DER GORDISCHE KNOTEN von KÖNIGSBERG
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Königsberg, Kaliningrader Medien, Beiträge zum Königsberger
- Kaliningrader Problem.
Kaliningrad als Gradmesser
der EU-Russland-Beziehungen
(ap) Das Moskauer Gipfeltreffen EU-Russland Ende Mai brachte
zwar einige wichtige positive Resultate auf wirtschaftlichem Gebiet wie
die Anerkennung Russlands als Staat mit einem marktwirtschaftlichen System,
doch wurde es von der Kaliningrad-Problematik überschattet.
Putin hat selbst in der Frage des Transits zwischen der künftigen
EU-Enklave Kaliningrad und der Russischen Föderation eine Drohkulisse
aufgebaut, indem er die Fortsetzung der Partnerschaft mit der EU von der
Lösung des Visumproblems für seine Landsleute abhängig
machte.
Schon heute verwehren EU-Konsulate 20-30 Prozent der russischen Antragsteller
die Visumerteilung in die Schengener Staaten. 60 Prozent der Einwohner
Kaliningrads haben keine gültigen Auslandspässe. Die russische
Seite befürchtet, dass, ohne eine flexible Visumregelung, sich das
Gebiet Kaliningrad vom Mutterland abkoppeln und unter eine Ober-hoheit
der EU-Bürokraten in Brüssel geraten würde. Moskau fordert
von der EU einen Korridor durch Litauen oder eine Transitlösung,
wie sie im Kalten Krieg für Westberlin bestanden hatte. Bisher wurde
beides von Brüssel abgelehnt. In Russland werden Stimmen laut, die
von Putin eine Demonstration der militärischen Stärke gegenüber
der EU fordern.
III. Sitzung des DGAP-Arbeitskreises Kaliningrad
Vor dem Hintergrund der Zuspitzung der Kaliningrad-Problematik tagte
am 17. Mai 2002 in der DGAP der Arbeitskreis Kaliningrad unter Leitung
von Ottokar Hahn und Alexander Rahr. An der Sitzung nahmen Vertreter der
Bundesregierung, der Kommunen, der Wirtschaft und Experten teil.
Die Diskussion befasste sich vor allem mit dem aktuellen Stand der Beziehungen
zwischen der EU und Russland/Kaliningrader Gebiet, dem wirtschaftlichen
Engagement einzelner westlicher Unternehmen in Kaliningrad, der Städtepartnerschaft
zwischen Berlin-Lichtenberg/ Hohenschönhausen und Kaliningrad sowie
dem Problem der Verkehrsanbindungen des Gebietes und des Grenzverkehrs.
Ottokar Hahn berichtete über die Ergebnisse einer Sondersitzung des
Kooperationsausschusses EU-Russland am 15. Mai in Kaliningrad, die in
dem EU-Papier "EU-Russia Relations - Special Meeting in Kaliningrad"
auf der Webseite www.europa.eu.int/comm/external_relations eingesehen
werden können.
Das Europa-Parlament forderte in einem eigenen, fraktionsübergreifenden
Papier die EU-Kommission auf, mehr Engagement in Kaliningrad zu zeigen,
auf wirtschaftlichem Gebiet mehr Unterstützung zu geben, zum Aufbau
einer funktionierenden sozialen Struktur beizutragen und eine EU-Mission
in Kaliningrad einzurichten. Angeregt wurden gemeinsame Finanzierungsprojekte
der EU und Russlands.
Die EU hat der Region in den letzten 10 Jahren 40 Millionen Euro in Form
von TACIS-Mitteln bereitgestellt, Moskau hat jetzt nachgezogen und denselben
Betrag aus dem Staatshaushalt für den wirtschaftlichen Wiederaufbau
des Gebietes aufgebracht. Seit 1995 hat Kaliningrad 14 EU-Projekte mit
einem Gesamtvolumen von 5 Millionen Euro in Anspruch genommen und beteiligt
sich an weiteren 18 Projekten, die von Dänemark finanziert werden
(2,3 Millionen Euro), und 10 Projekten schwedischen Ursprungs (1,8 Millionen
Euro).
Doch die Mehrzahl der Teilnehmer des Arbeitskreises sah eine künftige
Zusammenarbeit der EU mit Moskauer Stellen als höchst problematisch
an. In Kaliningrad gebe es keine Anlaufstellen für Kleinprojekte,
die Koordination zwischen Moskau und Kaliningrad sei schlecht, Moskau
beanspruche die alleinige Kontrolle über die EU-Mittel für Kaliningrad.
Moskau müsste dringend einen Koordinator für die Beziehungen
zwischen Kaliningrad und Brüssel benennen, denn der EU fehle derzeit
ein zentraler Ansprechpartner. Manchmal habe es den Anschein, als ob die
Kommunikation zwischen der Gebietsadministration in Kaliningrad, der Verwaltung
des Föderalen Bezirks Nord-West in Sankt Petersburg und der Moskauer
Zentrale nicht stimme.
Nichts desto trotz ist ein Wachstum an Investitionen in das Gebiet Kaliningrad
zu verzeichnen. Man kann von einem Anstieg des Außenhandels, des
Güterumschlags und der Produktion sprechen, das für Russland
überdurchschnittlich ist. Gleichzeitig droht dem Gebiet Kaliningrad
die Insolvenz, sollten akute finanzielle Engpässe nicht beseitigt
sowie ein hoher Kredit der Dresdner Bank nicht getilgt werden.
Auch die soziale Lage verbessert sich kaum; der Durchschnittslohn liegt
bei 100 Euro. Jeder fünfte Einwohner bezieht seinen Lohn aus dem
Militärdienst. Es herrscht Arbeitslosigkeit. Die alte sowjetische
Infrastruktur muss dringend modernisiert werden.
Russland sieht die wirtschaftliche Zukunft seiner Exklave Kaliningrad
im Transit von russischen Energieträgern nach Europa. Führende
russische Ölkonzerne planen im September 2002 eine internationale
Konferenz zur Frage der Energieallianz EU-Russland in Kaliningrad durchzuführen,
an der auch die EU-Kommission teilnehmen soll.
Der Gesprächskreis behandelte auch praktische Fragen der Wirtschaftskooperation.
Im Gebiet Kaliningrad sind 1266 Unternehmen mit ausländischer Beteiligung
registriert, dort gibt es 85 Filialen und 20 Vertretungen ausländischer
Firmen. In den Bereichen Verkehr, Wohnungsbau und Katastrophenschutz existieren
gemeinsame Wirtschaftsprojekte. Die Firma Alcatel Deutschland arbeitet
erfolgreich in der Region, unter anderem bei der Verlegung einer Unterwasserkabelverbindung
von Kaliningrad nach Sankt Petersburg.
Deutsche Unternehmer klagen jedoch darüber, dass beim russischen
Zoll und bei der Kaliningrader Gebietsadministration Investoren weiterhin
wie Melkkühe behandelt würden und dass Bestechung in diesen
Institutionen auf der Tagesordnung sei. Weitaus besser läuft der
Kulturaustausch.
Der Bürgermeister von Berlin-Lichtenberg/ Hohenschönhausen
berichtete über ein Treffen im Mai in Kaliningrad, der Partnerstadt
seines Bezirkes, an dem neben Vertretern aus Politik und Kultur, 30 Berliner
Unternehmer teilnahmen. Doch auch beim Kulturdialog scheint die offizielle
russische Seite nur auf Initiativen und Gelder aus Deutschland zu warten.
Als letzter großer Themenkomplex wurde auf der Sitzung das Problem
des Grenzverkehrs behandelt. Heftige Kritik wurde an der polnischen Seite
geübt, die scheinbar die Grenzabfertigung absichtlich erschwert,
um in Brüssel Punkte zu sammeln. Vorschläge zielten darauf ab,
eine internationale Zollkommission, bestehend aus Polen, Russland, Belarus
und Litauen zu bilden, die in Zukunft die Zollsicherung an der Grenze
zu Kaliningrad gemeinsam durchführen sollte.
Trotz der Tatsache, dass sich die EU im Rahmen ihrer Initiative "Nördliche
Dimension" seit 1998 eingehend mit der Verbesserung der Infrastruktur
des Kaliningrader Gebietes auseinandersetzte, sind bisher Fortschritte
kaum zu verzeichnen. Im Juni 2002 sollte in Finnland eine internationale
Konferenz zum Thema Kaliningrader Hafen stattfinden, die jedoch nicht
bei allen Ländern des Ostseerates die nötige Aufmerksamkeit
fand.
Die EU prüft gerade ein beantragtes Projekt zum Ausbau des Kaliningrader
Hafens, das eine Vernetzung von Schifffahrt, Flugverkehr und Industrieanlagen
vorsieht. Ausgesprochen schlecht steht es auch um den Flug-, Straßen-
und Eisenbahnverkehr. Die einzige internationale Flugverbindung nach Kaliningrad
existiert von Warschau (LOT-Fluglinie). Der Eisenbahnverkehr wird von
deutschen Touristikfirmen kaum mehr in Anspruch genommen. Touristen würden
heute vermehrt mit Reisebussen nach Kaliningrad gebracht. Brüssel
liegt ein Projekt zum Ausbau des Busverkehrs von Berlin nach Litauen über
Kaliningrad zur Bewilligung vor.
Ausblick
Die Medienberichterstattung im Westen über die Region Kaliningrad
ist miserabel. Die Zeitung "Wall Street Journal" bezeichnete
Kaliningrad als Exportgebiet für Drogen, organisierte Kriminalität,
AIDS, Prostituierte und gestohlene Fahrzeuge. Die lokalen Behörden
müssen dieser Kritik aus dem Westen begegnen und durch eine positive
Hervorhebung erfolgreicher Pilotprojekte im Bereich Wirtschaft und Kultur
ihr Image aufbessern.
Die EU ist auch aufgefordert, mehr historisches Fingerspitzengefühl
im Umgang mit Kaliningrad walten zu lassen. Im Oktober 2002 soll ein spezieller
EU-Russland-Gipfel in Brüssel die Probleme lösen helfen. Eine
der beiden Seiten wird Zugeständnisse machen müssen, bevor im
nächsten Jahr Polen und Litauen, als Vorbereitung für ihre Mitgliedschaft
in der EU, dem Schengener Regime beitreten werden.
Literaturempfehlung:
Die Verordnung der Regierung der Russischen Föderation vom
07.12.2001: "Föderales Zielprogramm der Entwicklung des Kaliningrader
Gebietes für den Zeitraum bis zum Jahr 2010".
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