BIBLIOTHEK
Sammlung von unterschiedlichen Beiträgen zu den
Themen Massenmedien, Politik und Gesellschaft

08 / 2002 - Welt
am Sonntag
"Man muss nicht hart werden"
Mitte August 2002 feierte Friede Springer ihren 60. Geburtstag.
Ein Gespräch über Macht, Familie und die Zukunft der Printmedien
WELT am SONNTAG: Ihr Mann sagte, Sie hätten eine bessere
Menschenkenntnis als er.
Friede Springer: Ich war viele Jahre lang bei fast allen Geschäftsgesprächen
dabei. Aber immer nur als Beobachterin. Während Axel sprach, hatte
ich Zeit, die Menschen genau anzuschauen. Deshalb war es für mich
einfacher, sie einzuschätzen. Ich habe ihn vor einigen Leuten gewarnt
und habe damit immer richtig gelegen. Das hat ihm viel geholfen.
WamS: Verlassen Sie sich bei Ihrer Arbeit im Verlag auch auf
ihr Bauchgefühl?
Springer: Nicht nur. Kopf- und Bauchgefühl müssen stimmen.
Erst dann liegt man richtig. Große Irrtümer sind mir nicht
unterlaufen. Ich überlege meine Entscheidungen genau. Und dann stehe
ich dazu. Ich gucke auch nicht zurück. Damit bin ich meistens gut
gefahren.
WamS: Kann ein Presseunternehmen angesichts der Strukturkrise
im Zeitungsgeschäft dauerhaft als Nur-Print-Haus mit Schwerpunkt
bei Zeitungen überleben?
Springer: Das glaube ich bestimmt. Man kann natürlich nicht
50 Jahre in die Zukunft schauen. Aber ich glaube, dass die Menschen auch
dann noch lesen werden. Als wir nicht einmal wussten, was ein Fax ist,
wurde schon prophezeit, die Zeitung werde eines Tages aus dem Telefon
rauskommen. Alles Unsinn. Ich glaube an die Zukunft der Printmedien.
WamS: Braucht ein Verlag wie Springer ein größeres
Engagement in den elektronischen Medien, um sich breiter aufzustellen?
Springer: Sicher ist es besser, wenn wir nicht nur Printmedien
haben, sondern auch am Radio und Fernsehen beteiligt sind. Der Übergang
vom Gutenberg- ins Marconi-Zeitalter begann schon in den 60er-Jahren.
Wenn wir da verstärkt Fuß fassen könnten, wäre ich
sehr dafür. Wir können aber auch ohne Fernsehen erfolgreich
sein.
WamS: Wird es Ihnen gelingen, Ihre Springer-Mehrheit durch
Zukauf aus dem Kirch-Paket auszubauen? Wie steht es um den Verkauf der
40 Prozent?
Springer: Bis Ende August kann Herr Kirch noch selbst darüber
bestimmen und einen Käufer suchen. Ich hätte ganz gern fünf
Prozent davon, wenn möglich.
WamS: Leo Kirch will eine weitere Hauptversammlung erzwingen.
Wie stehen Sie zu ihm persönlich?
Springer: Persönlich ist Leo Kirch ein charmanter Mann.
Und er tut mir wirklich Leid. Seine Firma ist sein Lebenswerk. Und nun
sieht er, wie dieses Werk zwischen den Händen zerbröselt. Wenn
es eine außerordentliche Hauptversammlung gibt, bietet sich Gelegenheit,
die absurden Vorwürfe aus der Welt zu schaffen.
WamS: Bei Bertelsmann nimmt die Eignerfamilie wieder die Zügel
in die Hand. Wo liegen die Chancen, wo die Gefahren eines Eigentümer-geführten
Medienunternehmens?
Springer: Es ist keine Gefahr, wenn eine Familie die Mehrheit
hält. Das ist doch sehr schön! Aber das Management muss die
Familie mitnehmen, sie einbinden, damit die beiden nicht - wie in Gütersloh
- auseinander driften. Und das Management muss Bodenhaftung behalten.
WamS: Der Axel Springer Verlag galt lange als Bühne der
Intrigen ...
Springer: Das war die Zeit nach dem Tod meines Mannes. Da gab
es intern einen Machtkampf. Ich war noch nicht so sicher, wo ich hin will.
So gab es hinter meinem Rücken und vor meinen Augen ein ungutes Gezerre.
Aber nach und nach hat sich das gelegt.
WamS: Sehen Sie sich als Frau anders behandelt in der männerdominierten
Unternehmerwelt?
Springer: Nein. Ich bin mit drei Brüdern aufgewachsen und
arbeite gern mit Männern. Ich sehe weder Vorteile noch Nachteile
für Frauen.
WamS: Wie haben Sie die Zeit unmittelbar nach dem Tod Ihres
Mannes erlebt?
Springer: Das war schwer und hart für mich. Wir haben da
erst richtig gespürt, wie wichtig seine Rolle war, auch wenn er die
letzten zwei Jahre vor seinem Tod nicht mehr sehr aktiv im Verlag war.
Seine Autorität fehlte plötzlich.
WamS: Axel Springers Tod liegt 17 Jahre zurück. Und doch
scheinen Sie Ihr Denken und Tun noch immer an ihm auszurichten. Sie arbeiten
in seinem Büro, an seinem Schreibtisch. Sie sagen: "Ich bin hier
nur zu Gast." Das ist faszinierend und irritierend zugleich.
Springer: Ich habe in seinem Büro nichts verändert.
Er ist immer noch präsent. Wenn ich träume, dann träume
ich von ihm. Wenn ich eine Entscheidung fällen muss, denke ich an
ihn und frage: Wie würde er entscheiden?
WamS: Wo bleiben da Sie selbst?
Springer: Mir hat nichts gefehlt. Wir haben 20 Jahre zusammengelebt
und ich habe mein Leben auf ihn ausgerichtet. Ich habe ihm gedient, das
muss ich so sagen. Und ich habe mich an seiner Seite entwickelt. Ich gebe
es zu: Ich bin sein Produkt. Seine Liebe zu Israel etwa: Ich liebe Israel
genauso wie er es geliebt hat. Es passte einfach. Es war perfekt. Ich
kann es nicht anders erklären.
WamS: Gilt das auch noch für die Zeit ab Mitte der 90er-Jahre,
als Sie immer selbstbewusster in Ihren Entscheidungen wurden, etwa bei
der Auswahl der Führungskräfte des Verlages?
Springer: Natürlich ist meine Sicherheit gewachsen. Ich
habe gesehen, dass getroffene Entscheidungen richtig waren.
WamS: Die meisten Leute, die heute im Verlag Verantwortung
tragen, haben Axel Springer nicht mehr kennen gelernt ...
Springer: Ich habe allen von Axel Springer erzählt. Die
wollen wissen, wer dieser Mensch war, und sie unterstützen seine
Unternehmensgrundsätze. Auch daran zeigt sich, dass es die richtigen
Leute sind.
WamS: Den Charakter eines Menschen erkennt man daran, wie
er mit der Macht umgeht, heißt es. Wie gehen Sie mit Ihrer Macht
um?
Springer: Ich spüre gar nicht, dass ich Macht habe. Man
wählt im Aufsichtsrat einen Chefredakteur oder einen Vorstand. Und
sie müssen dann mit der Macht, die sie bekommen, richtig umgehen.
Ich lasse sie machen. Ich würde nie in die Redaktionsarbeit einer
Zeitung eingreifen. Ich fühle eher Verantwortung als Macht.
WamS: Wie hart muss man werden in der Managementwelt?
Springer: Man muss nicht hart werden. Man muss nur hart gegen
sich selbst sein, sich selbst zurückstellen. Und man muss sich immer
ein Herz bewahren, das ist ganz wichtig.
WamS: Machen Einfluss und Reichtum einsam?
Springer: Dann hätte man selber Schuld. Man muss Freundschaften
pflegen. Ich habe gute Freunde, auf die ich mich verlassen kann. Mit der
Zeit entwickelt man ein Gefühl für wahre Freundschaft.
WamS: Kann man, darf man scheu sein in dieser Welt?
Springer: Ich bin es. Das ist vielleicht ein Hindernis. Aber
ich kann mich ja selbst nicht ändern.
WamS: Tut es Ihnen Leid, dass Sie nie eine eigene Familie,
eigene Kinder hatten?
Springer: Ja, das tut mir Leid. Axel Springer hatte ja schon
Kinder, und er wollte meine Liebe nicht teilen mit einem Kind. Das war
eine bewusste Entscheidung, die er gefällt hat ...
WamS: Aber auch ein Opfer von Ihnen ...
Springer: Ja, das muss ich zugeben. Dieses Opfer habe ich gebracht
für diese Liebe.
WamS: Was betrachten Sie als Sinn Ihres Lebens?
Springer: Dass ich mit dem, was ich tue, im Reinen bin. Dass
ich niemandem Böses antue. Ich könnte kein nutzloses Leben führen,
morgens aufwachen und fragen: Was machst du denn heute? Ich würde
immer eine Herausforderung suchen. Nichts tun wäre nutzloses Leben.
Das ist der Sinn meines Lebens. Ich fühle mich innerlich beauftragt,
meine Arbeit zu tun. Ich hätte auch meine Anteile verkaufen können,
an die Côte d'Azur ziehen und in die Sonne gucken. Aber das wäre
nichts für mich.
WamS: Denken Sie manchmal daran, was aus dem Unternehmen wird,
wenn Sie nicht mehr da sind?
Springer: Ich trage Vorsorge, dass der Axel Springer Verlag nie
in falsche Hände gerät.
Das Gespräch führte Christian Bauschke.
Zur Person: Friede Springer
- Friede Riewerts wird am 15. August 1942 in Oldsum auf der Insel Föhr
geboren
- 1978 heiratet sie Axel Springer
- Friede Springer ist Geschäftsführerin der Axel Springer
Gesellschaft für Publizistik, die 50 Prozent und zehn Aktien hält,
und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Axel Springer Verlag
AG.
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