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Sammlung von unterschiedlichen Beiträgen zu den
Themen Massenmedien, Politik und Gesellschaft

Oktober 2000 - Günter
von Lojewski
Fernsehen und Wahlen in Deutschland
Lassen Sie mich zur Einführung kurz die Geschichte des öffentlich-rechtlichen
Rundfunks in Deutschland in Erinnerung rufen. Er entstand nach der Kapitulation
der Dritten Reiches, das wie die meisten totalitären Staaten mit
einer zentralen Reichsrundfunkgesellschaft regiert hatte, nach dem Zweiten
Weltkrieg in den Besatzungszonen der drei westlichen Siegermächte.
Weil nur wenige Frequenzen zur Verfügung standen, hatte er zwar ein
Quasi-Monopol. Er war aber, um eine erneute zentrale Lenkung zu verhindern,
dezentral organisiert.
Mittels der "Kulturhoheit", waren die einzelnen Bundesländer Träger
von Landesrundfunkanstalten, diese waren jedoch staatsfern. Sie unterlagen
der Kontrolle pluralistisch zusammengesetzter Aufsichtsgremien und wurden
nicht aus Steuern, sondern über Gebühren finanziert. Im übrigen:
für Journalisten galt von Anfang an eine bewährte anglo-amerikanische
Maxime, dass Nachricht und Kommentar strikt zu trennen seien.
Mit der Bereitstellung immer neuer Frequenzen und Übertragungstechniken
erhielt der öffentlich-rechtliche Rundfunk ab Mitte der 80er Jahre
kommerzielle Konkurrenz, sowohl im Hörfunk als auch im Fernsehen.
Öffentlich-rechtlicher und kommerzieller Rundfunk bilden seitdem
gemeinsam das "Duale System" in dessen Rahmen der öffentlich-rechtliche
Rundfunk eine Grundversorgung an Information, Kultur und Bildung sowie
Unterhaltung sicherzustellen hat. Der kommerzielle Rundfunk finanziert
sich weitestgehend aus Werbung.
Soweit zum Hintergrund.
Was die Behandlung von ,,Wahlen im deutschen Fernsehen" angeht, so gilt
auch hier Länderrecht, für öffentlich-rechtlichen ebenso
wie für kommerziellen Rundfunk, In den meisten Bundesländern
haben alle zu einer Wahl zugelassenen Parteien das Recht, sich und ihr
Programm in kurzen Wahlspots selbst vorzustellen. In wenigen Ländern
ist die Entscheidung darüber allein dem Intendanten vorbehalten.
Wo Wahlspots übertragen werden, hat dies auf jeden Fall kostenlos
zu geschehen. Die Unterschiedlichkeit der Rechtslage führt dazu,
dass vor allem in regionalen Programmen eine restriktive Behandlung von
Wahlspots der Parteien zu beobachten ist. In nationalen Programmen dagegen
sind Wahlspots de facto die Regel. Dabei erhält jede zur Wahl zugelassene
Partei in den letzten Wochen vor einer Wahl ein Minimum an Sendezeiten
zugebilligt. Der überwiegende Teil der Sendezeiten wird prozentual
nach dem jeweils letzen Wahlergebnis auf die Parteien umgelegt. Zu welchem
Zeitpunkt Parteien ihre Wahlspots ausstrahlen dürfen, entscheiden
allein die Intendanten, In die Inhalte der Wahlspots einzugreifen, ist
ihnen nur erlaubt, wenn diese gegen geltendes Recht verstoßen.
Wichtiger als Wahlspots ist freilich für die Wähler die journalistische
Wahlkampfberichteãstattung. Soweit diese "News" macht, findet sie
nach den klassischen Regeln der Nachrichtenauswahl im Rahmen der Regelberichterstattung
statt.
Darüber hinaus nehmen sich die Fernsehanstalten eines Wahlkampfes
in zahlreichen Sondersendungen an, die fast alle journalistische Genres
widerspiegeln: Dokumentationen (etwa über einzelne Parteien und ihre
Arbeit in der vergangenen Legislatur oder über herausragende Wahlkampfthemen
der Außen-, Innen- oder Finanzpolitik); Reportagen (z. B. über
Wahlkampfveranstaltungen oder die Spitzenkandidaten im Einsatz), Diskussionen
(z. B. zu den Wahlkampfprogrammen). Zu einem "Duell der Spitzenkandidaten"
wie es in den USA üblich ist, ist es in Deutschland bisher nicht
gekommen, Dass die Berichterstattung insgesamt unparteiisch, fair und
ausgewogen sein soll, versteht sich von selbst und ist bis heute auch
die Regel.
Über Regelberichterstattung und Wahlkampfberichterstattung hinaus
betreibt und finanziert vor allem der öffentlich-rechtliche Rundfunk
eine langfristige Wahlforschung, Sie findet in Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten
statt, die jahrzehntelangen Erfahrungen haben. Ihre Voraussagen sind dementsprechend
präzise, mit einer Abweichung von plus - minus 1,5 Prozent Voraussagen
werden bereits im Vorfeld der Wahl regelmäßig veröffentlicht;
dass dies zur Beeinflussung des Wahlverhaltens führen kann, wird
hingenommen. Am Wahltag selbst werden die Prognosen, die vor den Wahllokalen
noch einmal rektifiziert worden sind, pünktlich um 18. Uhr mit Schließung
der Wahllokale vorgestellt.
Die Spannung, die Wahlen früher über einen ganzen Abend begleitet
hat, löst sich damit zumeist nach wenigen Minuten aus. Mit größeren
Wahlsendungen aus einem zentralen Studio mit Live-Schaltungen in die Wahlforschungsinstitute,
in die Landtage, Parteizentralen und Landeswahlleitungen setzt sich die
Berichterstattung dennoch fort, Dabei kommen Vertreter aller Parteien
in Diskussionen und Statements zu Wort, die das Ergebnis ebenso analysieren,
wie sie auf die künftige Regierungsbildung und Regierungsarbeit vorausschauen.
Am späten Abend wird der Wahltag im öffentlich-rechtlichen,
Rundfunk mit einer größeren zusammenfassenden Sendung und einem
Kommentar abgeschlossen. Es ist wohl weder übertrieben, noch betriebsblind
zu sagen, dass die Berichterstattung über Wahlkämpfe und Wahlen
in Deutschland heute noch immer Sache des öffentlich-rechtlichen
Rundfunks ist. Nur wenige kommerzielle Sender versuchen, ansatzweise zu
konkurrieren; kleinere bedienen sich nicht selten des öffentlich-rechtlichen
Outputs.
In der Summe wage ich die Behauptung, dass die Information über
Wahlkampf und Wahl in Deutschland ein Maximum bietet Sie erscheint aber
auch optimal. Weil immer ein Programm als Ganzes gewertet werden muß
und weil im dualen System mittlerweile viele Programme konkurrieren, verbieten
sich journalistische Einseitigkeiten von selbst, und finden sie doch einmal
statt, werden sie in der Konkurrenz ausgeglichen. In dreißig öffentlich-rechtlichen
Berufsjahren kann ich mich an keine ernsthafte Beschwerde beim Rundfunkrat
und an überhaupt kein Monitum durch den Rundfunkrat erinnern. Dies
spricht auch für die Sensibilität journalistischer Arbeit, die
ihrerseits wiederum den Journalisten ein hohes Maß redaktioneller
Freiheiten verschafft.
Übersetzung ins Russische: Dr. Michail Woronenkov.
Günther von Lojewski - Professor, Doktor.
Freie Universität Berlin.
Ehem. Intendant des Freien Senders Berlin
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