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Sammlung von unterschiedlichen Beiträgen zu den
Themen Massenmedien, Politik und Gesellschaft

2001 - Dr.
Marcel Machill
Wer regiert das Netz?
Das Internet ist nicht so unstrukturiert und unkontrollierbar, wie oft
behauptet wird. Aber sicher ist, dass Internet Governance nur global und
unter Einbeziehung aller Beteiligten funktionieren kann. Ein erster Ansatz
ist die Internet Corporation for Assigned
Names and Numbers (ICANN). Dr. Marcel Machill, MPA (Harvard), ist
Medienwissenschaftler und Projektleiter Medienpolitik bei der Bertelsmann
Stiftung. Sein Beitrag basiert auf deren Projekt "Democratic Internet".
Wer sich eine Adresse im World Wide Web (www), also einen so genannten
Domainnamen, reservieren lassen möchte, sollte dafür einen möglichst
griffigen Begriff verwenden. Viele Internetnutzer und solche, die es werden
wollen, haben jedoch bei der Suche nach der besten Adresse böse Überraschungen
erlebt: 98 Prozent der Wörter in einem handelsüblichen Englisch-Wörterbuch
sind bereits vergeben. Der Versuch, sich eine auch wirtschaftlich überlebensfähige
Netzidentität aufzubauen, kann schnell im Keim erstickt werden.
Wer hat über die Vergabe der Domainnamen entschieden? Eine Internet-Regulierungs-behörde?
Eine Regierung gar? In den meisten Fällen hat die Internet Corporation
for Assigned Names and Numbers (ICANN) etwas damit zu tun. Eines steht
nämlich fest: Das Internet ist keineswegs so anarchisch und unkontrollierbar,
wie oft behauptet wird. Im November 1998 unternahm das amerikanische Handelsministerium
einen entscheidenden Schritt bei dem Versuch, ein wenig Ordnung in jenes
neue, sich immer noch entwickelnde und dabei stetig chaotischer werdende
Informations- und Kommunikationssystem zu bringen. In den davor liegenden
fünf Jahren war das Internet aufgrund seines exponentiellen Wachstums
nicht nur zu einem Alltagsbegriff geworden, sondern hatte auch eine Vielzahl
von Konflikten ausgelöst. Die Streitpunkte drehten sich um Fragen
wie: Wer trifft die Entscheidungen über die technische Infrastruktur
und die Funktionsfähigkeit des Internets? Wer erhält das Recht
zur Vergabe der Domainnamen? Und wer schlichtet die immer größer
werdende Zahl von rechtlichen Streitigkeiten zwischen Inhabern von Markennamen
aus der realen Welt und Inhabern von Domainnamen in der virtuellen Welt?
Indem das Internet zum Massenmedium wird, steigt der Regulierungsbedarf.
Historisch gesehen hatte die amerikanische Regierung, die bei der Schaffung
des Internets in den fünfziger Jahren eine entscheidende Funktion
innehatte, im Laufe der weiteren Entwicklung des Netzes de facto die Rolle
einer Internetregierung übernommen.
Die USA: de facto eine Welt-Internet-Regierung?
Mit der Veränderung des Internets von einem regierungsfinanzierten
wissenschaftlichen Experiment hin zu einem Zentrum internationaler Wirtschaftsaktivität
und grenzübergreifenden Informationsaustauschs nahm das Interesse
an der Stabilität des Netzwerks und an der Vergabepolitik bei den
Domainnamen jedoch auch bei anderen Interessengruppen zu, zum Beispiel
bei anderen souveränen Staaten, privaten Wirtschaftsunternehmen und
individuellen Internetnutzern auf der ganzen Welt. Gleichzeitig wurde
die Rolle der amerikanischen Regierung als eigentliche Macht im Internet
für andere Regierungen dieser Welt immer weniger haltbar. Spätestens
im Herbst 1998 war es angesichts der herrschenden Auseinandersetzungen
um den Schutz von Markennamen und die Vergabe von Domainnamen klar, dass
die bisherige Art der Verwaltung nicht fortzuführen war: Der Alleingang
einer Regierung kann bei der Internetregulierung nicht sinnvoll sein.
Das Internet und seine Bestandteile funktionieren nur als globale Einheit.
Für eine Regulierung des Internets durch herkömmliche supranationale
Organisationen erscheint die Dynamik des Netzes jedoch zu hoch, als dass
eine auf langfristige zwischenstaatliche Verhandlungsprozesse ausgelegte
Organisation wie beispielsweise die UN als Regulierungsinstanz in Frage
käme. Wenn also weder nationale Regierungen noch die etablierten
multinationalen Organisationen einen idealen Platz bieten, stellt sich
die Frage: Wer regiert, wer reguliert das Internet? Aufgrund seiner technischen
Infrastruktur (Architektur) hat das Internet die traditionellen Bestimmungskonstanten
sozialer Interaktion – Raum und Zeit – in einigen Fällen
außer Kraft gesetzt und ist so zum Katalysator sozialer, kultureller,
politischer und ökonomischer Umwälzungen geworden. In diesem
neuen Koordinatensystem konnten neue Regulierungsformen entstehen.
Getrieben vom dramatischen Erfolg des Netzes sah sich die Nutzergemeinde
– anfangs fast ausschließlich in den USA – gezwungen,
sich selbst um die Weiterentwicklung zu kümmern. Die Notwendigkeit
zu standardisieren und zu regulieren bei Abwesenheit von bereits etablierten
Regulierern und Standardisierern zwang zum Aufbau eigener informeller
und flexibler Organe. So werden die technischen Standards im Internet-Zeitalter
"bottom-up" von Organen der Selbstregulierung entwickelt. Die 1986 gegründete
Internet Engineering Task Force (IETF) ist beispielsweise für alle
Basistechnologien des Internets zuständig und entwickelt die Standards
für die Übertragungsprotokolle, die Internet Protocols (IPs).
Die Standards setzt das World Wide Web Consortium (W3C). Die Stärke
des Konsortiums liegt in der breiten technischen Sachkenntnis seiner derzeit
mehr als 380 Mitglieder aus Industrie und Forschung. Jede Mitgliedsorganisation
hat einen Sitz und eine Stimme im Advisory Committee.
Gremien wie die IETF und das W3C funktionieren ohne hoheitliche Autorisierung.
Sie wurden als Reaktion auf – meist technische – Notwendigkeiten
von Mitgliedern der Internetgemeinde ins Leben gerufen. Allerdings ist
hohe technische Kompetenz unabdingbar, um in diesem Kreis mitzureden.
Die großen technischen Probleme, die das Wachstum des Internets
in den achtziger Jahren mit sich brachte, konnten nur vom vereinten Sachverstand
der Techniker gelöst werden. Es darf nicht übersehen werden,
dass ohne die technische Leistung der IETF und ihrer Köpfe das Internet
nie so erfolgreich gewesen wäre. Durch diese starke Zentrierung von
Regulierungsgewalt auf Technik wird es aber den technisch nicht versierten
Nutzern unmöglich gemacht, an dieser Form der Selbstregulierung zu
partizipieren. Das so oft beschworene Potenzial des Internets zur Verbesserung
von demokratischen Strukturen läuft Gefahr, von technokratischen
Strukturen eingeengt zu werden. Internet-Selbstregulierung muss deshalb
technischen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Sachverstand einbeziehen
und eine breite Repräsentation der beteiligten Gruppen ermöglichen.
Je mehr das Internet zum Massenmedium wird, desto breiter muss dieser
koregulatorische Ansatz sein. Je mehr die Computernetzwerke wachsen, je
weiter sie in die Gesellschaft vordringen, um so mehr müssen die
technischen Funktionen auch gesellschaftliche Anforderungen unterstützen
wie beispielsweise den Schutz vor Netzkriminalität.
Die "Netiquette" als Regulierungsinstrument
Ein bekannter Selbstregulierungsmechanismus im Netz ist die Netiquette,
die ohne die aktive Einmischung der Politik oder die Steuerung durch eine
zentrale Instanz als Grundlage der Steuerung der Kommunikation und Interaktion
im Netz dient. Die Netiquette ist eine Reihe von ungeschriebenen ethisch-moralischen
Normen, deren Nichtbeachtung zu einer kollektiven Abstrafung und öffentlicher
Kritik anderer Netzteilnehmer führt. Obwohl die Netiquette ein Prototyp
informeller Mechanismen ist, hat sie sich in der Praxis der Sanktionierung
von Internetnormen als QuasiGesetz etabliert. Eine weitere völlig
neue Form der transparenten und informellen Regulierung im Internet sind
die Requests for Comments (RFC): Lösungsmodelle für technische
Probleme werden via Mailinglisten nach festgesetzten Requests for Comments
so lange diskutiert, bis "rough consensus" über die technisch beste
Lösung entstanden ist. Anschließend erhalten die RFC einfach
dadurch "Rechtsverbindlichkeit", dass sie in nummerierter Form publiziert
werden. So ist quasi die technische Verfassung des Netzes entstanden –
eine digitale Loseblattsammlung. Bei der Etablierung eines neuen Regulierungs-"Modus"
sind auch Fehlschläge und Rückschritte möglich. Wichtig
ist jedoch die Bereitschaft aller Beteiligten, Koregulierungsformen zu
ermöglichen, die der Struktur des Netzes entsprechen und ebenso dynamisch,
flexibel und manchmal gar experimentell sind.
Zurück zu ICANN: Die amerikanische Regierung unter Präsident
Bill Clinton beauftragte zunächst die dem Handelsministerium unterstellte
National Telecommunication and Information Administration (NTIA) damit,
die Privatisierung des DomainnamenSystems (DNS) voranzubringen. Die NTIA
wiederum beauftragte ICANN, eine neue Non-Profit-Organisation nach kalifornischem
Recht, mit dem Tagesgeschäft der Verwaltung des Domainnamen-Systems.
Darüber hinaus wurden ICANN auch die Aufgaben zuteil, Streitigkeiten
über Markennamen zu schlichten.
So erinnert sich Michael Leibrandt aus dem Bundesministerium für
Wirtschaft und Technologie, der als Vertreter der deutschen Bundesregierung
im ICANN-Regierungsausschuss sitzt: "Der Druck war enorm, insbesondere
von Seiten der Wirtschaft. Unserer Ansicht nach konnten wir nicht erst
abwarten, bis das gesamte Direktorium über ein höheres Maß
an demokratischer Legitimation verfügte." ICANNs Herausforderung
bestand nicht nur darin, ein eher eng definiertes technisches Mandat auszuüben,
sondern auch eine Vielzahl von Problemen zu lösen, die der Internet-Community
seit Jahren zu schaffen machten; und schließlich sollten die Erwartungen
der Internetnutzer berücksichtigt werden, deren Zahl mehrere Hundertmillionen
betrug. Um die Internet-Nutzer an den ICANN-Entscheidungsprozessen zu
beteiligen, wurde für Privatpersonen ein At-Large-Membership-Status
geschaffen, der zur direkten Wahl von fünf Mitgliedern des Direktoriums
berechtigte. Die erste weltweite OnlineWahl fand im Oktober 2000 statt.
Wahlberechtigt waren im Prinzip alle Internetnutzer: Jeder mit einer E-Mail-Adresse
und mit einer realen, also postalischen, Adresse konnte sich als Mitglied
bei ICANN registrieren und eine Art "Stimmzettel" beantragen. Letztlich
teilgenommen an der Wahl haben nur etwa 34 000 "Netzbüger" –
der optimale Modus muss offenbar noch gefunden werden. "Wer ist die richtige
Internet-Öffentlichkeit?", fragt sich auch die damalige ICANN-Vorsitzende
Esther Dyson. "Wie kann sichergestellt werden, dass die Gewählten
wirklich repräsentativ sind?"
Produktiver Pluralismus
Das Experiment ICANN ist der bislang erste Versuch, mit Hilfe einer eigens
für diesen Zweck geschaffenen supranationalen Koregulierungs-Institution
eine der elementaren Regelungsfragen des Internets anzugehen. Ziel der
ICANN-Konstruktion war es, Legitimierung durch die breit angelegte Beteiligung
von InternetNutzern, Interessengruppen und Regierungsinstitutionen an
den Entscheidungen zu erhalten. Dass die Verwaltung von Domainnamen wohl
nicht das kritischste der zu bewältigenden Probleme ist, spielt dabei
keine Rolle: Die Art und Weise, wie Regulierungsund Koordinationsaufgaben
für das Internet institutionell verankert wurden, ist für viele
"Internet-typische" Probleme (Datenschutz, Urheberrechte, Freiheit der
Meinungsäußerung) denkbar.
Zur Frage, inwieweit ICANN ein gelungenes Beispiel für supranationale
und partizipative Koregulierung ist, gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen.
Jonathan Zittrain, ICANN-Experte und Rechtswissenschaftler an der Harvard
University, fasst die Zwickmühle zusammen: "Die ICANN-Gründer
mussten zwischen zwei Parteien vermitteln. Die einen dachten, wir würden
eine der USA gehörende Ressource, eine Art virtueller Panamakanal,
weggeben. Die anderen, meist Nichtamerikaner, waren der Meinung, die USA
wollten das Internet übernehmen." Der deutsche Politikwissenschaftler
Claus Leggewie hält das Experiment ICANN sogar für "gescheitert"
und fordert die Abschaffung der At-Large-Direktoren im ICANN-Vorstand.
Die Regulierungsverfahren, insbesondere ICANN, zeigen, dass es möglich
ist, Internet-Koregulierung global zu implementieren. Gleichzeitig werden
bei der Legitimierung von ICANN noch deutliche Schwächen deutlich.
Überträgt man das ICANNPrinzip auf andere Institutionen, dann
müssen bestimmte grundlegende Konstruktionsmerkmale gewährleistet
sein: die unmissverständliche und trennscharfe Formulierung ihrer
Aufgabe; eine dafür ausreichende Handlungsreichweite; angemessene
und transparente Arbeitsabläufe; die angemessene Integration und
Repräsentation der Betroffenen; die Bereitstellung der notwendigen
Freiräume zur öffentlichen Debatte; und die Schaffung geeigneter
Berichts- und Rechenschaftspflichten.
Ähnlich wie das Experiment ICANN die Diskussion zu einem relevanten
Einzelthema zumindest angeregt hat, muss es auch hinsichtlich der anderen
Themen sowie der grundlegenden Regelungsprinzipien für das Internet
einen öffentlichen Raum geben, in dem die Diskussion zu den konstituierenden
Fragen des globalen Kommunikationsmediums stattfinden kann. Versucht man,
diese einzelnen Regelungsgegenstände voneinander unabhängig
zu verankern, so übersieht man, wie stark all diese Themen voneinander
abhängen.
Wie aus diesen unterschiedlichen Beispielen deutlich wird, kann ein
Regulierungs- und Regelungswettbewerb stattfinden, mit dem das Gesamtsystem
der Internet-Regulierung permanent verbessert wird. Das Internet ist ein
durch und durch dezentrales System - diese Dezentralität auch auf
die Regelung der einzelnen Problembereiche zu übertragen, bedeutet,
einen produktiven Pluralismus von Regulierungsstrukturen zu schaffen,
wie er auf nationaler Ebene bislang kaum möglich war.
Dr. Marcel Machill, MPA (Harvard), ist Medienwissenschaftler
und Projektleiter Medienpolitik bei der Bertelsmann Stiftung.
Sein Artikel basiert auf deren Projekt "Democratic Internet".
E-Mail: redaktion.deutschland@fsd.de
Internetempfehlungen der redaktion: www.media-policy.org/english
Webseite von ICANN mit mehreren Links: www.icann.org
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