DER GORDISCHE KNOTEN von KÖNIGSBERG
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- Kaliningrader Problem.
26/08/2002 - Rosbalt
- Roman Svetlov.
Übersetzung von Holger Schmidt.
Kaliningrad – Russland in Europa?
Was bringt die EU-Erweiterung der Region
Kaliningrad: Gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schaden, wie die Kaliningrader
befürchten, oder die große Chance, die anderen russischen Regionen wirtschaftlich
zu überholen und eine demokratische Zivilgesellschaft aufzubauen?
Von welchen Faktoren hängt das künftige Schicksal der russischen Exklave
ab? Dazu äußerte sich der Politologe Salomon Ginsburg im Gespräch mit der
Internet-Zeitung „Rosbalt“.
- Fast drei Jahre sind vergangen, seit Präsident Putin in Helsinki
auf dem EU-Russland-Gipfeltreffen der Region Kaliningrad eine Pilotfunktion
zuerkannte – als Sphäre der Ost-West-Kooperation. Doch bis heute wurde
diese Idee in keinem Dokument offiziell erwähnt, sie wurde weder gedanklich
konkretisiert, noch praktisch realisiert. Woran liegt das?
- Zweifellos, die Realisierung des Kaliningrad-Projektes brächte der
Region ökonomische, politische und soziale Vorteile und sie förderte darüber
hinaus die Annäherung zwischen Russland und Europa. Doch dazu müssten
sich die praktischen Maßnahmen des Kreml an den Erfordernissen der wirtschaftlichen
Modernisierung Russlands orientieren, nicht an Hoffnungen auf eine Wiedergeburt
der russischen Großmacht. Von diesen „krankhaften“ Hoffnungen könnte Russland
geheilt werden: Durch eine prosperierende Wirtschaft und konsequente Demokratisierung.
Auf diese Weise konnte auch das Nachkriegsdeutschland den Verlockungen
eines „Sonderweges“ widerstehen.
Man kann auch aus den Erfahrungen Japans lernen. Die Absage an Isolationismus
und Militarismus, die Hinwendung zum Westen bei gleichzeitiger Wahrung
der Traditionen – dies hatte für Japan außerordentlich positive Folgen.
Die Japaner lernten, ihre Freiheit und Rechte nicht irgendeiner „Ordnung“
zu opfern. Deshalb, so meine ich, sollte nicht von einem „Sonderweg“ Russlands
die Rede sein, sondern von seiner besonderen Verantwortung für seine Bürger.
Besonders aktuell sind in diesem Kontext die Beschlüsse des letzten Gipfeltreffens
in Brüssel, das dem Kaliningrad-Problem gewidmet war. Der Gipfel zeigte,
dass sich dieses Problem zur Zeit nur „scheinbar“ lösen lässt. Die EU
verhielt sich so, als wenn sie Russland entgegen kommen würde, und Russland
- als ob es seine nationalen Interessen durchsetzen würde. Deshalb sollte
man diesen Vorgang korrekterweise nicht als „strategischen Erfolg“ bezeichnen,
sondern als aufgeschobenen Kompromiss.
Die Idee einer „Region mit Pilotfunktion“ wäre dann, nach meinem Verständnis,
eine gedankliche Brücke zur Regelung dieser Beziehungen.
- Wie es scheint, ängstigt einige Politiker der Gedanke, die Kaliningrad-Region
könnte sich Europa annähern. Sie ziehen politischen Nutzen aus der „Grabenmentalität“
der Kaliningrader Bevölkerung.
- Aus Gründen der Fairness muss man zugeben, dass die EU dazu Anlass
gibt. Ihr hartnäckiger Widerstand, sich in Visum-Angelegenheiten auf einen
Kompromiss zugunsten der russischstämmigen Bevölkerung von Kaliningrad
einzulassen, verstieß beinahe gegen das verfassungsmäßig garantierte Recht
der Russen auf Bewegungsfreiheit.
Unzulässig sind aber die Versuche einzelner Politiker und Duma-Abgeordneter,
unter dem Deckmantel der Interessenvertretung die revanchistischen Stimmungen
zu schüren, der EU vorzuwerfen, sie wolle Kaliningrad heimlich annektieren.
Dieser Standpunkt gefährdet die Beziehungen mit Europa.
Ebenso verantwortungslos ist es, sogenannte „territoriale Probleme“ zu
bestimmten Zwecken zu missbrauchen, die Geister der Vergangenheit zu beschwören,
wie z.B. das geheime Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes
von 1939. Denn dieser Zeitabschnitt europäischer Geschichte ist vorbei
und sollte daher keinen Einfluss auf die internationale Politik haben.
Die Souveränität Russlands bezüglich Kaliningrad gilt uneingeschränkt,
sie darf deshalb nicht Thema der öffentlichen Diskussion sein. Das Kaliningrad-Problem
muss jedoch bis zum EU-Beitritt Polens und Litauens gelöst sein. Dazu
müssen beide, EU und Russland, nicht nur die Bereitschaft zu Kompromissen
bekunden, sondern auch den politischen Willen zeigen.
Deshalb halte ich es für angebracht, dass die regionalen und föderalen
Organe sich in der ersten Hälfte des Jahres 2003 auf die Klärung von mindestens
fünf Einzelproblemen konzentrieren, damit der Kaliningrader „Knoten“ gelöst
werden kann.
1. Es muss erreicht werden, dass an alle Bewohner der Kaliningrad-Region
kostenlos russische Reisepässe ausgegeben werden. Die entstehenden Kosten
sollten von Russland und der EU getragen werden
2. Die EU sollte allen Bewohnern der Kaliningrad-Region das Recht gewähren,
mit Hilfe eines vereinfachten Verfahrens Dauervisa zur mehrmaligen Einreise
in die Staaten des Schengener Abkommens zu erhalten. Die in Russland lebenden
Verwandten der Kaliningrader Bevölkerung sollten das Recht auf visumfreien
Transitverkehr nach Kaliningrad erhalten. Nach dem EU-Beitritt von Polen
und Litauen könnte die EU die Visum-Pflicht der Kaliningrader Bevölkerung
abschaffen. Als Gegenleistung könnte unser Land für EU-Bürger das Visum-Verfahren
zur Einreise nach Russland erleichtern.
Russland sollte mit der EU und den G8-Staaten das Projekt „Die Entwicklung
der Kaliningrad-Region unter neuen weltwirtschaftlichen und weltpolitischen
Bedingungen“ planen. Dieses Projekt sollte u.a. folgende sozial-ökonomische
Aspekte regeln: Gütertransitverkehr, Ökologie, Fischerei, Grenz- und Zollbestimmungen.
Gemeinsam sollten Russland und die EU einen Fond gründen, der die wirtschaftliche
Entwicklung der Kaliningrad-Region, vor allem der kleinen und mittelständischen
Betriebe, unterstützt. Die regionalen Behörden sollten für die Umsetzung
des Projekts sorgen.
- Nach meiner Einschätzung zielen ihre „Rezepte“ darauf ab, die Mauer
zwischen Russland und Europa einzureißen.
Sie haben Recht. Im Jahr 2002 kam Kaliningrad endlich politisch in Mode.
Aber um voranzukommen, muss man die nächsten Schritte tun. Der Weg nach
Europa muss nicht nur von der politischen Elite, sondern auch von der
Gesellschaft beschritten werden. Die Erhöhung des Lebensstandards wäre
eine Möglichkeit, um die Menschen von der Wichtigkeit der europäischen
Vereinigung zu überzeugen.
Die Ergebnisse der nationalen Parlamentswahlen 2003 werden zeigen, welche
Richtung die Region und Russland einschlagen – hin zur europäischen Freiheit
oder hin zu einer Demokratie asiatischer Prägung.
Was Kaliningrad betrifft, so sollte die föderale Bürokratie sich von
der Illusion befreien, die Kaliningrader würden wie ein Hund auf jeden
Pfiff sofort reagieren. Regionales Wirtschaftswachstum, angemessener Lebensstandard,
die Wahrung berechtigter regionaler Interessen - das Pilotprojekt könnte
die Region konsolidieren und negativen separatistischen Tendenzen entgegenwirken.
Zur Lösung all dieser Probleme bedarf es des politischen Willens der Politiker.
- Die Eingliederung der Kaliningrad-Region in die EU hängt nicht zuletzt
von ihrem Image ab. Schädlich waren dabei vor allem regionale Konflikte
und Gerüchte über den überproportionalen Anstieg von Kriminalität und
AIDS-Erkrankungen. Wie könnte man das Image verbessern?
- Vom Image-Standpunkt aus betrachtet war die vorangegangene Regierung
unter aller Kritik. Heute präsentiert sich die Region in einem günstigeren
Licht. Diese Gelegenheit muss man unbedingt nutzen. Ein Image wird nicht
über Nacht erzeugt. Es ist ein langer Prozess. Um das Bild der Region
in der Öffentlichkeit zu verbessern, muss man an das staatsbürgerliche
Verantwortungsgefühl jedes einzelnen Kaliningraders appellieren.
Jeder vernünftige Bürger muss begreifen, dass die persönliche Einstellung
zu ihm von den außenpolitischen Beziehungen zu der Erde, auf der er lebt,
abhängt. Zum Ziel führt nur eine verantwortungsbewusste Regierungspolitik,
die Unterstützung durch die Massenmedien und die Nutzung privater Kanäle.
Imagebildend, sozusagen ein „Markenzeichen“ für Kaliningrad, könnte die
Formulierung „Russland in Europa“ sein. Ich bin sicher, die Realisierung
des Mottos „Europäisch leben in Russland“ wäre ein vielversprechender
Anfang.
Das Gespräch führte, Kaliningrad.
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