DEUTSCHE
GESCHICHTE Der Text dieser Seite ist dem Nachschlagebuch
"Tatsachen über Deutschland" entnommen. Herausgegeben vom Presse- und Informationsamt
der Bundesregierung. Societäts-Verlag, Frankfurt/Main, 1998. Redaktion: Dr.
Arno Kappler. Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt des ganzen Nachschlagebuches
ist abrufbar im Internet unter:
http://www.government.de/
Sicherheit durch Westintegration
und europäische Verständigung
Für Bundeskanzler Adenauer, der bis 1963 die Außen- und die
Innenpolitik Deutschlands sehr stark persönlich prägte (Kanzlerdemokratie),
bildete die Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit das
oberste politische Ziel. Unabdingbare Voraussetzung dafür war die
Einbindung Westdeutschlands in die atlantische Sicherheitsgemeinschaft.
Deswegen erfolgte zugleich mit der Aufhebung des Besatzungsstatuts am
5. Mai 1955 der Eintritt der Bundesrepublik in die NATO. Parallel dazu
betrieb man den gemeinsamen Ausbau der Europäischen Gemeinschaften
(Römische Verträge, 1957).
Adenauers Mißtrauen gegenüber Moskau wurzelte so tief, daß
er 1952 gemeinsam mit dem Westen das Angebot Stalins ablehnte, Deutschland
bis zur Oder-Neiße-Grenze unter Neutralitätsstatus wiederzuvereinigen.
Zu unklar erschien ihm das Angebot, als daß er die anstehende Westintegration
der Bundesrepublik dafür aufs Spiel setzen wollte.
Sein Argwohn erschien nur zu berechtigt, als am 17. Juni 1953 der Volksaufstand
in der DDR gegen Unfreiheit und "Normenschinderei" (Hans Mayer)
von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurde. Deutlich war aber auch,
daß sich ohne Moskau substantiell keine Bewegung in die deutsche
Frage bringen ließ. Die nüchterne Staatsräson empfahl
deshalb die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der UdSSR als der
größten Macht in Europa.
Die Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn durch sowjetische
Truppen im November 1956 sowie der "Sputnik-Schock (4. Oktober 1957)
signalisierten einen beachtlichen Stärkezuwachs der UdSSR. Eräußerte
sich in weiteren Zwangsmaßnahmen im Rahmen des sozialistischen Gesellschaftsaufbaus
in der DDR, aber vor allem im Berlin-Ultimatuin des Stalin-Nachfolgers
Nikita Chruschtschow. Der dieRäumung Westberlins durch die Westalliierten
innerhalb von sechs Monaten verlangte. Deren entschiedene Ablehnung veranlaßte
Chruschtschow zu dem Versuch in der Berlinfrage mit Locktönen voranzukommen.
In der Tat führte der Besuch Chruschtschows in den USA 1959 zu
beachtlichen atmosphärischen Verbesserungen (Geist von Camp David").
Jedenfalls meinte US-Präsident Eisenhower zum Mißfallen der
Bonner Regierung, Rechtsverletzungen der Sowjets in Berlin seien nicht
so gravierend, daß sie außerhalb Deutschlands als Grund für
einen Gewaltkonflikt bewertet werden mußten.
Die Beunruhigung Bonns hinsichtlich der Sicherheit Berlins nahm zu,
als mit der Präsidentschaft John F. Kennedys ein Generationenwechsel
in der Spitze der US-Politik eintrat. Der Adenauers Einfluß auf
die amerikanische Europa-Politik erheblich reduzierte. Zwar garantierte
Kennedy in seinen drei Essentials" (25. Juli 1961) den freien Zugang.
Die Präsenz der Westmächte und die Sicherheit Westberlins, aber
über diplomatische Proteste und symbolische Drohgebärden ging
die Reaktion der Alliierten auf den Bau der Berliner Mauer (13. August
1961) nicht hinaus.
Erneut konnte Moskau sein Protektorat absichern. Mit Sperranlagen, Todesstreifen
und Pressionen wurde die "Abstimmung mit den Füßen gegen
das DDR-Regime unterdrückt, Vor dem Mauerbau hatten fast drei Millionen
Menschen die DDR verlassen; allein im Juli 1961 waren über 30 000
geflüchtet.
Trotz des Baus der Mauer und den von der Kuba-Krise 1962 ausgelösten
Spannungen setzte sich der durch die atomare Pattsituation erzwungene
Prozeß der Verständigung zwischen den beiden Supermächten
fort. Entsprechend mußte Bonn stärker nach eigenen Wegen suchen,
und die zeitweilige Distanzierung zu Washington wurde in der Tat durch
den Sommer der französischen Freundschaft" nach außen hin
kompensiert.
Mit dem Abschluß des Elysee-Vertrags im Januar 1963 erreichte
die deutsch-französische Aussöhnung ihren Höhepunkt. Der
Vertrag bildete die Grundlage für eine Annäherung der beiden
Völker und eine intensive Zusammenarbeit in vielen Bereichen.
Um die neue Qualität der beiderseitigen Beziehungen zu unterstreichen,
hatte de Gaulle bei seinem triumphalen Staatsbesuch in Bonn (1962), wenige
Monate vor der Vertragsunterzeichnung, von "dem großen deutschen
Volk" gesprochen.
Man müsse, so der General, den Zweiten Weltkrieg weniger in der
Kategorie der Schuld als in jener der Tragik sehen.
Mit der Verständigungspolitik nach Westen korrespondierte eine
atmosphärische Aufklärung im Verhältnis zu Osteuropa. Im
Dezember 1963 hatte die NATO in Athen mit ihrer neuen Strategie der abgestuften
Reaktion (flexible response") anstelle der massiven Vergeltung (massive
retaliation") ein entsprechendes Signal gesetzt.
Um mehr Bewegung in die starren Fronten zu bringen, suchte die Bundesrepublik
nach besseren Beziehungen zumindest zu den Staaten im Vorfeld der UdSSR.
Ohne offiziell die Hallstein-Doktrin (ihr Grundsatz war es, keine diplomatischen
Beziehungen zu Staaten aufzunehmen, die ihrerseits diplomatische Beziehungen
zur DDR unterhielten oder aufnahmen) als Bremse gegen die diplomatische
Anerkennung der DDR aufzugeben, richteten die Nachfolger Adenauers, Ludwig
Erhard und Kurt Georg Kiesinger, ihre Politik an den Realitäten in
Mitteleuropa aus. Dies geschah auch als Antwort auf die neue außenpolitische
Linie der SPD-Opposition, für die Egon Bahr am 15. Juli 1963 die
Formel Wandel durch Annäherung" geprägt hatte.
1m Westen intensivierte sich die Arbeit zur Bildung der Europäischen
Gemeinschaft (EG) aus der Europäischen Gemeinschaft für Kohle
und Stahl (EGKS). Der Europäischen Atomgemeinschaft (EURATOM) und
der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG, 8. April 1965).
Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel trotz panarabischen
Protests war ein wichtiger Schritt deutscher Verständigungspolitik.
Anfang 1967 nahm Bonn diplomatische Beziehungen zu Rumänien auf.
Im Juni 1967 folgte die Errichtung von Handelsmissionen in Bonn und Prag.
Der Harmel-Bericht vom Dezember 1967 bereitete weitere Entspannungsschritte
zumindest vor, indem er als Doppelziel der westlichen Allianz militärische
Stärke bei gleichzeitiger Dialogbereitschaft gegenüber dem Ostblock
festschrieb.
Neben der Aussöhnung mit den europäischen Nachbarn und der
Integration in die westliche Staatengemeinschaft hatte Adenauer ganz besonderes
Gewicht auf die Wiedergutmachung gegenüber dem jüdischen Volk
gelegt. Sechs Millionen Juden waren dem systematischen Ausrottungsfeldzug
der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen. Es war nicht zuletzt die intensive
persönliche Beziehung zwischen dem ersten Bundeskanzler und dem israelischen
Ministerpräsidenten Ben Gurion.
Unvergessen ist das Treffen der beidenStaatsmänner am 14. März
1960 im New Yorker Waldorf-Astoria-Hotel. Adenauer unterstrich 1961 vor
dem Parlament: Die Bundesrepublik könne nur dann den vollständigen
Bruch der Deutschen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit dokumentieren,
wenn auch materielle Wiedergutmachung geleistet würde.
Bereits 1952 war in Luxemburg ein erstes Abkommen zur Zahlung von Eingliederungshilte
für jüdische Flüchtlinge in Israel unterzeichnet worden. Von
den insgesamt rund 90 Milliarden Mark für die Wiedergutmachung gingen
etwa ein Drittel an Israel und jüdische Organisationen, insbesondere
an die Jewish Claims Conference, einen Härtefonds für jüdische
Verfolgte in aller Welt. Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen
Israel und der Bundesrepublik folgte allerdings erst 1965.
Deutsch-deutscher Dialog
trotz Abgrenzung der DDR
Trotz weiterer Abgrenzungsmaßnahmen der DDR (z.B. Paß- und
Visum-Pflicht für den Transitverkehr zwischen der Bundesrepublik
und West-Berlin) und trotz des Schlags des Warschauer Pakts gegen die
Prager Reformpolitik (Prager Frühling", 1968) führte die "Breschnew-Doktrin
von der Unteilbarkeit der sozialistischen Gebiete nicht zu gravierenden
Rückschlägen im eingeleiteten Entspannungsprozeß. Im April
1969 erklärte sich Bonn zu vertraglichen Vereinbarungen mit der DDR
unterhalb der Schwelle ihrer völkerrechtlichen Anerkennung bereit.
Freilich konnten deutsch-deutsche Übereinkünfte ohne vorherige
Verständigung mit Moskau schwerlich erzielt werden. Als von dort
der Vorschlag für ein Gewaltverzichtsabkommen in Bonn eintraf, gewann
die sogenannte "Neue Ostpolitik" der am 21. Oktober 1969 gebildeten Regierung
der Sozialliberalen Koalition rasch Konturen.
Wenige Monate zuvor (5. März 1969) war Gustav Heinemann, schon
zur Zeit Adenauers ein entschiedener Befürworter der Ost-West-Verständigung,
Bundespräsident geworden. Daneben stand mit Willy Brandt ein Mann
des aktiven Widerstandes gegen die Hitlerdiktatur an der Spitze einer
Bundesregierung, die ihre Energien auf den Aufbau einer gesamteuropäischen
Friedensordnung richtete.
Die weltpolitischen Rahmenbedingungen waren günstig.
Moskau und Washington führten Gespräche über die Begrenzung
der strategischen Rüstung (SALT) und die NATO schlug Verhandlungen
über beiderseitige ausgewogene Truppenreduzierungen vor.
Am 28. November 1969 trat die Bundesrepublik dem Atomwaffen-Sperrvertrag
bei. Insgesamt setzte sich die neue Regierung nach den innenpolitischen
Turbulenzen der großen Koalition (Vietnamkonflikt, Notstandsgesetze,
Auschwitzprozesse, Außerparlamentarische Opposition, Kulturrevolten
der akademischen Jugend) unter einen starken Erfolgsdruck bei der Einleitung
ihrer Verständigungspolitik. Während die Gespräche über
Gewaltverzicht in Moskau und Warschau anliefen, sondierten Bonn und Ostberlin
ebenfalls Möglichkeiten einer besseren Verständigung.
Am 19. März 1970 trafen erstmals die Regierungschefs beider deutscher
Staaten, Brandt und Stoph, in Erfurt zusammen. Die Begegnung setzte am
21. Mai 1970 ihre in Kassel fort. Im August 1970 konnte in Moskau der
Vertrag uber Gewaltverzicht und die Anerkennung des Status quo unterzeichnet
werden. Beide Unterzeichner versicherten, keine Gebietsansprüche
gegen "irgend jemand" zu haben.
Am 7. Dezember desselben Jahres folgte die Unterzeichnung des Warschauer
Vertrags, in dem die Unverletzlichkeit der bestehenden Grenze (Oder-Neiße-Linie)
bekräftigt wurde.
Warschau und Bonn versicherten, keine Gebietsansprüche gegeneinander
zu haben, und bekundeten die Absicht, die Zusammenarbeit zwischen beiden
Ländern zu verbessern. In einer Information" über humanitäre
Maßnahmen stimmte Warschau der Aussiedlung Deutscher aus Polen und
ihrer Familienzusammenführung durch das Rote Kreuz zu.
Um die vertragliche Ratifikation zu ermöglichen, wurde von Frankreich,
Großbritannien, den USA und der UdSSR das Viermächte-Abkommen
über Berlin unterzeichnet, wonach die Westsektoren Berlins kein konstitutiver
Teil der Bundesrepublik waren, gleichzeitig aber die Vertretungsbefugnisse
Bonns für West-Berlin anerkannt wurden. Ebenfalls sollten die Bindungen"
zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik verbessert und die Beziehungen
zwischen Ost-Berlin DDR und West-Berlin ausgebaut werden.
Nach dem gescheiterten Mißtrauensvotum gegen Brandt billigte der
Bundestag am 17. Mai 1972 die Verträge mit der Sowjetunion und Polen.
Die meisten Abgeordneten der CDU/ CSU enthielten sich der Stimme. Der
Bundestag bekräftigte in einer interpretierenden Entschließung"
zu den Verträgen, daß diese nicht im Widerspruch zur friedlichen
Wiederherstellung der deutschen Einheit stunden. Ergänzt wurden die
Ostverträge schließlich mit dem deutsch-deutschen Grundlagenvertrag,
dem Gespräche und Verhandlungen seit Juni 1972 vorausgegangen waren.
Nach Willy Brandts Wiederwahl zum Bundeskanzler am 14. Dezember 1972
war der Weg frei zur Vertragsunterzeichnung im Dezember desselben Jahres.
In dem schrieben die Partner den Verzicht auf die beiderseitige Androhung
und Anwendung von Gewalt fest, ebenso die Unverletzlichkeit der deutsch-deutschen
Grenze sowie die Respektierung der Unabhängigkeit und Selbständigkeit
beider Staaten.
Ferner bekräftigten sie die Bereitschaft zur Regelung praktischer
und humanitärer Fragen. Aufgrund der besonderen Qualität ihrer
Beziehungen wurde die Errichtung von Vertretungen" statt der üblichen
Botschaften vereinbart. Bei Vertragsschluß wurde ein Brief übergeben,
in dem die Bundesregierung den Willen zur deutschen Einheit betonte. Daß
der Vertrag diesem Ziel nicht zuwiderlief, ließ sich die bayerische
Staatsregierung vom Bundesverfassungs-gericht bestätigen. Es stellte
zudem fest, daß das Deutsche Reich völkerrechtlich fortbestehe
und mit der Bundesrepublik teilidentisch sei. Die DDR könne nicht
als Ausland, sondern nur als Inland gelten.
1973 wurde der Prager Vertrag zwischen der Tschechoslo-wakei und der
Bundesrepublik unterzeichnet, Darin wurde das Münchener Abkommen
von 1938 "nach Maßgabe dieses Vertrages als nichtig erkannt. Die
Unverletzlichkeit der Grenzen und der Gewaltverzicht gehörten ebenfalls
zu den Vereinbarungen.
Während in Wien Verhandlungen über beiderseitige ausgewogene
Truppenreduzie-rungen (MBFR) anliefen, ein sowjetisch-amerikanisches Abkommen
über die Verhinderung eines Atomkriegs zustande kam und in Helsinki
35 Staaten die Konferenz über Sicherheit und Zusammen-arbeit in Europa
(KSZE) abhielten, wandelte sich das Verhältnis der DDR zur Bundes-republik
nicht wesentlich.
Gleichwohl bemühte sich auch Helmut Schmidt um die Fortführung
einer Politik des Ausgleichs. Er hatte am 16. Mai 1974 den wegen eines
Spionagefalls (Guillaume-Affäre) zurückgetretenen Willy Brandt
im Amt des Bundeskanzlers abgelöst.
Die KSZE-Schlußakte von Helsinki (1975), die Freizügigkeit
im grenzüberschreitenden Verkehr sowie mehr Achtung von Menschen-
und Bürgerrechten verhieß, wurde zur Grundlage für den
Widerstand gegen die erstarrten autoritären Regime Mittel- und Osteuropas.
Die Bundesrepublik verfolgte um der Menschen in der DDR willen konsequent
ihre Politik der Verständigung und des Zusammenhalts weiter. So wurden
1978 mit der DDR der Bau der Autobahn Berlin-Hamburg sowie die Instandsetzung
der Transit-Wasserstraßen nach West-Berlin unter erheblicher Kostenbeteiligung
der Bundesrepublik vereinbart.
Außerdem ging der Freikauf politischer Häftlinge aus der
DDR weiter. Letztlich zahlte Bonn für die Entlassung von 33755 Personen
und für 250 000 Familienzusammenführungen über 3,5 Milliarden
DM an die DDR.