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1/07/2004
Westlich gefärbtes Russland
Der Kaliningrader Politologe Wladimir Abramow lässt sich nicht
in Illusionen wiegen
Was
könnte Kaliningrad von der EU-Osterweiterung erwarten?
Bis jetzt kam es nicht zum Abkommen über den Gütertransit,
und wir müssen alle Güter, die von Russland nach Russland transportiert
werden, als Aus- und Einfuhr abfertigen.
Das kostet 300 Millionen US-Dollar Verlust jährlich plus Zeitverlust
an der Grenze. Im Endeffekt verliert die Kaliningrader Wirtschaft den
größten Teil ihrer Konkurrenzfähigkeit, und das könnte
zu einer wirtschaftlichen Krise führen.
Was unsere Exklavenlage im Schengener Raum angeht, so halte ich dies
für kein großes Problem. Ein Flugticket von Kaliningrad nach
Moskau kostet nicht viel mehr als eine Zugfahrkarte für dieselbe Verbindung.
In der Regel fahren nach Tiefrussland nur die Pendler häufiger als
fünfmal im Monat. Seitdem bei uns das Dokument für den erleichterten
Transit eingeführt wurde, hat der Passagierstrom um 500 Tausend Fahrgäste
abgenommen, von 7 bis auf 6,5 Millionen. Zugleich nahm aber die Anzahl
der Leute zu, die das Flugzeug nehmen. Mit dem Bus fährt nach Russland
niemand.
Viele Sorgen macht die Stromversorgung in diesem Gebiet. Auf welche
Weise könnte man dieses Problem lösen?
Auf Verlangen der EU muss das litauische Atomkraftwerk in Ignalina zum
Jahr 2008 geschlossen werden, so dass Litauen zum Stromimporteur wird.
Dann werden Litauen, Polen und Estland zu einem Stromring vereinigt, welcher
einen Teil des europaischen Stromverbundsystems bildet. Das unterscheidet
sich aber prinzipiell vom russischen System. Und wenn wir den Strom auf
dem europaischen Markt kaufen wollen, sollen wir nicht nur dreimal mehr
zahlen, sondern auch unser regionales System nach europaischen Standards
umbauen müssen.
Deshalb konnte das Projekt zum Aufbaus eines eigenen Gas- und Dampfturbinen-Heizkraftwerks
"TEC-2" das Problem der Stromunabhangigkeit des Gebiets größtenteils
lösen. Dadürch wird auch die Wettbewerbsfähigkeit unserer
regionalen Wirtschaft unterstützt.
Eine ganz andere Seite des Problems besteht darin, dass hier die Interessen
der zwei halbstaatlichen Firmen, und zwar Gasprom AG und ES Russlands
RAG zusammenstoßen. Für die Gasprom AG ist es unvorteilhaft, das
Gas hierher zu liefern: Die Lieferkosten sind genauso hoch wie bei den
Auslieferungen nach Litauen und Polen, aber die Preise sind wie in Russland.
Deshalb müsste hier Moskau seinen politischen Willen durchsetzen.
Die Gazprom AG ist nicht völlig in privater Hand. Dazu werden sich
die Außen- und Binnenpreise für russisches Gas in der Zukunft sowieso
gleich werden. Wenn wir natürlich nicht zurück zum Bau des Sozialismus
wollen
Ich glaube, es ist moglich, beim Aufbau des Gasleitungsnetzes "Nordlicht",
das auf dem Ostseegrund verlegt werden sollte, eine Kurzleitung zu unserer
"Insel" zu legen, oder die Ostseeküste für die Gaszustellung
zu verwenden. Alle technischen Probleme sind lösbar, es fehlt allein
am politischen Willen.
Mit dem Beitritt von Litauen und Polen in die EU wird der größte
Teil der Ostsee zum Territorium der Europaischen Union gehören. Wie
steht es mit der Fischerei?
Großteils wird von uns Fisch im Norden und Nordosten des Atlantiks
und im Indischen Ozean gefangen. Und für den Meertransit gibt es keine
Kostenpflicht. Das Baltikum macht nur ein Fünftel unserer Fischgrunde
aus. Das sind meistens küstennahe Wasser an der Kurischen Nehrung.
Die Ostsee ist überhaupt nicht fischreich.
Dieses Problem ist nicht so scharf im Vergleich zu den oben aufgezählten.
Unsere Spezialisierung ist heutzutage die Einfuhrsubstitution. Wir nehmen
den Rohstoff teils aus Russland, teils aus Westen, dann schrauben, kleben,
binden zusammen, und danach verkaufen die Erzeugnisse. Mit der Sperrung
des EU-Rings werden allerdings die Lieferungen des Rohstoffs und unserer
Fertigware teuerer sein. Das ist unser Hauptproblem.
Haufig ist die Meinung zu hören, dass Moskau diese Region seit
langem vernachlässigt, und in der letzten Zeit nutzt sie nun als
politische Spielkarte aus...
Aber welche russische Region wird von Moskau nicht vernachlässigt?
Geben Sie doch zu, dass man in wenigen Ländern seine Hauptstadt so
hasst! Wir haben ja seit der Sowjetzeit keine vernünftige regionale
Politik vorzuweisen; mit Ausnahme von irgendwelchen einmaligen Maßnahmen
oder politischen Gesten wie zum Beispiel die berühmte Phrase Jelzins:
"Nehmt so viel Souveränität, wie Ihr verschlingen könnt!"
Es gibt kein strategisches Konzept, das darauf ausgerichtet wäre,
die Lebensstandards in den verschiedenen Regionen Russlands so auszugleichen,
dass es den Menschen soweit wie möglich gleich gut, beziehungsweise
gleich schlecht geht. Letzteres gelingt dem Kreml besser. Die Beziehung
von Moskau zu Kaliningrad kann man überhaupt in eine kurze Formel
fassen "Solange es nicht juckt, regt es auch nicht auf".
In den 90er Jahren war Moskau als Zentrum tief in der ursprünglichen
Akkumulation und Teilung von Kapital versunken sowie in Kreml Intrigen
verstrickt. Russland als Land war völlig uninteressant. Moskau benimmt
sich wie das eigentliche Mutterland, und Russland ist einfach nur seine
Kolonie. Warum sollte Moskau dann noch dazu an irgend ein abgelegenes
Stückchen Land denken, das den anderen Regionen kein bisschen ähnlich
ist?
Ganz in diesem Sinne hat sich kürzlich eine peinliche Situation
wiederholt, die wir bereits vor zehn Jahren erlebten. Moskau stoppte die
Gaslieferungen für Weißrussland, vergaß dabei aber, dass das
Kaliningrader Gebiet Gas aus derselben Leitung erhielt. Das Gleiche passierte
bereits einmal in Gorbatschows Amtszeit, als er die baltischen Republiken
mit einem Gaslieferungsstopp bestrafte und Kaliningrad zufällig
auch.
Ich würde sagen, dass Moskau nicht nur nicht hilft; es stört
uns auch mit seiner Unsicherheit, seinem in der Luft schwebenden Zustand.
Jedes richtige Business braucht doch mindestens fünf Jahre Stabilität.
Unsere Leute waren schon bereit, jede beliebigen, auch noch so verrückten
Gesetze zu akzeptieren, wenn sie nur innerhalb von fünf Jahren nicht
geändert wurden.
Ist es wahr, dass sich einige Kaliningrader bereits für echte Europäer
halten?
Die Anziehung zu Europa ist deutlich zu spuren: als eine Folge der Vernachlässigung
durch Moskau. Aber sich gleich als Europäer zu halten, nur weil man
seine Wattejacke durch eine Jeans tauscht und stolz vor der Landkarte
steht: Das können wohl nur sehr wenige naive Leute. Um so mehr als
es hier, wie in jeder kleinen Stadt, nur einen sehr engen Kreis politischer
Elite und Experten gibt, die jedoch seit zehn Jahren in ihrem eigenen
Saft schmoren. Es gibt keinen frischen Wind. Örtlichkeit und Provinzialismus
herrschen über die Seele unserer Gesellschaft. Und die Tatsache allein,
dass es nun schneller und einfacher ist, nach Berlin zu kommen, als nach
Moskau, spielt dabei keine Rolle; weder im kulturellen, noch im intellektuellen
Sinne.
Also, wer meint, dass hier Europa ist, der liegt damit schief. Das Kaliningrader
Gebiet kann man bestenfalls als "westlich gefärbtes" Russland
bezeichnen.
Spürt man in der Region Ängste vor einer sogenannten Re-Germanisierung
dieses Gebiets?
Ja, es gibt diese Ängste, aber die haben meistens die älteren
Leute, welche früher ideologisch stark bearbeitet wurden. Zum ideologischen
Aspekt kommt auch das Bewusstsein, dass unser Gebiet massiv vernachlässigt
wurde. Zum Beispiel sind zur Sowjetzeit mehrere ehemalige deutsche Städtchen
zu Dörfern geworden. Und so kommt es, dass sich nun Kühe auf
bis jetzt guterhaltenen Straßenbahnschienen tummeln.
Einer der Gründe solcher Vernachlässigung liegt im eigenen
Empfinden der Leute: Ihnen kommt es selbst so vor, als ob sie hier nur
logieren. Das bekunden sie bis heute mit dem Satz "Zum Sterben fahre
ich nach Russland".
Ein weiterer Aspekt besteht in der Isolierung vom Mutterland. Ich bin
zum Beispiel das erste Mal nach Russland gekommen, als ich 9 Jahre alt
war, und war, übrigens, schockiert: Bis dahin dachte ich, dass man
nur Scheunen aus Holz baut...
Selbstverständlich gibt es in der Region politische Kräfte,
die diese beide Phobien in ihren Konjunktur- und Ideologiespielen ausnützen.
Wenn man darüber spricht, meint man damit haufig eine innere
und eine äußere Re-Germanisierung. Gibt es beide Gefahren?
Die Deutschen haben schon lange verstanden, dass kein "Rausschmeißer"
die Hauptrolle auf dieser Welt spielt, sondern Geld. Sie haben endlich
ihre Wiedervereinigung und brauchen kaum diesen Sumpf. Meiner Meinung
nach wäre die äußere Re-Germanisierung nur dann möglich,
wenn Russland zerfiele.
Die Angst vor einer inneren Re-Germanisierung beruht auf Gerüchten,
die Russlanddeutschen wurden hierher kommen, viele Kinder in die Welt
setzen und so alle übrigen Leute allmählich aus der Region verdrängen.
Diese Phobie entwickelte sich in den 90er Jahren. Einige nicht besonders
vernünftige Vertreter von deutschen Gemeinden äußerten
solche Ideen, um finanzierenden westdeutschen Gesellschaften zu gefallen.
Oft befürchtet man anhand der Statistik: 1991 hatten hier 1.500
ethnische Deutschen gewohnt, und 2003 bereits 6.500. Aber, erstens, ist
das fast Nichts im Vergleich zu 942.000 Gebietseinwohnern, zweitens, benutzt
die Hälfte dieser Deutschen das Gebiet nur als Sprungbrett zur Immigration.
Nebenbei gesagt, bei uns wohnen circa 5.000 Polen, aber niemand spricht
über irgendwelche "polnische Frage". In der Region wohnen
ständig 25.000 Moslems. Doch niemand jammert über die "Islamisierung"
Überhaupt ist es lächerlich, weitschweifige Reden über
etwas typisch Russisches oder typisch "Orthodoxes" in Bezug
auf das Kaliningrader Gebiet zu hören. Diese Region war niemals russisch.
Sie war nur deutsch oder sowjetisch. Sowjetisch ist aber keineswegs russisch...
Das Gespräch fand am 26.02.2004 statt.
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