusätzlich geschürt. Auf diese Weise wären
die Kaliningrader nicht mehr die "fünfte Kolonne" innerhalb Europas,
so heißt es. Und die EU könnte Kaliningrad endlich direkt helfen
- das heißt ohne den Umweg über Moskau, das in bezug auf die
Verteilung von Finanzmitteln bei den EU-Beamten seit jeher einen eher
zweifelhaften Ruf genießt. Der Westen verfolgt in der Tat aufmerksam
alles, was mit der "Selbstbestimmung" der Kaliningrader Bürger zu
tun hat.
Rußland und Europa müssen nun diesen harten Knoten lösen,
um folgende wichtige Frage zu beantworten: Wie kann man die Effektivität
der Schengener Verträge mit der Menschenwürde der russischen
Bürger vereinbaren?
Erst vor kurzem hat Europa etwas erstaunt aus dem Munde des französischen
Präsidenten Jacques Chirac vernommen, daß nicht die Einführung
der Visapflicht die Lösung sein dürfe, sondern es vielmehr eine
Alternative dazu geben müsse. Es müßten nur die entsprechenden
technischen Regelungen dafür gefunden werden. Die Behörden Litauens
sind beispielsweise der Meinung, daß man spezielle Magnetkarten
ausgeben könnte. Auch wird über kostenlose Mehrfachtransitvisa
nachgedacht, die für einen Zeitraum von fünf Jahren ausgestellt
werden. Allerdings - auch diese Vorschläge gelten nur für Kaliningrader,
nicht aber für alle Russen.
Auch Präsident Wladimir Putin hat Ideen. Die einfachste Lösung,
so der russische Präsident, könnte ein System sein, wie es ab
Mitte der 70er Jahre zwischen Westberlin und der Bundesrepublik funktionierte.
Damals wurden für den Gütertransport zwischen der Bundesrepublik
und Berlin (West) plombierte Container eingesetzt. Die Passagiere saßen
in durchgehenden Zügen beziehungsweise Bussen, die zwischen der Grenze
und Westberlin nur an festgelegten Stellen einen Stopp einlegten. Wer
mit dem Pkw reiste, nutzte festgelegte Straßen beziehungsweise Autobahnen,
die nicht verlassen werden durften. Warum sollte eine solche Lösung
nicht für das Kaliningrader Gebiet gefunden werden können? Diese
Position scheint in Europa niemand wahrnehmen zu wollen.
Vor einigen Wochen hat Wladimir Putin den Vorschlag über den Einschluß
Rußlands in das Schengen-Abkommen vorgelegt - dabei nicht nur für
die Kaliningrader, sondern für alle Bürger der Russischen Föderation.
Der Vorschlag ist sicherlich ambitioniert, er scheint aber wenig real
zu sein.
Natürlich kann Rußland die Sorgen des Westens nicht ignorieren.
Es ist ja nicht so, daß die EU durch die neu hinzugekommenen Staaten
den Transit zwischen der Exklave und dem restlichen Rußland kontrollieren,
sondern vor allem den Verkehr von Ausländern durch Polen und Litauen
regeln will. Denn als größte Gefahr für die Grundprinzipien
der europäischen Länder gilt ihnen die illegale Einwanderung,
vor der es sich zu schützen gilt.
Beim letzten EU-Gipfel in Sevilla wurde deshalb auch ohne Umschweife
verkündet, daß man im Jahre 2002 in der Bundesrepublik Deutschland
mit einer halben Million zugewanderter "unerwünschter Elemente" rechnen
müsse, sollten die Kontrollstellen an den Autobahnen, den Bahnhöfen
sowie den Flug- und Seehäfen weiterhin nicht genutzt werden. Man
geht davon aus, daß etwa die Hälfte der unerwünschten
Zuwanderer versuchen werde, in Deutschland zu bleiben. Dabei weiß
man, daß im Jahre 2001 in der Bundesrepublik eine halbe Million
Arbeitsplätze abgebaut wurde. Das Verschieben von "billigen Arbeitskräften"
ist zu einem profitablen Geschäft geworden, das vor allem durch Polen
und Kaliningrad abgewickelt und von der organisierten Kriminalität
kontrolliert wird.
Ebenfalls stören sich die Europäer daran, daß die kriminelle
Wirtschaft ihre Hände tief im Gebrauchtwagen-, Alkohol- und Zigarettenhandel
stecken hat.
Die Träume von einem "europäischen Hongkong" - dieser Begriff
fiel im Zusammenhang mit der Entwicklung Kaliningrads - werden sich wohl
nicht allzu bald erfüllen. Die westeuropäischen Pläne,
man solle Kaliningrad in "freie Fahrt" entlassen, würden den Startschuß
für den Zerfall der Russischen Föderation geben. Nicht umsonst
hat der Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow in Kaliningrad eigenhändig
den Grundstein für ein neues Wohnhaus der Angehörigen der Seestreitkräfte
gelegt - dieses Gebiet wird Rußland niemals jemandem abgeben.
Doch auch Rußland muß sich auf der Suche nach Kompromissen
bewegen. Viele Militärangehörige müssen jetzt schnell mit
Reisepässen versorgt werden. Da ohnehin alle Russen gerade ihre alten
sowjetischen Pässe gegen die neuen russischen umtauschen müssen,
könnte man diese Ausweise bereits für den visafreien Transit
nutzen. Würde man in den Eisenbahntickets obligatorisch die Paßnummer
eintragen, wäre ein jeder Reisende leicht zu identifizieren. In jeden
Fall müssen den in Europa geltenden Standards entsprechende maschinenlesbare
Dokumente eingeführt werden, ob dies nun besondere Paßeinlagen
oder Plastikidentitätskarten sind.
Ohne die Regelung einiger wichtiger sozialer und wirtschaftlicher Fragen
wird man schon gar nicht weiterkommen. Premierminister Michail Kassjanow
hat angeordnet, daß bis zum Herbstbeginn alle russischen Minister
das Gebiet Kaliningrad besucht haben müssen. In zwei Jahren soll
in Kaliningrad das zweite Elektrizitätswerk fertig sein, die neue
Fährlinie von Kaliningrad nach St. Petersburg ist bereits in Betrieb.
Und ab 2005 soll eine weitere Fährverbindung nach St. Petersburg
den Betrieb eröffnen.
Das Schicksal des Kaliningrader Gebiets ist für Rußland von
äußerster Wichtigkeit. Für die Russen geht es hierbei
um die Zukunft ihres Landes. Und das ist keinesfalls eine Frage von Logistik,
sondern eine Frage des Prinzips. Es ist nach dem Mauerfall die nächste
historische Wahl, die es zu treffen gilt. Man möchte nicht weiterhin
die Monster-Enklave innerhalb der zivilisierten Welt sein. Man träumt
davon, daß auch Europa für die russische Exklave nicht weiterhin
"Ausland" bleiben wird.
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Original bei der Zeitschrift "WOSTOK" >>>
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