DEUTSCHE
GESCHICHTE
Der Text dieser Seite ist dem Nachschlagebuch
"Tatsachen über Deutschland" entnommen. Herausgegeben vom Presse- und Informationsamt
der Bundesregierung. Societäts-Verlag, Frankfurt/Main, 1998. Redaktion: Dr.
Arno Kappler. Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt des ganzen Nachschlagebuches
ist abrufbar im Internet unter:
http://www.government.de/
Hochmittelalter
Den Übergang vom ostfränkischen zum deutschen Reich setzt man
gewöhnlich mit dem Jahre 911 an, in dem nach dem Aussterben der Karolinger
der Frankenherzog Konrad l. zum König gewählt wurde.
Er gilt als der erste deutsche König. (Der offizielle Titel war
fränkischer König, später römischer König;
der Reichsname lautete seit dem 11. Jahrhundert Römisches Reich,
seit dem 13. Jahrhundert Heiliges Römisches Reich; im 15. Jahrhundert
kam der Zusatz Deutscher Nation auf).
Das Reich war eine Wahlmonarchie; der König wurde vom hohen Adel
gewählt. Daneben galt das Geblütsrecht: Der neue König
sollte mit seinem Vorgänger verwandt sein. Dieser Grundsatz wurde
mehrfach durchbrochen; wiederholt kam es auch zu Doppelwahlen.
Eine Hauptstadt besaß das mittelalterliche Reich nicht; der König
regierte im Umherziehen. Es gab keine Reichssteuern; seinen Unterhalt
bezog der König vor allem aus Reichsgütern, die er treuhänderisch
verwaltete.
Seine Autorität wurde nicht ohne weiteres anerkannt. Nur wenn militärische
Stärke und geschickte Bündnispolitik hinzukamen, konnte er sich
bei den mächtigen Stammesherzögen Respekt verschaffen. Dies
gelang erst Konrads Nachfolger, dem Sachsenherzog Heinrich l. (919-936),
und in noch höherem Maße dessen Sohn Otto l. (936-973). Otto
machte sich zum wirklichen Herrscher des Reichs. Seine Machtfülle
fand Ausdruck darin, daß er sich 962 in Rom zum Kaiser krönen
ließ. Seither hatte der deutsche König Anwartschaft auf die
Kaiserwürde.
Das Kaisertum war der Idee nach universal und verlieh seinem Träger
die Herrschaft über das gesamte Abendland. Volle politische Wirklichkeit
wurde diese Idee freilich niemals.
Zur Kaiserkrönung durch den Papst mußte sich der König
nach Rom begeben. Damit begann die Italienpolitik der deutschen Könige.
300 Jahre lang konnten sie ihre Herrschaft in Ober- und Mittelitalien
behaupten, wurden jedoch dadurch von wichtigen Aufgaben in Deutschland
abgelenkt. So kam es schon unter den Nachfolgern Ottos zu schweren Rückschlägen.
Ein neuer Aufschwung trat unter der folgenden Dynastie der Salier auf.
Mit Heinrich III. (1039-1056) stand das deutsche König- und Kaisertum
auf dem Höhepunkt der Macht; vorallem behauptete es entschieden seinen
Vorrang gegenüber dem Papsttum. Heinrich IV. (1056-1106) konnte diese
Stellung nicht halten. In der Auseinandersetzung um das Recht zur Bischofseinsetzung
(Investiturstreit) siegte er zwaräußerlich über Papst
Gregor VII.; sein Bußgang in Canossa (1077) bedeutete aber für
das Kaisertum eine nicht wiedergutzumachende Rangeinbuße. Kaiser
und Papst standen sich seither als gleichrangige Mächte gegenüber.
1138 begann das Jahrhundert der Staufer-Dynastie. Friedrich l. Barbarossa
(1152-1190) kämpft mit dem Papst, den oberitalienischen Städten
und seinem Hauptrivalen in Deutschland, dem Sachsenherzog Heinrich dem
Löwen, das Kaisertum zu einer neuen Blüte. Jedoch begann unter
ihm eine territoriale Zersplitterung, die letztlich die Zentralgewalt
schwächte.
Unter Barbarossas Nachfolgern Heinrich VI. (1190-1197) und Friedrich
II. (1212-1250) setzte sich trotz großer kaiserlicher Machtfülle
diese Entwicklung fort. Die geistlichen und weltlichen Fürsten wurden
zu halbsouveränen Landesherren.
Mit dem Untergang der Staufen (1268) endete faktisch das universale
abendländische Kaisertum. Die auseinanderstrebenden Kräfte im
Innern hinderten Deutschland daran, zum Nationalstaat zu werden - ein
Prozeß, der gerade damals in anderen Ländern Westeuropas einsetzte.
Hier liegt eine der Wurzeln dafür, daß die Deutschen zur verspäteten
Nation wurde.
Mit Rudolf l. (1273-1291) kam erstmals ein Habsburger auf den Thron.
Materielle Grundlage des Kaisertums waren jetzt nicht mehr die verlorengegangenen
Reichsgüter, sondern die Hausgüter der jeweiligen Dynastie;
und Hausmachtpolitik wurde das Hauptinteresse eines jeden Kaisers.
Die Goldene Bulle Karls IV. von 1356, eineArt Reichsgrundgesetz, verlieh
sieben herausgehobenen Fürsten, den Kurfürsten, das ausschließliche
Recht zur Königswahl und gab ihnen noch weitere Vorrechte gegenüber
den anderen Größen.
Während die kleinen Grafen, Herren und Ritter allmählich an
Bedeutung verloren, gewannen die Städte dank ihrer wirtschaftlichen
Macht an Einfluß. Der Zusammenschluß zu Städtebünden
brachte ihnen eine weitere Stärkung. Der wichtigste dieser Bünde,
die Hansa, wurde im 14. Jahrhundert zur führenden Macht des Ostseeraums.
Seit 1438 war die Krone - obwohl das Reich formell eine Wahlmonarchie
blieb - praktisch erblich im Hause Habsburg, das unterdessen zur stärksten
Territorialmacht geworden war. Im 15. Jahrhundert erhoben sich zunehmend
Forderungen nach einer Reichsreform. Maximilian l. (1493-1519), der als
erster den Kaisertitel ohne Krönung durch den Papst annahm, suchte
eine solche Reform zu verwirklichen, aber ohne Erfolg. Die von ihm geschaffenen
oder neu geordneten Einrichtungen - Reichstag, Reichskreise, Reichskammergericht
- hatten zwar Bestand bis zum Ende des Reiches (1806), vermochten aber
dessen fortschreitende Zersplitterung nicht aufzuhalten. Es entwickelte
sich ein Dualismus von Kaiser und Reich: dem Reichsoberhaupt standen
die Reichsstände -Kurfürsten, Fürsten und Städte -
gegenüber.
Die Macht der Kaiser wurde durch Kapitulationen, die sie bei ihrer
Wahl mit den Kurfürsten vereinbarten, begrenzt und zunehmend ausgehöhlt.
Die Fürsten, insbesondere die großen unter ihnen, dehnten ihre
Rechte auf Kosten der Reichsgewalt kräftig aus. Dennoch hielt das
Reich weiter zusammen: Der Glanz der Kaiserkrone war noch nicht verblichen,
die Reichsidee war lebendig geblieben, und den kleinen und mittleren Territorien
bot der Reichsverband Schutz vor Übergriffen mächtiger Nachbarn.
Die Städte wurden zu Zentren wirtschaftlicher Macht; sie profitierten
vor allem vom zunehmenden Handel. In Textilindustrie und Bergbau entstanden
Wirtschaftsformen, die über das Zunftwesen der Handwerker hinausführten
und wie der Fernhandel schon frühkapitalistische Züge trugen.
Gleichzeitig vollzog sich ein geistiger Wandel, gekennzeichnet durch Renaissance
und Humanismus.
Der neuerwachte kritische Geist wandte sich vor allem gegen kirchliche
Mißstände.
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