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Sammlung von unterschiedlichen Beiträgen zu den
Themen Massenmedien, Politik und Gesellschaft

20/10/2001 - Michael
Thumann
Ein deutscher Journalist sieht Russland:
Bestandaufnahme der letzten zehn Jahre
Der Vortrag für das 4. internationale wissenschaftlich-praktische
Symposium zum Thema "10 Jahre Entwicklungen in der Politik - 10
Jahre Entwicklungen in den Medien. Ein russisch-deutscher Vergleich"
- Moskau, Freies Russisch-Deutsches Institut für Publizistik.
Seit Anfang Oktober sind wir Zeugen eines Krieges, der uns alle in Bann
hält. Obwohl alle Medien täglich schreiben, vollzieht sich das
Geschehen im Verborgenen. So wenig Information war nie. Ob von Pakistan
aus oder von Nordafghanistan: die Berichte der Reporter gleichen sich,
wiederholen sich, sie beschreiben Wissenswertes vom Rande des Geschehens,
sie nähern sich ihm mit tangentialen oder peripheren Reportagen.
Im Zentrum der Berichterstattung steht das Abseitige, das beiläufig
Interessante, das eher Nebensächliche. Doch über das Eigentliche
können die Journalisten nicht berichten. Den Krieg und seine Auswirkungen
in Kabul, Dschalalabad, Kandahar. Sinnbild für das, was wir erfahren
können und dürfen, waren die Bilder von CNN in der ersten Bombennacht.
Uns wurde da eine verschwommene grüne Nacht-Impression geboten, auf
der nichts zu erkennen war als ein kleiner leuchtender Punkt, der einen
Bombeneinschlag darstellen sollte. Dieses Bild war der Triumph der Medienmanager
im amerikanischen Pentagon: Alle sehen hin und wissen doch nichts. Der
perfekte Krieg.
Die amerikanischen Streitkräfte und das Taliban-Regime vervollständigen
in komplementärer Anstrengung eine Tendenz, die schon im ersten Golfkrieg
sichtbar und im Kosovo-Krieg verfeinert wurde: den Mangel an Informationen
als Teil der Gesamtstrategie im Krieg. Doch die Amerikaner sind da keineswegs
eine Ausnahme. In Russland kennen Journalisten diese Medien-Politik sehr
gut. Die russische Regierung bedient sich ihrer seit 1999 im zweiten Tschetschenien-Krieg:
Ein Rosinformzentr und das PR-Büro von Sergej Jastrschembskij kanalisieren
die Berichterstattung und lenken die Informationen. Je weniger die Gesellschaft
weiß, desto mehr Handlungsfreiheit für die Politiker.
In Russland jedoch greift die Medienblockade weit über das Kriegsgeschehen
am Kaukasus hinaus. Während die amerikanischen Behörden nur
in fernen Ländern wie Afghanistan aber eben nicht zuhause gelingt,
die eigenen Medien zu zähmen und zu lenken, ist es der russischen
Regierung unter Wladimir Putin gelungen, eine Kontrolle oder auch nur
eine wirksame Zähmung der Medien in Russland durchzusetzen. Diese
Zähmung ist Teil der Reform der Macht, die seit 1999 im Gange ist.
Diese Reform hat Russlands politisches System und seine Medienlandschaft
grundlegend verändert. Die Reform der Macht hat Präsident Putin
eine überlegene Position verschafft, die ihm maximale politische
Bewegungsfreiheit lässt. Dieses System wünscht Effektivität
und eliminiert langwierigen Meinungsstreit. Die Medien haben sich den
Prinzipien der Effektivität unterzuordnen. Wie sieht dieses neue
Mediensystem aus?
Der russische Staat verteidigt seit anderthalb Jahren mit aller Vehemenz
die Rechte von Eigentümern und Gläubigen, vor allem bei den
privaten Medien: Schulden müssen pünktlich bezahlt werden.
Dieser Satz verkauft sich gut im Westen. Gleichzeitig warnen oppositionelle
russische Journalisten: Das erste und höchste Gut des postsowjetischen
Russland, die Meinungsfreiheit, wird systematisch zerstört. Die
Regierung tut das als Hysterie ab. Wer hat Recht?
Hier haben wir es mit einer Verwirrung der Begriffe zu tun. Sie liegt
im System. In Russland sind Meinungsfreiheit und Finanzprobleme ineinander
verschlungen. Das Recht des Eigentümers ist kein Wert
an sich, sondern Grenzmarkierung für die Freiheit des
Wortes. Viele Zeitungen, Fernsehanstalten, Radiostationen gehören
seit Anfang der neunziger Jahre ehrgeizigen Politunternehmern, Kremlsatelliten
und natürlich dem Staat. Das finanzielle Fundament der Vierten
Gewalt in Russland war stets brüchig. Darin lag die Stärke
von Unternehmern und Politikern. Ihr Geld ermöglichte oder begrenzte
die Meinungsfreiheit.
Es wäre deshalb fehl am Platze, alle russische oppositionelle Journalisten
zu Helden hoch zu stilisieren. Viele von ihnen mussten Kompromisse machen,
viele berichteten in politisch brisanten Phasen der neunziger Jahre nach
dem Geschmack ihrer Geldgeber. So zwang etwa Russlands einziger Medientycoon
Wladimir Gussinskij seine Journalisten im Präsidialwahlkampf 1996,
den kranken Jelzin zum Retter der Nation zu retuschieren. Kommunistenchef
Sjuganow wurde verteufelt als einer, der zurück in die Kommandowirtschaft
wollte. Gussinskij erhielt später großzügige Kredite des
halbstaatlichen Konzerns Gasprom.
Auch mischten sich die Medien-Oligarchen vielfach ein in die Belange,
der spektakulärste Fall war 1997 die Säuberung der Redaktion
der Iswestija. Iswestija hatte Le Monde wiedergegeben, die schrieben,
Tschernomyrdin hätte 5 Mrd. $ auf westlichen Konten. Der Chefredakteur
weigerte sich zu widerrufen. Tschernomyrdin übte Druck auf Lukoil
aus, Lukoil feuerte den Chefredakteur. Alles ist schon einmal dagewesen.
Aber der entscheidende Unterschied zu heute: Damals kämpften verschiedene
Oligarchen gegeneinander und gegen den Kreml, sie setzten ihre Medien
als politische Kanonen ein, das Gefecht war laut, bunt, subjektiv, unübersichtlich
und im Ergebnis: pluralistisch.
Wladimir Putin und seine Berater sind anders als Boris Jelzin eifrige
Medienkonsumenten. Sie sahen viel NTW von Gussinskij, lasen und lesen
alle kritischen Artikel, auch ausländische. Sie möchten das
Image der Regierung im politikverdrossenen Russland verbessern und das
Bild Russlands in der Welt auffrischen. NTW berichtete landesweit über
das Elend der Flüchtlinge in Tschetschenien, über die Zahl der
gefallenen Soldaten, über Splitterbomben gegen Wohngebiete und Folter
in den Filtrationslagern. Ausländische Korrespondenten trugen das
weiter.
Was tun? Russische Beamte entdeckten die Vorzüge des Rechtsstaates.
In der vorrechtlichen chaotischen Jelzin-Zeit waren Medien irregulär
privatisiert worden, viele hatten weder Gründungs-Papiere noch eine
Buchhaltung, die mit den stetig wechselnden Gesetzen Schritt hielt. Wer
die Bücher prüft, stößt in jedem russischen Unternehmen
auf Unregelmäßigkeiten. Deshalb bekommen oppositionelle Medien
in Russland so regen Besuch von der Steuerpolizei und allerlei Rechtschützer
mit Strumpfmasken. Jedoch konnten sie z.B. bei NTW nie so viel Kompromat
zu Tage gefördert, dass es zur Schließung des Senders gereicht
hätte.
Doch gab es als Rückfallposition die Schuldenberge des Eigentümers.
Gussinskij schuldete dem halbstaatlichen Konzern Gasprom hunderte Millionen
Dollar. Genau da waren die Meinungsfreiheit der NTW-Journalisten und die
Eigentumsrechte von Gasprom heillos verheddert. Jetzt rächte sich
Gussinskijs enge Zusammenarbeit mit der Jelzin-Administration. Gasprom
erzwang gerichtlich, dass Aktien des verschuldeten Gussinski als Pfand
für die Schulden hinterlegt wurden. Doch nicht der Rückzahlung
der Schulden galt ihr Interesse, sondern dem unverdrossen mäkelnden
Fernsehsender NTW. Es folgte, was Sie alle im vergangenen Jahr in den
Medien verfolgen konnten. Die feindliche Übernahme des Senders NTW
durch Gasprom, wenig später die vorübergehende Einstellung der
Zeitung Segodnja und die komplette Auswechslung der Redaktion des Nachrichtenmagazins
Itogi. Äußerlich ging es nur um Zahlen und Business, aber im
Wesentlichen um den politischen Inhalt.
Mit den finanziell unabhängigen Auslandskorrespondenten geht man
anders um. Man wechselt zwischen Umwerben und Einschüchterung. Auch
hier ist der in Russland reaktivierte Rechtsstaat ein nützliches
Instrument. Korrespondenten-Artikel werden übersetzt, ins Internet
gestellt und diskutiert. Mehrere Korrespondenten werden mit Klagen überzogen.
Zitierte russische Bürger fühlen sich falsch übersetzt,
andere schlecht wiedergegeben, also gehen sie vor ein russisches Gericht,
vor dem sich der Korrespondent verteidigen muss. Das kostet Zeit und je
nach Richter hohe Schadenersatzgelder. Eine andere Methode ist die öffentliche
Bloßstellung.
Die von Gleb Pawlowskij geschaffene Internet-Seite Strana.ru hat da
zentrale Bedeutung. Der erste Auslandsredakteur war Sergej Markow. Er
leitet jetzt die Seite. Markow brachte einen neuen Stil mit, der leider
ziemlich alt wirkt. Kritische Artikel von "Le Monde", der "Washington
Post" und der "Zeit" wurden im Stile der Iswestija von 1965 diskutiert.
Markow wies den Journalisten die Krise der westlichen Medien nach, Mythen-Verbreitung.
Der ZEIT wurde von Markow vorgeworfen, sie schriebe ihre Artikel auf Bestellung
und Bezahlung von Boris Beresowskij. Das ist die Einschüchterung,
modern, per Internet. All das sind nur Beispiele. Gleichzeitig Charmeoffensive.
Einladungen. Neuerdings gibt Putin bereitwillig viele Interviews, seine
Minister stehen von Jastrschembskij organisiert bereit. Man will
weg vom geschlossenen monolithischen System. Modern soll es aussehen.
Das ist die Vereinnahmung.
Wie ist die Lage der Medien nach der weitgehenden Zerschlagung des Medienimperiums
von Gussinskij und der Einschüchterungskampagnen? Wladimir Putin
und seine Beamten haben keinen Zorn der Bevölkerung zu fürchten.
Sie brauchen auch keine Pressezensur. Die kritischen Redaktionen von Gussinskij
sind aufgeteilt. Ein Teil der Redaktion von NTW ging mit dem Moderator
Jewgenij Kisseljow zu TW-6. Gut, dass es diesen Ausweg gab, schlecht,
dass er von einer der zwielichtigen Geschäftsgrößen Russlands
kontrolliert wird. Boris Beresowskijs zynisches Monopoly um Medien und
Macht hat in den neunziger Jahren Russlands Glasnost nachhaltig beschädigt.
Seitdem er sich mit Präsident Putin überworfen hat, simuliert
er den Anwalt von Vielfalt und Pressefreiheit.
Die unabhängigen Journalisten von Kisseljow stehen vor der heiklen
Wahl: Bleiben sie kritisch wie bisher, werden sie nur noch einflusslose
Dissidenten in ein Studio locken, das Beresowskij bezahlt. Werden sie
objektiv im staatlichen Sinne, laufen sie von selbst ins Netz
der Macht. Das ist die Doppelfalle für die verbliebenen unabhängigen
Journalisten in Russland. Kleine Zeitungen wie die Obschaja Gaseta und
die Nowyje Iswestija kritisieren weiter harsch die Regierung, die frustrierten
Liberalen der Glasnost-Ära dürfen dort offen sagen, was sie
denken. Doch sie erreichen nur noch Ihresgleichen. Was sie sagen und schreiben,
tut nicht mehr wirklich weh. Sie können die Macht nicht mehr gefährden.
Oppositionelle schreiben für Oppositionelle und drehen sich im Kreis,
während der Staat und die angeschlossenen Großkonzerne allein
voran marschieren.
Der russische Staat kontrolliert heute drei landesweite Fernsehsender,
90 lokale Sender und 92 staatliche Radiostationen. Sie zeigen das Spektrum
gesellschaftlich verträglicher Vielfalt an. Im Internet veranstalten
ein hübsches pluralistisches Experiment. Eine Vielfalt von miteinander
verbundenen Seiten informiert über russische Politik und Gesellschaft,
jede mit anderen Farben, anderen Autoren, anderen Nuancen, doch alle aus
einem Hause. Gasproms NTW wird kontrolliert kritisch berichten dürfen.
Der Staat formt sich seine Kritiker und den Spiegel der Gesellschaft.
Damit gibt er vielen vor, wie sie zu berichten haben. Ein jeder kontrolliert
sich selbst, auf dass er ja nicht aus der Reihe tanze. Die Vierte Gewalt
in Russland ist entmachtet, sie verkümmert mit ihrer begrenzten und
wohlkontrollierten Vielfalt zur Dekoration.
Fazit
Die alten Begriffe von Totalitarismus, Diktatur, Zensur passen heute
nicht mehr. Es geht hier nicht um Diktatur oder Demokratie. Es geht um
den Aufbau eines effizienten politischen Systems durch gezielte Unterdrückung
von Informationen, durch stetige Einschüchterung und gleichzeitige
Vereinnahmung. Selbstkontrolle ist gefragt. Überraschungen sind ausgeschlossen.
Russland ist da nicht allein. Der Krieg in Afghanistan zeigt uns, dass
die amerikanische Regierung im Konfliktfall ganz ähnliche Reflexe
hat. Eine gute Information aus Kabul ist keine Information. In Berlin
werden neuerdings Journalisten aus den Kreisen für Hintergrundgespräche
ausgeschlossen, wenn sie in der Antiterrorfrage kritisch über den
Kanzler und die Regierung berichten.
Im Krieg scheinen Bush, Schröder und Putin in ihrer Geisteshaltung
nicht weit voneinander entfernt zu sein. Mangelnde Liberalität ist
der Kitt die Antiterrorkoalition ich fürchte, das wird sich
auch in vielen anderen Fragen noch zeigen. Doch in diesem Fall ist nicht
der Westen der Lehrmeister. Die westlichen Politiker können, wenn
Sie mir dieses etwas sarkastische Fazit erlauben, noch viel von den Russen
lernen. Denn Moskau bildet bei der modernen, effizienten Kontrolle der
Medien und der Gesellschaft wie Karl Marx sagen würde
unbestritten die Avantgarde.
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