DEUTSCHE
GESCHICHTE Der Text dieser Seite ist dem Nachschlagebuch
"Tatsachen über Deutschland" entnommen. Herausgegeben vom Presse- und Informationsamt
der Bundesregierung. Societäts-Verlag, Frankfurt/Main, 1998. Redaktion: Dr.
Arno Kappler. Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt des ganzen Nachschlagebuches
ist abrufbar im Internet unter:
http://www.government.de/
"Raketenstreit"
contra Entspannungspolitik
Während in Westeuropa die Einigung weitere Fortschritte machte,
überlagerten neue Konflikte in Osteuropa das Ende des Jahrzehnts
der Entspannung und den Beginn der achtziger Jahre. Der Einmarsch sowjetischer
Truppen in Afghanistan und die Verhängung des Kriegsrechts in Polen
führten ebenso zu einer Klimaverschlechterung in den Ost-West-Beziehungen
wie die Aufstellung von neuen Mittelstreckenraketen (55 20) in der UdSSR.
Es drohte der Rückfall in eine scharfe Konfrontation.
Auf diese gefährliche Destabilisierung der Sicherheitsbalance reagierte
die NATO mit dem Beschluß, ihrerseits ab 1983 mit einer Raketen-Nachrüstung
zu antworten. Zugleich wurden der UdSSR Rüstungskontrollverhandlungen
angeboten (NATO-Doppelbeschluß). Aus Protest gegen die Afghanistan-Invasion
blieben die USA, Großbritannien, Kanada, Norwegen und die
Bundesrepublik den Olympischen Spielen in Moskau 1980 fern.
Für neue Bewegung sorgte die amerikanische Initiative einer sogenannten
Null-Lösung. Die den Abbau der sowjetischen Mittelstreckenraketen
bei gleichzeitigem Verzicht der NATO auf Stationierungen der Pershing-II-Raketen
sowie neuer Marschflugkörper vorsah.
Während Bundeskanzler Schmidt zur Vermeidung von Sicherheitslücken
auf die Nachrüstungsalternative pochte, bemühte er sich gleichzeitig
im deutsch-deutschen Verhältnis um möglichst umfangreiche Schadensbegrenzung.
Trotz der Forderung von Staats- und Parteichef Erich Honecker nach einer
eigenen Staatsbürgerschaft und trotz der drastischen Erhöhung
der Mindestumtauschsätze für West-Besucher reiste Bundeskanzler
Schmidt in die DDR, ohne indessen von Honecker substantielleZugeständnisse
erreichen zu können.
Die zunehmende ideologische Verhärtung des Regimes war nicht zuletzt
eine Reaktion auf die anwachsende Protesthaltung immer größerer
Bevölkerungskreise im Nachbarstaat Polen, wo vor allem Wirtschaftsreformen,
Freiheit und Abrüstung gefordert wurden.
Nachdem sich in Bonn die FDP zu einem wirtschaftspolitischen Kurswechsel
entschlossen hatte und sich aus der Koalition zu lösen begann, kündigte
die Basis der SPD, nicht zuletzt unter dem Druck der Friedensbewegung
und von Teilen der Gewerkschaften, Bundeskanzler Schmidt die Gefolgschaft
auf, weil er unbeirrt am NATO-Doppelbeschluß festhielt.
Am 1. Oktober 1982 wurde Helmut Kohl durch ein konstruktives Mißtrauensvotum
neuer Regierungschef einer CDU/CSU/FDP-Koalition. Er wahrte die sicherheitspolitische
Kontinuität der Bundesregierung und setzte die enge Zusammenarbeit
mit Paris und Washington im Bemühen um den Ausbau und die Sicherung
eines einigen Europas fort. Trotz umfangreicher Friedensdemonstrationen
blieb die Regierung Helmut Kohls fest: Im November 1983 stimmte der Deutsche
Bundestag der Nachrüstung zu. Damit wurde eine Krise der NATO abgewendet.
Schon Mitte der achtziger Jahre begann zwischen den Supermächten
ein neuer Abrüstungsdialog. Die in der Bundesrepublik neu aufgestellten
Raketen konnten bald danach wieder abgebaut werden.
Vom Niedergang der DDR
zur deutschen Einheit
Die am 7. Oktober 1949 gegründete DDR war von Beginn an eine kommunistische
Diktatur, deren Fundament die Herrschaft der Sozialistischen Einheitspartei
Deutschlands und die Präsenz der Roten Armee.
Kommandowirtschaft, Geheimpolizei, SED-Allmacht und strikte Zensur führten
zu einer wachsenden Entfremdung zwischen Bevölkerung und Herrschaftsapparat.
Eine - durch staatliche Preisfestlegung sowie Subventionierung - sehr
preisgünstige materielle und soziale Grundversorgung gab dem geschlossenen
System gleichwohl jene Elastizität, die eine vielfältige Lebensgestaltung
in den sogenannten Nischenexistenzen ermöglichte.
Große internationale DDR-Erfolge im Sport sorgten für Kompensation
ebenso wie die Genugtuung der ,,Werktätigen, trotz extrem hoher
Reparationsleistungen an die Sowjets innerhalb des Ostblocks bald die
höchste Industrieproduktion und den höchsten Lebensstandard
zu haben.
Trotz der Propaganda wuchs in der Bevölkerung zunehmend die Einsicht,
daß die ursprünglich angestrebte wirtschaftliche Überrundung
des Westens Fiktion bleibt. Erschöpfung der Ressourcen und Produktivitätsverluste
infolge von Zentralismus und Planwirtschaft zwangen das SED-Regime, seine
Versprechungen zu strecken. Immer häufiger mußten große
finanzielle Anleihen im Westen aufgenommen werden. Im Konsumgüterbereich
herrschte das Prinzip der Improvisation. Die Lebensqualität nahm
ab. Die Infrastruktur (Wohnungen, Verkehr, Umwelt) verrottete.
Eine umfassende Bespitzelung des gesamten Volkes, Dauerpropaganda und
verlogene Solidaritätsappelle machten den Führungsanspruch der
Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei (Art. 1 der
DDR-Verfassung) vor allem für die junge Generation zur hohlen Vertröstungsrhetorik.
Dagegen forderte die Bevölkerung Rechte zur Selbst- und Mitbestimmung,
vor allem aber mehr individuelle Freiheit sowie mehr und bessere Konsumgüter.
Während die Raketenstationierung, die Pläne der US-Regierung
zum Bau eines weltraumgestützten Verteidigungssystems (SDI-Programm)
und einefortgesetzte Nadelstichpolitik der DDR (z.B. Bau einer zweiten
Mauer am Brandenburger Tor, Behinderungen in den Luftkorridoren nach West-Berlin)
das diplomatische Großklima verschlechterten, brachten DDR-Bürger
ihre eigene Führung in Bedrängnis.
Dazu gehörte zum Beispiel die Weigerung ausreisewilliger DDR-Bürger
die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin wieder zu
verlassen, bevor ihnen die Ausreise in den Westen nicht definitiv zugesagt
worden war. Um Erleichterungen für die Menschen zu erzielen, erwirkte
die Bundesregierung mehrfach große Bankenkredite für die DDR.
Seit Anfang 1985 kamen immer mehr Menschen in die Ständige Vertretung
der Bundesrepublik in Ost-Berlin sowie in die deutschen Botschaften in
Prag und Warschau auf der Suche nach Ausreisemöglichkeiten in die
Bundesrepublik,
Der neue Generalsekretär der KPdSU Michail Gorbatschow erklärte
1986 die Beseitigung der Kernwaffen bis zur Jahrhundertwende zur wichtigsten
politischen Aufgabe. Persönliche Begegnungen des Generalsekretärs
mit US-Präsident Reagan in Genf und Reykjavik, die Konferenz über
Vertrauensbildung und Abrüstung in Stockholm sowie Verhandlungsvorbereitungen
über die Reduzierung der konventionellen Streitkräfte in Europa
waren Ausdruck einer neuenDialogbereitschaft zwischen Ost und West.
Sie förderte deutsch-deutsche Vereinbarungen auf den Gebieten der
Kultur, Bildung und Wissenschaft. Doch vom neuen Schwung der Gorbatschow-Devisen
Perestroika und Glasnost wollte sich die SED-Führung nicht anstecken
lassen.
Wie sehr damit Erwartungen der eigenen Bevölkerung von der DDR-Führung
ignoriert wurden, bezeugten Protest-Demonstrationen in Ost-Berlin am 13.
August, dem Tag des Mauerbaus. Gegen die Fortführung der deutschen
Spaltung zielten Helmut Kohls Worte, die er bei Honeckers Arbeitsbesuch
in Bonn (1987) an den Gast richtete: ,,Wir achten die bestehenden Grenzen,
aber die Teilung wollen wir auf friedlichem Wege durch einen Prozeß
der Verständigung überwinden Wir haben eine gemeinsame Verantwortung
für die Erhaltung der Lebensgrundlagen unseres Volkes.
Ein Fortschritt auf dem Weg der Abrüstung war der Abschluß
des INF-Vertrags zwischen USA und UdSSR. Danach mußten binnen drei
Jahren alle in Europa stationierten amerikanischen und sowjetischen Raketen
mit einer Reichweite von 500 bis 5000 Kilometern abgezogen und vernichtet
werden. Die Bundesrepublik erklärte sich im Gegenzug zur Vernichtung
ihrer 72 Pershing-II-Raketen bereit.
Die allgemeine Entspannung verstärkte in der DDR die Forderung
nach mehr Freiheit und Reformen. Anfang 1988 wurden bei Demonstrationen
in Ostberlin 120 Anhänger der Friedensbewegung Kirche von unten
festgenommen.
Für die Inhaftierten fand in der Gethsemane-Kirche ein Fürbittgottesdienst
statt. Über 2000 Menschen nahmen daran teil; zwei Wochen später
waren es 4000.
In Dresden trieb die Polizei eine Demonstration für Menschenrechte,
Meinungs- und Pressefreiheit auseinander.
Im September 1989 öffnete Ungarn seine Grenze für ausreisewillige
DDR-Bürger, so daß Tausende von ihnen über Österreich
in den Westen gelangen konnten.
Als die DDR-Führung Anfang Oktober 1989 mit großem Gepränge
den 40. Jahrestag der Staatsgründung feierte, kam es vor allem in
Leipzig zu Massenprotesten Wir sind das Volk.
Es wurde deutlich, daß die DDR-Führung unter Honecker keine
Unterstützung von der Sowjetunion bekam.
Als letztes Mittel die Grundpfeiler des SED-Regimes doch noch zu retten,
wurde Honecker am 18. Oktober 1989 zum Rücktritt von der Staats-
und Parteispitze gezwungen. Nachfolger als SED-Generalsekretär und
Staatschef der DDR wurde Egon Krenz, dessen Wende-Versprechungen im
Mißtrauen gegen seine Person erstickten. Unter dem Druck der Entwicklung
traten Ministerrat und Politbüro der SED geschlossen zurück.
Die gewaltfreie sanfte Revolution bewirkte eine Art Lähmung der
Staatsorgane. So wurde es möglich, daß die beiläufige
und umständliche Ankündigung eines neuen freizügigen Reisegesetzes
durch das Berliner SED-Polit-büromitglied Schabowski die Öffnung
der Grenzübergangsstellen in Berlin am Abend des 9. November 1989
und eine unbeschreibliche Nacht voller Freude auslöste. Die Mauer
war offen.
Der Umsturz in der DDR brachte die Chance zur jahrzehntelang erstrebten
Wiedervereinigung Deutschlands. Bundeskanzler Kohl veröffentlichte
deshalb am 28. November 1989 ein Zehn-Punkte-Programm, das durch konföderativer
Strukturen die Herstellung einer Vertragsgemeinschaft ermöglichen
sollte und einen grundlegenden Wandel des politischen und ökonomischen
Systems in der DDR zur Voraussetzung hatte.
Am 15. Januar 1990 demonstrierten in Leipzig 150 000 Menschen mit der
Parole ,,Deutschland einig Vaterland. Die Menschen in der DDR mißtrauten
ihrer neuen Regierung, die von Hans Modrow geführt wurde. Der Sog
des Westens verstärkte sich. Die Destabilisierung der DDR nahm rapide
zu.
Noch zögerte Gorbatschow aber, zumal sich Polen und Ungarn der
Moskauer Führung weiter entzogen, Ceausescu im Dezember 1989 gestürzt
worden war und das sicherheitspolitische Gleichgewicht mit einem Ausscheren
der DDR aus dem Warschauer Pakt ins Wanken geraten mußte. Auch von
westlicher Seite kamen Mahnungen, bei der Schaffung der Einheit ,,den
legitimen Sorgen der Nachbarländer Deutschlands Rechnung zu tragen
US-Außenminister Baker in Berlin).
Der Einigungsprozeß konnte schließlich nur fortgeführt
werden durch die Zusicherung Bonns, mit der Frage der Einheit keine Verschiebung
bestehender Grenzen zu verbinden, im Fall der Vereinigung nicht die NATO-Strukturen
auf das Gebiet der Ex-DDR auszudehnen und in Kompensation des strategischen
Vorteilsgewinns eine Verminderung der deutschen Streitkräfte anzubieten.
US-Präsident Bush stimmte der Einheit unter der Bedingung zu, daß
die Bundesrepublik in der NATO verbleibe. Am 18. März 1990 fanden
in der DDR erstmals nach 40 Jahren freie Wahlen statt. An die Spitze einer
großen Koalition aus CDU, DSU, DA, SPD und FDP trat Lothar de Maiziere
als Ministerpräsident. Mit ihm vereinbarte Bonn den Fahrplan fur
eine Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion zum 1. Juli 1990, nachdem
augenfällig geworden war, daß eine ökonomische Basis für
die Fortsetzung einer staatlichen Eigenexistenz der DDR nicht mehr vorhanden
war und sich die Mehrzahl der Bürger in der DDR für den Beitritt
zur Bundesrepublik entschieden hatte.
Im August 1990 sprach sich die Volkskammer für den schnellstmöglichen
Beitritt der DDR zur Bundesrepublik aus, Am 31. August konnte der entsprechende
Einigungsvertrag von DDR-Staatssekretär Krause und Bundesinnenminister
Schäuble unterzeichnet werden. Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik
gemäß Artikel 23 GG erfolgte am 3. Oktober 1990.
Die wieder neu geschaffenen Länder der DDR - Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern,
Sachsen, Sachsenanhalt und Thüringen, wurden Länder der Bundesrepublik
Deutschland. Berlin wurde zur Hauptstadt bestimmt, und das Grundgesetz
trat, mit gewissen Änderungen, für das Beitrittsgebiet in Kraft.
Die Einheit war möglich geworden, nachdem im juli 1990 Gorbatschow
bei seinen Gesprächen mit Bundeskanzler Kohl und Außenminister
Genscher in Moskau und im Kau-kasus seine Zustimmung zur Vereinigung beider
deutscher Staaten gegeben hatte- Vorbedingung dafür waren der Verzicht
der Bundesrepublik auf ABC-Waffen. Die Reduzierung der Truppenstärke
auf 370000 Mann sowie der Verzicht auf die Ausdehnung von militärischen
NATO-Strukturen auf DDR-Territorium, solange dort sowjetische Truppen
stationiert sein würden.
Deren Rückführung bis Ende 1994 wurde vereinbart. Mit Gorbatschows
Zustimmung wurde der Weg auch frei zur Unterzeichnung des sogenannten
Zwei-plus-Vier-Vertrags im September 1990. Darin bestätigten die
UdSSR, die USA, Frankreich und Großbritannien sowie die Vertreter
der beiden deutschen Staaten die Bildung des vereinten Deutschlands, bestehend
aus den Gebieten der DDR, der Bundesrepublik und Berlins, Deutschlands
Außengrenzen wurden als endgültig anerkannt.
Dem besonderen, historisch bedingten Sicher-heitsbedürfnis Polens
Rechnung tragend, versicherten sich Bonn und Warschau in einem ergänzenden
Vertrag der wechselseitigen Respektierung ihrer territorialen Integrität
und Souveränität.
Mit der Ratifikation des Einigungs- sowie des Zwei-plus-Vier-Vertrags
(Vertrags über endgültige Regelung in bezug auf Deutschland)
endeten die Rechte und Verantwortlichkeiten der vier Siegermächte
in bezug auf Berlin und Deutschland als Ganzes. Deutschland gewann damit
die volle Souveränität über seine inneren wieäußeren
Angelegenheiten zurück.