DEUTSCHE
GESCHICHTE
Der Text dieser Seite ist dem Nachschlagebuch
"Tatsachen über Deutschland" entnommen. Herausgegeben vom Presse- und Informationsamt
der Bundesregierung. Societäts-Verlag, Frankfurt/Main, 1998. Redaktion: Dr.
Arno Kappler. Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt des ganzen Nachschlagebuches
ist abrufbar im Internet unter:
http://www.government.de/
Vom Feindstaat zur Partnerschaft 
In Westdeutschland hatte US-Außenminister Byrnes mit seiner Stuttgarter
Rede am 6. September 1946 den Wandel sichtbar gemacht. Stalins Okkupation
und Grenzziehungen Polens wurden als bloß vorläufig bezeichnet.
In Westdeutschland veränderte sich nach seinem Konzept die militärische
Präsenz der Westalliierten von der Besatzungs- und Kontroll- zur
Schutzmacht. Auf Initiative Großbritanniens und der USA wurde schließlich
nach Überwindung des französischen Widerstandes die Trizone
als einheitliches westliches Wirtschaftsgebiet errichtet. Die Gefahr eines
weiteren sowjetischen Vorrückens nach Westen im Anschluß an
den Staatsstreich in Prag am 25. Februar 1948 bewog Frankreich zuletzt
dazu auch die westliche Bündnisräson zu übernehmen. Byrnes
Vorstellungen fanden in der Bildung des Brüsseler Paktes (17. März
1948) und schließlich im Nordatlantik-Vertrag (4. April 1949) ihren
sichtbaren Ausdruck.
Für die Funktionsfähigkeit einer solchen Vertragsgemeinschaft
war die einheitliche politische und wirtschaftliche Organisation Westdeutschlands
unerläßlich. Entsprechend einigten sich auf der Londoner Sechs-Mächte-Konferenz
(23. Februar bis 3. März; 20. April bis 1. Juni 1948) unter erstmaliger
Beteiligung der Beniluxstaaten Frankreich, Großbritannien und die
USA auf eine gemeinsame staatliche Ordnung der westlichen Besatzungszonen.
Am 20. März 1948 hatte auf der 82. Kontrollratssitzung der sowjetische
Vertreter, Marschall Sokolowski Auskunft über die Londoner Verhandlungen
verlangt. Nachdem seine westlichen Kollegen ausweichend antworteten, verließ
Sokolowski den Kontrollrat und kehrte nicht zurück.
Während die Westmächte noch mit der Ausarbeitung ihrer Empfehlungen
für die westdeutschen Ministerpräsidenten zur Einberufung einer
verfassunggebenden Versammlung beschäftigt waren, nahm Stalin die
Einführung der deutschen Mark im Westen (Währungsreform am 20.
Juni 1948) zum Anlaß, mit einer Blockade Westberlins dessen Einverleibung
in die Sowjetisch Besetzte Zone zu erzwingen.
In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 1948 wurde jede Landverbindung
zwischen den Westzonen und Westberlin gesperrt. Die Versorgung der Stadt
aus dem Ostsektor mit Energie bzw., mit Lebensmitteln aus der SBZ hörte
auf, Bis zum 12. Mai 1949 wurde West-Berlin über eine alliierte Luftbrücke
versorgt. Diese sichtbare Verbundenheit mit Berlin als Vorposten westlicher
Politik und Lebenskultur sowie Amerikas Demonstration der Stärke
förderten in Westdeutschland die Bereitschaft zur Zusammenarbeit
mit den Besatzungsmächten.
Die Gründung der BRD
Bereits seit 1946 hatte Westdeutschland amerikanische Auslandshilfe erhalten
(GARIOA-Programm). Aber erst mit dem Kampfprogramm gegen ,,Hunger, Armut,
Verzweiflung und Chaos (Marshall-Plan) erhielt Westdeutschland die entscheidende
Anschubhilfe (von 1948 bis 1952 1,4 Milliarden Dollar) für seinen
Wiederaufbau.
Während in der Sowjetisch Besetzten Zone die Sozialisierung der
Industrie voranging, setzte sich in Westdeutschland mit der Währungsreform
zunehmend das Modell der ,,Sozialen Marktwirtschaft (Alfred Müller-Armack
1947) durch. Die neue Wirtschaftsordnung sollte auf der einen Seite eine
,,Versumpfung des Kapitalismus (Walter Eucken), auf der anderen Seite
einen planwirtschaftlichen Zentralismus als Hemmschuh für Kreativität
und Initiative verhindern. Diese Wirtschaftsordnung wurde im Bonner Grundgesetz
durch das Rechtsstaats- sowie Sozialstaatsprinzip und durch den föderativen
Aufbau derBundesrepublik ergänzt.
Die ausgearbeitete Verfassung wurde bewußt als Grundgesetz bezeichnet,
um den provisorischen Charakter zu unterstreichen. Eine endgültige
Verfassung sollte erst nach der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands
verabschiedet werden. Mit der feierlichen Verkündigung durch den
Parlamentarischen Rat in Bonn trat das Grundgesetz am 23. Mai 1949 in
Kraft.
In dieses Grundgesetz flossen naturgemäß viele Vorstellungen
der westlichen Besatzungsmächte ein, die am 1. Juli 1948 (Frankfurter
Dokumente) die westdeutschen Ministerpräsidenten mit der Ausarbeitung
einer Verfassung betraut hatten. Zugleich spiegeln sich in ihm aber auch
die Erfahrungen mit der Weimarer Republik und dem nationalsozialistischen
Unrechtsstaat. Der Verfassungskonvent von Herrenchiemsee (10. bis 23.
August 1948) sowie der Parlamentarische Rat in Bonn (65 aus den Landtagen
delegierte Mitglieder traten am 1. September 1948 zusammen) banden im
Grundgesetz die künftigen Regierungen, Parteien und sonstigen politischen
Kräfte an die Prinzipien eines vorverlagerten Rechtsschutzes.
Alle Bestrebungen zur Abschaffung der freiheitlichen demokratischen
Grundordnung, sämtliche Versuche, sie durch eine Rechts- oder Linksdiktatur
abzulösen, sind seither straf- und verbotswürdig. Folgerichtig
hat sich die Bundesrepublik in einem eigenen Artikel 23 des Grundgesetzes
(Europa-Artikel) verpflichtet, die demokratischen, rechtsstaatlichen,
sozialen und föderativen Grundsätze in einem vereinten Europa
zu gewährleisten.
Diese Verpflichtungen erklären sich als eine unmittelbare Reaktion
auf die Erfahrungen der NS-Diktatur. Sie hatte einst Not und Bedrängnis
über die meisten,,Politiker der ersten Stunde gebracht, die nun
nach 1945 aktiv in den Neuaufbau Deutschlands demokratische Traditionen
aus dem Geist von 1848/49 und 1919 sowie aus dem ,,Aufstand des Gewissens
am 20. Juli 1944 einbrachten.
Sie alle verkörperten vor den Augen der Welt das andere Deutschland
und gewannen den Respekt der Besatzungsmächte. Solche Männer
wie der erste Bundespräsident Theodor Heuss (FDP). Der erste Bundeskanzler
Konrad Adenauer (CDU), Ludwig Erhard (CDU) als ,,Lokomotive des ,,Wirtschaftswunders,
aber auch die großen Oppositionsführer der SPD wie Kurt Schumacher
oder Erich Ollenhauer sowie der Weltbürger Carlo Schmid gaben dem
neuen Parteiwesen in Westdeutschland ein unverkennbares Profil. Zug um
Zug erweiterten sie die deutschen Mitspracherechte und den politischen
Einfluß (Be-satzungsstatut, Petersberger Abkommen, GATT-Mitgliedschaft,
Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl).
Im Juli 1951 erklärten Großbritannien, Frankreich und die
USA den Kriegszustand mit Deutschland für beendet. Die UdSSR folgte
damit im Januar 1955.
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