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Sammlung von unterschiedlichen Beiträgen zu den
Themen Massenmedien, Politik und Gesellschaft

06/2002 - Alexej
Diomin
Nationalismus in Tatarstan: Mythos oder Realität
Wenn die russischen Politiker beginnen, sich zu erinnern, wie "das tschetschenische
Problem" aufkam, spricht die Mehrheit von dem "tschetschenischen National-Faktor
und der Schwäche der korrupten russischen Zentralmacht bei der Neuverteilung
der ökonomischen Sphären des Einflusses am Anfang neunziger
Jahre". Der Krieg in Tschetschenien oder wie man ihn in Russland nennt,
"antiterroristische Operation" dauert nun schon fast 6 Jahre. In Tatarstan,
das seine eigene Unabhängigkeit fast gleichzeitig mit Tschetschnja
erklärte, gibt es keinen Krieg. Im Gegenteil, Russlands Präsident
Wladimir Putin verhält sich heute zu Tatarstan mit betonter Achtung,
und an die tatarischen National-Radikalen erinnert man sich fast gar nicht.
Warum?
Der Anfang
Die Einwohner Kasans erinnern sich noch ausgezeichnet an das Jahr 1991.
Da waren riesige Volksmassen auf dem zentralen Platz der Stadt und schrieen
"Asatlyk!" ("Freiheit!"- tatarisch), tägliche Kundgebungen vor dem
Gebäude der Regierung Tatarstans und die Plakate: "Tatarstan ist
ein unabhängiger Staat", "Russen - raus!", "Kinder aus Mischehen
- ins Krematorium!". Da schlugen alte Tatarinnen mit Stöcken der
russische Abgeordnete des republikanischen Parlamentes, und die Miliz
griff nicht ein. Am Anfang neunziger Jahre versuchte man den Hass zwischen
Russen und Tataren kultivieren. Wer? Die einfache Gegenüberstellung
der Tatsachen ergibt das merkwürdige Ergebnis: dieselben Leute, die
Tatarstan bis heute noch leiten.
Doch heute sind von 18 gesellschaftlichen tatarischen Organisationen,
die vor 10 Jahren registriert waren und mehr oder weniger die national-staatliche
Unabängigkeit anstrebten, nur noch 2 oder 3 aktiv. Sogar die traditionell
zu "allem Russischen" feindselig eingestellte tatarische nationalistische
Organisationen aus der Stadt Nabereschny Tschelny zeigen jetzt nicht mehr
frühere Agressivität. Bedeutet das, dass der Nationalismus verschwunden
ist? Mit dieser Frage habe ich mich an den Leiter des Alltatarischen geselschaftliches
Zentrums (ATGZ) Raschit Jagfarow gewandt.
Nehmt euch soviel Souveränität, wieviel ihr könnt
Herr Jagfarow ist der fünfte Vorsitzende auf diesem Posten. Er
behauptet, die neueste Geschichte der nationalen tatarischen Bewegung
habe 1988 angefangen. Damals hatten einige Vertreter der tatarischen Intelligenz
beschlossen, eine eigene tatarische Nationale Front zu schaffen, um die
autonome Republik (welche Tatarstan damals war) in eine Republik der UdSSR,
d.h. unabhängig von der Russischen Föderation zu transformieren.
Aber die UdSSR sei zerfallen und die Schwerpunkte hatten sich verlagert.
Vom Alltatarischen gesellschaftlichen Zentrum sei ein radikaler Kurs auf
die Errichtung eines völlig unabhängigen Staates genommen worden.
1990 hat Boris Jelzin bei seinem ersten Besuch in Tatarstan als der
Präsident der RF seine berühmte Phrase gesagt: "Nehmt euch soviel
Souveräität, wieviel ihr könnt". Damals hatte das allen
gefallen, und Jelzin wurde für kurze Zeit der geliebte Präsident
aller Tataren. 1992 wurde ein Referendum abgehalten, und Tatarstan wurde
eine souveräne Republik innerhalb Russlands. Aber als die realen
ökonomischen Veränderungen anfingen und Tatarstan aufhörte,
Steuern an das Zentrum zu zahlen, und begann, selbständig mit Erdöl
zu handeln, da fand Jelzin, dass das Spiel mit der Souver&änität
Moskau teuer zu stehen komm. Es begannen die unendlichen Verhandlungen
über die gemeinsamen Gegenstände der Leitung, und seitens der
Nationalen begannen die Beschuldigungen Jelzin wegen seiner Reicherspolitik.
Das Ergebnis war die Unterzeichnung 1994 des "Vertrages über die
Abgrenzung der Vollmächte zwischen Russland und Tatarstan"; er war
bisher das grundlegende Dokument bei der Losung aller Streitfragen zwischen
Moskau und Kasan. Bis zur Unterzeichnung des Vertrages, als Moskau auf
seiner Meinung bestand, gingen Tausende auf die Strasse. Sie schrieen
"Asatlik!", verbrannten die russischen Fahnen, zertraten das russische
Wappen. Und der Prasident Mintimer Schajmijew behinderte solche Demonstrationen
nicht, war es doch "Der Wille des tatarischen Volkes". (Beilaufig, die
lokalen unabhangigen Zeitungen bekamen aus inoffiziellen Quellen andere
Information: wem, wieviel und wie man fur die Organisation solcher Meetings
bezahlte). Nach der nachsten Demonstration ging Moskau auf Zessionen ein,
und der Prasident Schajmijew heimste politische Pluspunkte ein.
"Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan..."
Dieses Spiel fand ein Ende, als Tschetschnja anfing. Jelzin gab zu verstehen,
dass er Tatarstans keine Zugeständnisse mehr machen wird. Und dann...
hat sich Schajmijew von den Nationalen abgewandt. Nationalistische Aktionen
in Kasan haben fast aufgehört. Und wofür waren sie nötig?
Die ökonomischen und politischen Ziele, die die Leitung Tatarstans
verfolgte, waren schon erreicht. Schajmijew hat alles bekommen: die unbeschränkte
Vollmacht in der eigenen Republik, er dürfte über ihre Ressourcen
verfügen, wie er wollte. 1996 wurde er zum zweiten Mal zum Präsidenten
gewählt. Die Macht mit den gestrigen Alliierten zu teilen hatte er
nicht mehr nötig.
Dann hat sich das Zentrum der nationalen Bewegung in die Stadt die Nabereschny
Tschelny verschoben, wo der Leiter der Stadtverwaltung Rafgat Altinbajew
seine eigenen ehrgeizigen Plane schmiedete. Doch 1998 erlitt er eine vernichtende
Niederlage auf der Tagung des republikanischen Parlamentes. Als er gegen
den Wille von Schajmijews seine eigene Kandidatur fur den Posten des Ministerpräsidenten
der Republik vorschlug, erhielt er nötige Stimmenzahl. Diese Rebellion
der kaum gebildeten Opposition hat den Präsidenten Schajmijew in
Wut gebracht. Mit Präsidentenerlassen wurden alle Bezirksleiter,
alle, die irgendwie Altinbajew sympatisierten, ihres Amtes enthoben. Zusammen
mit Altinbajew hatten auch die Nationalen, die er deckte, gründlich
etwas abbekommen. Sie haben endgultig aufgehört, den Präsidenten
zu interessieren, und ihren Kundgebungen wurden mit Reiz wahrgenommen.
Dennoch, sah republikanischer KGB, der sich faktisch unter Schajmijews
Kontrolle befindet, immer "durch die Finger" auf die Lieferungen "humanitärer
Hilfe für das tschetschenische Volk" und auf die engen Kontakte,
die die tatarischen National-Aktivisten mit Dudajew, Bassajew und Maschadow
unterhielten. In Tatarstan wurde sogar die offizielle Vertretung Tschetschnjas
eröffnet. Das Image "Vater der tatarischen Nation" und auch gewisse
Sympathien zu tschetschenischen Politikern zwangen möglicherweise
Schajmijew, die tschetschenischen Separatisten zu unterstützen. Aber
nicht lange. Am Anfang der zweiten tschetschenischen Kampagne (1999) und
dem Machtantritt Putin haben die Tatarstans-Beamten die tschetschenische
Vertretung ohne offizielle Erklärung der Gründe schnell zugemacht.
Ergebnisse und Perspektiven
"Mit Putins Machtantritt und seiner Politik der Reichzentralisation
ist es nur eine Frage der Zeit, wann Schajmijew unsere Hilfe wieder nötig
hat", erklärt Herr Jagfarow, "und wir werden ihm gewiss helfen. Weil
die Existenz unserer Republik und die Unabhängigkeit Tatarstans in
Gefähr sind. Wir müssen um unsere Freiheit kämpfen". Aber
wie? Als realen Schritt beabsichtigen die tatarischen Nationalpatrioten
ihre Bemühungen im einem allgemeinen Kongress zu vereinigen, der,
Jagfarow Worten nach, schon im Juni stattfinden soll. Doch über ein
"zweites Tschetschnja" ist auf keinen Fall die Rede.
"Das tatarische Volk hat andere nationale Psychologie, wir sind nicht
so feind wie die Tschetschenen und haben auch nicht den grausamen Brauch
der Blutrache", erklärt der Vorsitzende des ATGZ, "wir werden uns
nicht mit den Russen schlagen".
Was haben die Apologheten des tatarischen unabhängigen Staates in
den 10 Jahren der Souveranitat real erreicht? Auf diese Frage zögert
Herr Jagfarow mit seiner Antwort. Es gebe vielleicht gewisse Fortschritte
in der Bildung und Entwicklung der nationalen tatarischen Kultur. Die
Tataren hatten angefangen, mehr über ihre eigene Geschichte nachzudenken.
Aber das Lebensnivaeu der Mehrheit der Bürger Tatarstans hatte sich
mit dem Souveränität nicht verbessert. Im Gegenteil, wer arm
lebte, wurde, unabhängig von der Nationalität, noch ärmer.
Die Russen in Tatarstan bilden fast die Hälfte der Bevölkerung,
und Neid aus nationalen Gründen zu ihnen gebe es nicht: alle seien
gleich arm.
"Aber ja, wir sind zufrieden, dass die Mehrheit der Regierungsposten jetzt
von Tataren besetzt ist", sagt Herr Jagfarow. "Aber sie haben kein Interesse
an der Entwicklung des tatarischen Selbstbewusstseins, der Bildung und
Kultur des eigenen Volkes. Sie sind genau solsche Gauner wie auch die
Beamten in Moskau. Sie denken nur an ihren eigenen Geldbeutel".
Die Hoffnung stirbt als letzte
Der Traum von der staatlichen Unabängigkeit des tatarischen Volkes,
die die Tataren vor ca. 450 Jahren nach der Eroberung des Kasaner Chanates
durch den Zaren Johann IV der Schreckliche verloren haben, scheint nur
ein Traum auf immer zu bleiben. Die Republik Tatarstan liegt mitten in
Russland, sie hat keine gemeinsamen Grenzen mit anderen Staaten. Jedoch
schwindet bei den Führern der nationalen Bewegung die Hoffnung nicht.
Wie mir noch der erste Vorsitzende des ATGZ Marat Muljukow einmal sagte:
"Falls sich unser Volk wirklich vereinigt und seine Unabhängigkeiten
fordert, wird uns Nichtvorhandensein eines unabhängigen Angrenzstaates
nicht aufhalten können. Schliesslich haben wir den Fluss Wolga, und
der mündet ins Kaspische Meer. Wir können die Grenze den Flussboden
entlang ziehen ".
In einem hatte Herr Muljukow recht: Die Wolga mündet wirklich ins
Kaspische Meer ein. Das weiss in Russland jeder Schüler. Sie fliesst
dorthin schon annähernd 30 tausend Jahre, seit der letzten Eiszeit.
Was sind schon 450 Jahre im Vergleich damit? Die Hoffnung wird ewig leben.
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